Mit Fingerspitzengefühl

Erste Hilfe für die Seele: Ökumenische Notfallseelsorge Rosenheim seit 25 Jahren im Einsatz

Beate und Thomas Bolz sowie Pfarrer Peter Peischl (rechts) sind drei von 21 Frauen und Männern der ökumenischen Notfallseelsorge in Stadt und Landkreis Rosenheim. Sie helfen Hinterbliebenen in den ersten Stunden nach der Tragödie. Wenn es nötig ist, rund um die Uhr.
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Beate und Thomas Bolz sowie Pfarrer Peter Peischl (rechts) sind drei von 21 Frauen und Männern der ökumenischen Notfallseelsorge in Stadt und Landkreis Rosenheim. Sie helfen Hinterbliebenen in den ersten Stunden nach der Tragödie. Wenn es nötig ist, rund um die Uhr.
  • Sylvia Hampel
    vonSylvia Hampel
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Sie kommen in Familien, in denen der Ausnahmezustand herrscht, in denen sich gerade Dramen abgespielt haben. Sie müssen ein Fingerspitzengefühl dafür entwickeln, was man wann und wo tun kann, soll, muss. Drei Notfallseelsorger berichten von ihrer Arbeit.

Landkreis Rosenheim – Seit 25 Jahren sind die Notfallseelsorger im Landkreis im Einsatz, leisten Erste Hilfe für die Seele. 150 bis 180 Mal pro Jahr rücken die derzeit 19 Frauen und Männer beider christlichen Konfessionen aus, so Pfarrer Peter Peischl. Er, der auch Feuerwehrmann in Wasserburg ist, ist der Koordinator von evangelischer Seite. Diakon Andreas Demmel aus Pfaffing koordiniert die zwölf katholischen Pfarrer, Pastoralreferenten und Diakone. Zwei „Auszubildende“ gibt es bei den Protestanten derzeit, zudem sind vier haupt- und drei ehrenamtliche Notfallseelsorger im Einsatz.

Im Landkreis gut aufgestellt

„Wir sind im Landkreis ganz gut aufgestellt“, sagt Peischl. Er habe es in den drei Jahren, die er mit einer halben Stelle als Notfallseelsorger im evangelischen Dekanat angestellt ist, nicht einmal erlebt, dass er niemanden hätte losschicken können.

Der Rettungsdienst war nicht mehr genug

Zwei, die losgeschickt werden, sind Beate und Thomas Bolz aus Bad Endorf. Beide waren früher im Rettungsdienst aktiv. Irgendwann wollten sie nach dem Einsatz nicht mehr „einfach wegfahren und die Hinterbliebenen zurücklassen“. Als das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes entsprechende Verstärkung suchte, meldete sich das Ehepaar Bolz zur Ausbildung an. Jahre später wechselten die beiden, die sich als „kirchennah“ beschreiben, zur Notfallseelsorge.

Möglichst schnell Zugang finden

Oft sind die Notfallseelsorger – meist zusammen mit einem Polizisten – die Überbringer der Todesnachricht. „Das ist natürlich der emotionalste Moment“, sagt Beate Bolz, „besonders schwer ist es, wenn wir die Nachricht vom Tod eines Kindes oder von einem Suizid überbringen müssen.“ Auch bei Familien mit Wurzeln außerhalb Mitteleuropas könnten überraschend schwierige Momente entstehen. „Aber ich bin auch selten sonst so schnell mitten im Geschehen“, so Beate Bolz.

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Ihre wichtigste Aufgabe, wenn sie in eine Familie kommen, die gerade plötzlich jemanden verloren hat, da sind sich Bolz‘ einig, ist es, schnell einen Draht zu einem Anwesenden zu finden, um die Familie soweit handlungsfähig zu bekommen, dass sie sich im persönlichen Umfeld Hilfe holen und einen Bestatter einschalten kann.

Die Kinder mit einbeziehen

Manchmal baut ihnen auch ein kleiner Mensch die Brücke zur Familie. Kinder seien immer wieder für eine Überraschung gut, reagierten oft verständiger oder besonnener, als man vermuten würde. Deswegen sollten sie immer mit einbezogen werden, findet Thomas Bolz. Auch bei der Verabschiedung vom Verstorbenen.

Verabschiedung ist wichtig

„Ich halte die Verabschiedung für sehr wichtig“, sagt Thomas Bolz, „meistens sind die Angehörigen danach deutlich ruhiger und gefasster.“ Denn da könnten die berühmten unerledigten Dinge – man hat sich im Streit getrennt, hat etwas nicht gesagt – ausgeredet werden. Es gibt Situationen, in denen eine Verabschiedung nicht möglich ist. Da hilft es, so Thomas Bolz, wenn man dem Verstorbenen einen Brief oder auch nur einen Zettel mitgibt.

Ökumene gilt auch für Moslems

Besonders aufmerksam müssen die Notfallseelsorger sein, wenn sie in eine muslimische Familie kommen, so Peter Peischl. Das gehe schon los mit der Frage, ob die Schuhe vor der Wohnungstür bleiben oder nicht. Zwar werden die ökumenischen Notfallseelsorger in ihrer Ausbildung auch auf den Umgang mit dem Tod in anderen Kulturen vorbereitet, Behutsamkeit sei dennoch nötig. Vor allem, wenn es um die Regel geht, dass Moslems ihre Toten innerhalb von 24 Stunden beerdigen müssen. „Wenn die Polizei den Verstorbenen mitnimmt, dann sind die Reaktionen manchmal sehr krass. Da müssen wir oft zig Mal erklären warum“, so Peischl.

Gerne als gemischtes Doppel unterwegs

Da, aber nicht nur da, kann es helfen, wenn – wie bei Bolz‘ wann immer möglich der Fall – zwei Notfallhelfer im Einsatz sind. „Wir tun uns als gemischtes Doppel oft leichter“, sagt Beate Bolz. Mal findet er schneller Zugang, mal sie. Außerdem hat dann auch der oder die andere mal einen Moment die Hände frei, schnell etwas zu Organisieren – zum Beispiel die Verabschiedung. Und manchmal sei es gut, die Familie aufzuteilen.

Infomaterial für groß und klein haben die Notfallseelsorger immer dabei, Peter Peischl zudem einen Teddybären, Bolz‘ Steine in Herzform.

Nicht nur für die Hinterbliebenen da

Beate Bolz verweist darauf, dass Notfallseelsorger nicht nur für die Hinterbliebenen da sind. „Ich lege großen Wert darauf, auch bei den Rettungskräften nachzufragen, wie es ihnen geht, ob ich ihnen helfen kann. Oder sie darauf hinzuweisen, dass sie sich Hilfe holen können.“ Was auch immer häufiger geschehe.

Die Zusammenarbeit mit den Rettungskräften und der Polizei werde zunehmend besser, der Draht kürzer, sind sich die drei Notfallseelsorger einig. Erfreut beobachten sie, dass auch die Rettungskräfte sensibler im Umgang mit den Betroffenen werden. „Und die Polizisten sind eh froh, wenn jemand von uns dabei ist.“

Beate und Thomas Bolz sind ehrenamtlich im Einsatz, wenn es sein muss, rund um die Uhr. Weil sie helfen wollen. Das Einzige, was Thomas Bolz manchmal bedauert: „Leider erfahren wir nie, was aus den Familien geworden ist.“

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