Wasserwirtschaftsamt Rosenheim: Dauer-Regen im August war ein Jahrhundert-Phänomen

Die Schlechtwetterperiode, die Anfang August im Landkreis Rosenheim zu einem größeren Hochwasser geführt hatte, wurde nun vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim ausgewertet: Die Regenschreiber in Brannenburg, Bad Feilnbach und auf Herrenchiemsee stellten Wassermassen fest, die statistisch durchschnittlich nur alle 100 Jahre erreicht werden.

Rosenheim – Der Dauerregen, dem sich die Region im August ausgesetzt war, war außergewöhnlich. Das belegen Daten, die das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim veröffentlicht. Demnach hielt er knapp 50 Stunden an. Ein relativ schmaler Streifen im Alpenvorland und ein Bereich im nordwestlichen Landkreis Rosenheim wurden am stärksten überregnet. An den Regenschreibern in Brannenburg, Bad Feilnbach und auf Herrenchiemsee wurden extreme Regenspenden gemessen, die statistisch durchschnittlich nur alle 100 Jahre erreicht werden. Mit 184 Millimetern wurde der Höchstwert im Landkreis Rosenheim auf Herrenchiemsee registriert.

Autobahn nach Salzburg stellenweise überflutet

Der Niederschlagsverteilung entsprechend traten dann auch vor allem an den voralpinen Wildbächen sehr hohe Abflüsse auf. Große Flächen mit landwirtschaftlicher Nutzung standen im Voralpenraum unter Wasser, die Autobahn nach Salzburg war an zwei Stellen überflutet und musste zeitweise gesperrt werden. Schwerpunkte des Hochwassergeschehens waren unter anderem an der Bernauer Ache, der Glonn sowie am Kaltenbach mit seinem Quellbach Jenbach zu verzeichnen. „An diesen Gewässern traten am vierten August die höchsten Abflüsse auf, seit das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim dort Pegeldaten sammelt.“ erläutert Klaus Moritz, der Leiter des Gewässerkundlichen Dienstes am Amt „Und die Messreihen reichen für die Glonn bis 1928 und für den Kaltenbach immerhin bis 1962 zurück.“

Treibgut an der ausgeuferten Thalkirchner Ache kurz vor der Mündung in den Simssee.

Mangfall bei Rosenheim erreichte fast Hochwasser von 2013

Am Pegel Rosenheim Mangfall war das Ereignis mit einem Abfluss von 430 Kubikmetern pro Sekunde das zweithöchste Hochwasser seit 1966. Seine Eintrittswahrscheinlichkeit war etwas seltener als 50-jährlich. Zum Vergleich: Beim Junihochwasser 2013 betrug der Abfluss der Mangfall in Rosenheim mit 470 Kubikmetern pro Sekunde nur wenig mehr. Hohen Anteil am Gesamtabfluss der Mangfall hatten die Glonn und der Kaltenbach. Im Mittel steuern Glonn und Kaltenbach etwa ein Drittel zum Mangfallabfluss bei, Anfang August 2020 waren es 40 Prozent. Während der Zufluss vom Tegernsee wegen des natürlichen Rückhaltevermögens des Sees vergleichsweise gering blieb, steuerte die Leitzach relativ viel zum Mangfallhochwasser bei. Der Wildholzrechen vor der Mündung in die Mangfall hielt große Mengen an Treibholz, Bäumen und Wurzelstöcken zurück und verhinderte so, dass dieses Material an den Brücken im Mangfalltal zu einem gefährlichen Aufstau geführt hätte.

Schutz vor Hochwasser hat Schlimmeres verhindert

Die Eisenbahnbrücke über die Mangfall in Rosenheim.

„Wäre dieses Hochwasser vor 25 Jahren abgelaufen, hätte es im unteren Mangfalltal vor allem ab Bad Aibling noch Überflutungen im Siedlungsraum gegeben“ stellt Paul Geisenhofer, der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim als Fazit fest. „Die Hochwasserschutzmaßnahmen im unteren Mangfalltal sind mittlerweile weitgehend abgeschlossen und haben ihren Zweck bestens erfüllt. Das Hochwasserrückhaltebecken in Feldolling, das schon im Bau ist, wird den Hochwasserschutz für die Bevölkerung im Mangfalltal weiter verbessern.“ Geisenhofer wies aber auch darauf hin, dass sich die Bürgerinnen und Bürger immer der Tatsache bewusst sein sollten, dass auch die modernen Deiche und Hochwassermauern künftig nicht vor allen Extremereignissen Schutz bieten können. Dafür sei die private Eigenvorsorge in den Risikogebieten weiterhin unverzichtbar.

Weitere stark Hochwasser führende Gewässer waren unter anderem der Litzldorfer Bach und der Steinbach am Samerberg. Am Brechries, oberhalb von Bad Feilnbach, gerieten circa fünfzigtausend Kubikmeter Gesteinsmaterial in Bewegung und verlegten teilweise das Bett des Jenbachs.

Hochwasserschutz schützt nicht vor Anstieg des Grundwassers

Der bordvolle Jenbach am Campingplatz in Bad Feilnbach.

Die flussbegleitenden Grundwasserstände sind im Mangfalltal örtlich sehr schnell angestiegen. An einigen amtlichen Messstellen wurden die zweithöchsten Werte innerhalb der letzten 40 Jahre beobachtet. Schlimmeres verhinderte nur die Tatsache, dass der Flusspegel und damit auch das Grundwasser fast so schnell gefallen sind wie sie angestiegen sind. „Wenn es um vernässte Keller geht, sollten die Hauseigentümer aber nicht vergessen, dass die Hochwasserschutzanlagen den Anstieg des Grundwassers nicht verhindern können, da helfen nur Schutzvorkehrungen am Gebäude selbst.“ stellte Geisenhofer fest.

Im alpinen Einzugsgebiet des Inn, speziell in Österreich, fielen die Niederschläge geringer aus, so dass das Ereignis am bayerischen Inn nur wenig über dem langjährigen mittleren Hochwasser lag.

Informationen im Hochwasserfall werden im Hochwassernachrichtendienst der Bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung  bereitgestellt. Weitere Informationen zum Beispiel auch zu Grundwasserständen und Wassertemperaturen sind im Internet beim Gewässerkundlichen Dienst Bayern für die Öffentlichkeit verfügbar.

(Quelle: Pressemeldung Wasserwirtschaftsamt Rosenheim)

Das sagt Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber:

„Das Starkregenereignis hat die Gemeinde Bernau stark getroffen. Unsere Feuerwehr war im Dauereinsatz, gemeldet wurden über 130 Einsätze. Die Gemeinde Bernau hat bereits eine Dokumentation über diverse Überflutungen erstellt, zum Teil mit Hilfe sehr engagierter Bürger, wofür wir uns natürlich herzlichen bedanken möchten. Wir führen bereits Gespräche mit dem WWA, in denen weitere Retentionsmöglichkeiten diskutiert werden und in denen auch die Problemstellen erörtert wurden. Der Flussbaumeister ist auch bereits dabei, die Schäden zu beseitigen, aber natürlich ist die Liste sehr lang und es wird einfach eine Zeit lang dauern. Die Bernauer Ache hat Anfang August einen noch nie dagewesenen Pegelstand erreicht, wir sind froh, dass unsere Schutzmaßnahmen standgehalten haben, wenn zum Teil auch gerade noch, aber auch darüber ist das Wasserwirtschaftsamt informiert.“

Das sagt Priens Bürgermeister Andreas Friedrich:

„Das Augusthochwasser hat gezeigt, dass die in den vergangenen Jahren durchgeführten Schutzmaßnahmen grundsätzlich gewirkt haben. So konnte beispielsweise das Regenrückhaltebecken Trautersdorf kontrolliert über den Mühlbach entleert werden. Ohne dieser Möglichkeit wäre es übergelaufen und hätte die Wohnbebauung an der Alten Bernauer Straße oder am Hohertinger Weg in Mitleidenschaft gezogen. Auch das Regenrückhaltebecken für den Reitbach hat schlimmeres im darunterliegenden Gewerbegebiet verhindert. Zwar ist es übergelaufen, aber es konnten über 45 Millionen Liter Wasser zurückgestaut werden. Deutlichen Verbesserungsbedarf haben wir in Atzing. Dort ist der Stettener Bach extrem angeschwollen, aus seinem Bett herausgetreten und hat sich anschließend durch den Ort gewälzt. Der Gemeinderat wird deshalb voraussichtlich noch im September ein Hochwasserschutzgutachten für diesen Bereich in Auftrag geben.“

Das sagt Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo:

Für die Stadt Kolbermoor – von den Überschwemmungen im Jahr 2013 mit am meisten betroffen - bedeutet der funktionierende Hochwasserschutz an der Mangfall laut Bürgermeister Peter Kloo eine große Erleichterung: „Da haben wir jetzt viele Sorgenfalten weniger, wenn Unwetterwarnungen hereinkommen.“ Jedoch dürfe man nicht müde werden, die Bürger darauf hinzuweisen, dass auch verstopfte Gullis, Entwässerungsgraben oder Dachrinnen bei Starkregen zu Überschwemmungen führen können – „das ist ein sehr sensibles Gefüge und wir beobachten, dass mancherorts schon wieder eine gewisse Sorglosigkeit bei Bauvorhaben auftritt, bei denen die Gefahren nicht berücksichtig werden“.

Zu einem ganz speziellen und seltenen Starkregenereignis sei es Anfang August zwischen Litzldorfer- und Jenbachtal vorgekommen, sagt Bad Feilnbachs Bürgermeister Anton Wallner: „An solche Wassermassen im Litzldorfer Bach kann sich keiner erinnern.“ Die anderen Gefahrenstellen im Gemeindegebiet seien seit Jahren bekannt, doch vielfach ließen die topographischen Bedingungen bauliche Maßnahmen nur unter erschwerten Bedingungen zu. Das Wasserwirtschaftsamt habe speziell am Jenbach  in den vergangenen Jahren bereits diverse Maßnahmen getroffen, die „ein Segen für den Hauptort sind“, betont Wallner. Auch der Anfang August schwer in Mitleidenschaft gezogene Wirtschaftsweg im oberen Bereich sei mittlerweile wiederhergestellt und das Bachbett habe einen Verlauf bekommen, der in den Augen der Behörde eine Verbesserung darstelle. Das Bauleitverfahren für Maßnahmen, die das Reithofpark-Klinik-Gelände schützen sollen, befinde sich zudem auf der Zielgeraden.

Die Stadt Bad Aibling hat indes als letzte Bausteine des Hochwasserschutzes Maßnahmen an der Glonn und am Moosbach im Visier. Laut Bürgermeister Stephan Schlier ist man mit den Grundstückstausch-Verhandlungen, die für die Gewässeraufweitung der Glonn im Rahmen des ökologischen Ausbaus erforderlich sind, fast am Ziel. Für den Moosbach prüfe man gerade, ob dessen Aufweitung oder Einzelschutzmaßnahmen für die gefährdeten Anwesen in Adlfurt sinnvoller sei. Zudem wurde gemeinsam mit der Verwaltung ein Fahrplan für künftige Hochwasserereignisse erstellt, in dem die genauen Vorgehensmaßnahmen festgehalten sind.

Rubriklistenbild: © WWA Rosenheim

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