Kein Gottesdienst in den Rosenheimer Kirchen – auch nicht an Ostern

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Überall entwickeln Kirchengemeinden Alternativen, um für Gläubige in der Krisenzeit eine Anlaufstelle zu bleiben. 
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Eine beispiellose Zwangspause: Zumindest bis 19. April sind vom Erzbistum alle Gottesdienste ausgesetzt – auch in Rosenheim. Auch die Ostermesse. Der Rosenheimer, Bad Aiblinger und Chemseer Dekan Daniel Reichel plant für die Karwoche ein „Segenspaket“.

Rosenheim – „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Pfarrer denken derzeit bei diesem Zitat nicht nur an Jesus, sondern auch an die Gefahr: Wo Menschen zusammenkommen, ist die Furcht vor Corona unter ihnen. 

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Also gilt seit vergangener Woche für die Kirchen, was fürs öffentliche Leben allgemein gilt: Alles ist runtergefahren worden, persönliche Kontakte sind auf ein Minimum reduziert. Seit über einer Woche finden keine Gottesdienste mehr statt, das Leben in den Gemeinden hat sich fundamental geändert. Woraus besteht denn die Gemeinschaft der Gläubigen, wenn jeder für sich zu Hause bleibt?

„Fangen viel durch Hausgottesdienste auf“

Telefontermin mit den Heimatzeitungen des Oberbayerischen Volksblatts. Daniel Reichel, Dekan für Rosenheim, Bad Aibling und Chiemsee, kommt gerade von einer Videokonferenz mit seinen Mitarbeitern. Ist nach über einer Woche so etwas wie Normalität im Ausnahmezustand eingekehrt? „Es herrscht noch immer Verunsicherung“, sagt Daniel Reichel, „Man spürt, wie sich die Menschen Sorgen etwa um Familienangehörige machen.“

„Im Geiste verbunden bleiben“: Kirchenglocken läuten durch die Corona-Krise

Die Botschaft lautet: Wir sind für euch da

Daniel Reichel ist nicht nur Dekan, er ist auch Pfarrer der Stadtteilkirche am Wasen. An den Türen dort hingen schon in den Tagen vor der offiziellen Beschränkung des Ausgangs gelbe Zettel mit Telefonnummern zum Abreißen. „Corona-Krise - Wir sind für Sie da“ steht auf dem Zettel, dazu die Nummer 0162/988 03 23. Wer Sorgen hat, ein Anliegen, Anregungen, der kann anrufen, sagen die Mitarbeiter der Kirche, darunter Kaplan Mathias Klein-Heßling. Die kleinen Zettel werden auch abgerissen, sagt Daniel Reichel. 

Aber die Zahl der Anrufe bleibe dann doch deutlich unter der der Zettel. „Ich kann nicht sagen, dass wir im Moment die ersten Ansprechpartner sind.“ Was sich ändern könne. Noch befänden sich die Menschen in der Phase der Organisation und Planung, mit Fragen wie habe ich genug zum essen, wie können sich Nachbarn untereinander helfen? Der Gottesdienst fehle in dieser Phase den Menschen nicht so sehr, meint Reichel, „allerdings fangen wir auch viel durch Hausgottesdienste auf.“ Hausgottesdienste – das ist ein Gottesdienst in Schriftform, inklusive geistlicher Lieder. Dafür bestehe einige Nachfrage, sagt Reichel. Und über Videochat und Telefon sei man weiterhin für die Menschen da.

Miteinander reden - übers Telefon

Über Wege des Gebets denkt auch Hannelore Maurer nach. „Menschen benötigen Begleitung, zum Beispiel in der Trauer“. sagt die Gemeindereferentin in St. Nikolaus in Rosenheim. „Es ist wichtig, dass ich mit den Menschen in Kontakt bleibe.“ Wo man von Angesicht zu Angesicht nicht reden könne, müsse man eben übers Telefon miteinander kommunizieren. Sie denkt, wie die meisten ihrer Kollegen in der Seelsorge, darüber nach, wie man die Digitalisierung nutzen kann. „Zum Beispiel, ob man Gedanken zum Sonntag via Whatsapp verbreiten kann.“ 

Andere, wie David Mehlich vom Pfarrverband Obing, sind auf den sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram aktiv und machen sich Gedanken, wie man diese Angebote ausbauen kann. Vertreten ist dort auch die Stadtteilkirche Rosenheim. Und Reichel weist auch auf die Live-Stream-Angebote des Erzbistums hin. Aber er sagt auch: „Die modernen Medien nutzen unsere Hauptbesucher nicht so sehr.“

Eine Zeit fast ohne Sakramente

„In dieser Form hatten wir das noch nie“, sagt Sebastian Heindl, Stadtteilpfarrer für Rosenheim Nord. Auch für ihn lautet das Motto „da sein für andere, ohne unbedingt anwesend zu sein“. „Die Kirchen sind offen, drinnen liegen Impulse zur Fastenzeit aus, dazu Gebetstexte und geistliche Literatur.“ Und: „Die Leute werden informiert, wo man anrufen kann. Wenn jemand in Bedrängnis ist, bieten wir Termine für Gespräche an.“ 

Er vermisst die Sakramente, natürlich, aber – was aufgeschoben werden kann, wird aufgeschoben, wie man auch überhaupt improvisiert. „Die Gläubigen sind von der Sonntagspflicht enthoben, es gibt auch die Form der geistigen Kommunion“, sagt Heindl. Auch Daniel Reichel sieht die Notwendigkeit, Regeln neu zu improvisieren. Beichte über Telefon sei an sich „unüblich“, man wisse auch nie, wer zufällig in Hörweite sei. „Ich würde aber sagen, jetzt muss das möglich sein.“

Die evangelische Dekanin Dagmar Häfner-Becker sieht jede Menge Kreativpotenzial, das sich in der Krise offenbart. „Überall entwickeln Kirchengemeinden Alternativen“, findet sie. „Man denkt über vieles nach, wie man mit Gott und der geistigen Gemeinschaft verbunden bleiben kann.“ Dazu will auch eine Initiative beitragen, zu der sich verschiedene Pfarreien der beiden großen Konfessionen zusammentun. Viele Gemeinden laden beim Läuten der Glocken am Mittag oder am Abend zu einem Moment der Besinnung ein. So auch die evangelische und katholische Kirchengemeinde in Brannenburg und Umgebung. Ein verbindendes Element fehlt dabei allerdings: Die Gleichzeitigkeit, die so etwas wie christliche Gemeinschaft mitbegründet. Dekan Reichel verweist daher auf eine Anweisung des Erzbistums, dass die Glocken sonntags um kurz vor 10 Uhr ertönen sollen.

Rosenheimer Dekan: Auf Gleichzeitigkeit kommt's an

Auf die Ausnahmesituation will Reichel mit einem „Segenspaket“ reagieren, mit sinnfälligen Zeichen für die Woche vor dem höchsten Fest der Christenheit. Und er möchte auf Koordination drängen. „Wir müssen uns da abstimmen, damit die Menschen wissen, mein Pfarrer feiern die Osternacht um 21 Uhr und nicht meinetwegen um fünf Uhr morgens.“ Die Gemeinsamkeit im Moment – das empfinden auch andere Geistliche, wie der evangelische Pfarrer Thomas Löffler aus Brannenburg. Der Mensch wisse dann, dass in diesen Minuten auch andere kurz innehalten und ein Gebet sprechen. Sein katholischer Kollege Pfarrer Helmut Kraus fügt hinzu: „Eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen, das ist jederzeit möglich.“

Alte Werte werden wichtiger

Hannelore Maurer glaubt nicht daran, dass die Pandemie vorbeigeht wie ein Schnupfen. „Corona wird die Gesellschaft nachhaltig verändern“, sagt sie. „Weil die alten Werte wieder wichtig werden. Dass man zusammensteht, dass man Zeit miteinander verbringt. 

Die Menschen haben das immer geschafft. Ich glaube an die positive Kraft im Menschen. Es gibt auch Leute, die hamstern, aber prinzipiell reagieren die Menschen doch gut.“ Die Krise als Chance? „Wir werden verändert aus dieser Krise herausgehen“, glaubt auch Dagmar Häfner-Becker. Wie eine moderne Gemeinschaft beschaffen sein könne, wie das Leben aufmerksamer gestaltet werde – all diese Fragen könnten auch im Alltag wichtiger werden. „Wir sind doch sehr stark individualisierte Gesellschaft“, Häfner-Becker. Darüber werde man nachdenken müssen. So kann man die Krise auch als Chance sehen – vorausgesetzt, man ist nicht existenziell bedroht.

Gottesdienste – Live im Internet

Es gibt offizielle Angebote. Bis auf Weiteres wird täglich ein Gottesdienst aus der Sakramentskapelle des Münchner Liebfrauendoms live im Internet und im Radio übertragen, jeweils sonntags um 10 Uhr sowie montags bis samstags um 17.30 Uhr.. Angebote und Ideen auch aus den Pfarreien unter www.erzbistum-muenchen.de/coronavirus

Eine Kirche bleibt stumm 

Die Glocken läuten im Erzbistum am Sonntag um kurz vor zehn, in anderen Kirchen auch mal abends oder mittags. Eine Kirche aber bleibt stumm – St. Stephanus in Aising in der Rosenheimer Pfarrei Pang. Der Grund: Die Mechanik der Läuteanlage ist defekt.

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