Er überfiel eine Rosenheimer Bäckerei, weil sein Dealer drohte – Verkäuferin leidet bis heute

„Immer wieder kam die Szene hoch – mit dem Mann mit der Maske vor mir“, die Verkäuferinnen leiden noch an den Folgen des Überfalls.
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„Immer wieder kam die Szene hoch – mit dem Mann mit der Maske vor mir“, die Verkäuferinnen leiden noch an den Folgen des Überfalls.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Weil er Schulden aus Kokainkäufen hatte und sein Dealer auf sofortige Bezahlung pochte, überfiel ein 37-jähriger Arbeiter vermummt und bewaffnet am 23. Dezember 2019 spätnachmittags eine Bäckereifiliale in Rosenheim-Happing. Er erbeutete circa 3.500 Euro.

Traunstein/Rosenheim – Stunden nach der Tat geriet er unter Verdacht. Am Heiligen Abend wanderte er in Untersuchungshaft. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verhängte gestern wegen schweren Raubs eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren und ordnete die Unterbringung zum Drogenentzug an. 

Tat war angeblich eine Kurzschlussreaktion

Folgt man dem Angeklagten, so stand er in jener Zeit unter großem Druck. Über den Winter mit geringeren Einkünften durchs Stempeln habe er Schulden bei seinem Kokainlieferanten gemacht – etwa 2.400 Euro. An den Wochenenden habe er jeweils drei bis vier Gramm Kokain konsumiert, dazu Cannabis.

Vom Dealer bedroht

Den Namen des Dealers wollte der 37-Jährige, damals in Stephanskirchen wohnend, nicht nennen. Wörtlich meinte er: „Er hat gesagt, es muss heute passieren. Sonst gibt es große Probleme. Der Drogenlieferant habe ihm erklärt, wie er schnell zu Geld kommen könnte. Weiter berichtete er: „Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich stand total unter Adrenalin und unter Drogeneinfluss.“

Kunde versperrte Fluchtauto den Weg

Sein Auto ließ er damals mit laufendem Motor im Dunkeln 180 Meter von der Bäckerei entfernt stehen.Maskiert und mit Waffe in der Hand betrat er die Filiale und forderte von den zwei Verkäuferinnen Geld. Es ging ihm nicht schnell genug. Deshalb griff er selbst in die Kasse hinter dem Tresen, nahm fast alle Banknoten heraus und flüchtete. Ein Stammkunde wollte in dem Moment in den Laden. Die Frauen riefen ihm zu, sie seien überfallen worden. Der 37-Jährige rannte weg in Richtung seines Autos, verlor dabei nicht nur seine Jacke, sondern auch etwa 185 Euro in Scheinen. 

Bäckerei-Kunde "platzt" in den Überfall

Der Kunde hatte schnell reagiert und sich mit seinem Fahrzeug quer vor den BMW gestellt. Der 37-Jährige lief um die Ecke zu einem Bekannten, der ihn zu einem Möbelhaus chauffierte. Dort wartete eine Frau, der er manchmal aus Freundschaft half und die er vor dem Überfall dort abgesetzt hatte, schon auf ihn. Jemand aus ihrer Familie nahm alle mit nach Samerberg.

Über den alten BMW nahe des Tatorts kamen die Beamten auf den 37-Jährigen als Halter. Die Nacht verbrachte er bereits als Beschuldigter auf der Dienststelle. Tests wiesen auf Drogen hin. Außerdem fanden sich eindeutige DNA-Spuren.

Waffe bis heute nicht gefunden

Die Waffe war bislang nicht zu finden. Der 37-Jährige beteuerte gestern, er habe keine echte Waffe verwendet. Beide Verkäuferinnen sind bis heute beeinträchtigt von dem Erlebnis kurz vor Weihnachten. Die eine konnte lange nachts nicht schlafen: „Immer wieder kam die Szene hoch – mit dem Mann mit der Maske vor mir.“ Sie habe nachts nicht mehr allein in der Wohnung bleiben können, möge bis heute die Dunkelheit nicht, insbesondere im Winter.

Folgen für die Verkäuferin

Die Zeugin schilderte, sie habe psychologische Hilfe gebraucht, sei Wochen krankgeschrieben gewesen und habe die Arbeitspläne umgestellt. Die Corona-Zeit sei für sie besonders schwierig geworden: „Gerade schwarze Masken waren schlimm. Ich konnte Kunden mit schwarzen Masken nicht bedienen, bin nur stocksteif da gestanden.“

Zeuginnen noch heute traumatisiert

Inzwischen gehe es ihr besser, meinte die Zeugin. Ihre Kollegin jedoch leide noch sehr unter dem Überfall. Diese Frau konnte nicht persönlich in den Zeugenstand treten. Bei der Polizei hatte sie ausgesagt: „Ich bin fertig von dem ganzen Vorfall.“ Sie fühle sich nicht in der Lage, dem Angeklagten nochmals gegenüber zu stehen, schrieb sie ans Gericht.

Schuldfähigkeit und Drogenabhängigkeit

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem 37-Jährigen trotz voller Schuldfähigkeit eine Drogenabhängigkeit und empfahl Unterbringung zum Entzug. Dies griff Staatsanwalt Jan Salomon auf und plädierte darüber hinaus auf vier Jahre neun Monate Freiheitsstrafe. Neben der Unterbringung hielt der Verteidiger, Peter Dürr aus Rosenheim, vier Jahre Haft für ausreichend. Der Angeklagte entschuldigte sich: „Es tut mir leid, insbesondere was ich den Frauen angetan habe.“ Dass der Angeklagte eine scharfe geladene Waffe bei sich hatte, ist schlichtweg nicht zu beweisen“, hob der Richter in der Urteilsbegründung heraus.

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