Rindfleisch-Deal zieht Kreise bis Rosenheim: „Fühlen uns für die Auto-Industrie geopfert“

Dieser Kuh auf einer Weidein der Region scheint es sichtlich gut zu gehen. Experten befürchten allerdings, dass durch den Rindfleisch-Deal zwischen der EU und Nordamerika noch mehr Tiere aus Massenhaltung in den Supermärkten landen. dpa
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Dieser Kuh auf einer Weidein der Region scheint es sichtlich gut zu gehen. Experten befürchten allerdings, dass durch den Rindfleisch-Deal zwischen der EU und Nordamerika noch mehr Tiere aus Massenhaltung in den Supermärkten landen. dpa

Rindfleisch aus den USA ist in aller Munde: Der Deal der EU mit Nordamerika über höhere Einfuhrquoten erzürnt den Rosenheimer Bauernverband und entzückt den Bundeswirtschaftsminister. Experten rechnen mit einer Importschwemme an billigem Rindfleisch – zulasten der Regionalität?

Rosenheim/Traunstein/Mühldorf – Insgesamt 45 000 Tonnen Rindfleisch importiert die EU jährlich. Davon sind, nach dem zwischen der EU und den USA ausgehandelten neuen Deal, nun jährlich 10 000 Tonnen für Rindfleisch-Anbieter aus den USA reserviert. Das heißt: Das Einfuhrkontingent bleibt gleich, es erhöht sich nicht. Stattdessen aber wächst der US-Anteil, während Importe beispielsweise aus Argentinien zurückgefahren werden. Allerdings machen diese Einfuhren in die EU lediglich zwölf Prozent aus, etwa sechs Prozent erreichen Deutschland. Das meiste geht nach China.

Schauen regionale Anbieter in die Röhre?

Die Frage ist: Werden Verbraucher nun gezwungen, vorwiegend Rindfleisch made in USA zu kaufen? Wie teuer oder billig und wie gut ist das Fleisch? Und bleiben künftig regionale Anbieter auf der Strecke trotz kürzeren und transparentem Transportweg?

Die Sorge: Billigfleisch überflutet den Markt

Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bauernverbandes, appelliert an jeden einzelnen Verbraucher, regionales Fleisch zu kaufen nach dem Motto: Da weiß man, was man hat. Das Rindfleisch-Abkommen sei eine reinweg politische Entscheidung, damit die Industrie brummt, sagt er. Sozusagen habe die EU Fleisch gegen Autos (auf welche US-Präsident Donald Trump droht, Zölle von 25 Prozent zu erheben) aufgewogen, die Leidtragenden seien mal wieder die Bauern. „Es ist ein fauler Kompromiss, denn das Billigfleisch ist sozusagen auch faul“, urteilt er.

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Denn: Zusätzliche Mengen in fragwürdiger Qualität würden nun den heimischen Markt überfluten. Bodmaier bemängelt, dass hiesige Umweltstandards nicht in den USA gelten, so wie die Düngeverordnung. „Ich war in Südamerika – und in den USA ist es genauso – und habe eingezäunte Areale gesehen so groß wie mehrere Fußballfelder. Mit 300 bis 500 Mastrindern.“ Die hätten in ihrem Mist gestanden und zugleich vom selben Boden ihr Futter gefressen. Erst wenn der Dung getrocknet ist, werde er entsorgt. Bodmaiers Fazit: „Es handelt sich hier um Massentierhaltung und Massenproduktion.“

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US-Billigfleisch wird den heimischen Markt überfluten – befürchten Händler. Ist der Genossenschaftsbetrieb Simseer Weidefleisch (Bio) in diesem Wettlauf um den Verbraucher vielleicht ein lachender Dritter?

„Schön wär´s“, sagt Geschäftsführer Rudolf Finsterwalder, der den Deal der EU mit den USA über mehr Rindfleisch-Einfuhren für „verrückt“ hält. Sein Unternehmen steht für ein „naturnahes“ und nachhaltiges Konzept. Ganz im Gegensatz zum Abkommen.

Klimaschutz wird mit Füßen getreten

Erstens gebe es hierzulande bereits mehr als genug Fleisch, die Bauern würden massenweise unter dem billigen Angebot leiden. Zweitens sei der Deal in Zeiten von Nachhaltigkeit und Klimaschutz-Debatten völlig neben der Spur. „Allein der Transport! Wir ersticken ohnehin schon im Verkehr und in Abgasen.“

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Der Genossenschaftsbetrieb von Finsterwalder bietet ausschließlich Fleisch von Weidetieren an. Gekauft wird von Bauern in der Region, insbesondere aus Riedering, Stephanskirchen und Bad Endorf. Der Radius für den Transportweg ist eng gefasst. „Eine halbe Stunde ist für uns schon weit“, sagt der Geschäftsführer. Bei etwa zehn bis 15 Landwirten suche er unter dem Weidevieh die Rinder aus, Schweine kommen aus vier Betrieben, Lämmer erwirbt er bei einem Schäfer aus Söllhuben. Geschlachtet und produziert wird selbst.

„Natürlicher“ Weg vom Vieh bis zum Fleisch

Den „natürlichen“ Weg vom Vieh bis zum Fleisch auf dem Grill oder in der Pfanne scheinen Kunden immer häufiger zu schätzen. So hat das Unternehmen Simseer Weidevieh den Verkauf vom ersten aufs zweite Jahr um etwa zehn bis 15 Prozent steigern können, schätzt Finsterwalder. Die Genossenschaft besteht seit zweieinhalb Jahren. Wie will der Betrieb dem Verbrauch von billigen US-Rindfleisch entgegensteuern? „Wir müssen den Unterschied zu regionalen Produkten klar machen. Auf allen Ebenen, auch wirtschaftlich, und so den Raum stärken. Wer hier kauft, sorgt dafür, dass das Geld hierbleibt.“ Zudem stelle sich die Gesundheits-Frage: Wie werden die Tiere in den USA gehalten? Da gebe es große Intransparenz, ist Finsterwalder überzeugt. Anders hier: „Der Verbraucher kann an der Theke sehen, von welchem Betrieb das Rind stammt, hinfahren und sich selbst ein Bild machen.“

Fleisch von glücklichem Weiderind

Wie reagieren Verbraucher bisher auf den Rindfleisch-Deal? Ein Barometer scheint per se das Verhalten von Kunden in Verbrauchermärkten zu sein. Die vier Prechtl-Märkte in der Region zum Beispiel verzeichnen seit sechs, sieben Jahren, als sie erstmals Fleisch von Nebraska-Rindern aus den USA anboten, einen jährlichen Verkaufssprung nach oben. Prechtl bezieht kein Rindfleisch aus Südamerika/Argentinien, sondern ausschließlich aus den USA über einen Düsseldorfer Importeur – wobei beide Wert auf Fleisch von der Rinderrasse Nebraska Greater Omaho legen. Die Tiere haben weitreichenden Auslauf und kommen nach acht Monaten Weide in ein großes Freigehege, wo sie für 150 bis 200 Tage zusätzlich Maismischfutter bekommen – und laut Marco Schreiner, Assistent der Verkaufsleitung, vollkommen hormonfrei gehalten werden.

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Hormonfrei ist Teil des Abkommens, nicht identisch mit genfrei (Gen-Mais dient in den USA als Futtermittel). Schreiner verweist darauf, dass Prechtl beziehungsweise sein Importeur nur mit kleinen Farmen in Nebraska zusammenarbeite. So sei eine Kontrolle ebenso garantiert wie die legendäre Qualität des Fleisches: Bestens marmoriert, so wie der Verbraucher es liebe. Eine Steakhüfte etwa sei fast so zart wie ein Filetstück. Allein von der Hüfte würden circa sieben Tonnen pro Jahr verkauft. 15 Tonnen Nebraska-Rindfleisch gehen insgesamt im Jahr über Prechtls Theken.

Mehr Tonnen, günstigerer Preis?

„Das Rindfleisch-Abkommen ist für uns nicht schlecht“, glaubt Schreiner. Denn: Höhere Einfuhrtonnen könnten einen günstigeren Preis nach sich ziehen, mehr Ertrag lasse sich erwirtschaften und zugleich das Angebot für den Verbraucher erhöhen. „Kunden hinterfragen immer häufiger, woher das Fleisch stammt und legen immer größeren Wert auf die Qualität“, sagt Schreiner.

Laut Christian Preßlaber, Geschäftsführer des Zuchtverbandes oberbayerisches Alpenfleckvieh Miesbach, beeinflusst das Abkommen die gesamte Rinderwirtschaft (Milch-, Fleisch- und Zuchtrinder). Das billige Importfleisch finde vor allem in der Nahrungsmittelindustrie und dort bei Fertigprodukten großen Anklang. In diesem Segment habe Regionalität kaum Bedeutung.

Verbraucher schielen auf den Preis

„In unsere Grünlandregion hat die Doppelnutzungsrasse Fleckvieh mit der Zuchtrichtung (Milch, Fleisch und Fitness) die größte Bedeutung. Bei den Kälbermärkten bewegen wir uns derzeit schon auf einem tiefen Preisniveau aufgrund der schlechten Preise beim Schlachtstier.“ Dieser Stierpreis wirke sich allgemein negativ auf den Schlachtkuhpreis und auf hiesige Zuchtviehmärkte aus. „Gerade die klein strukturierte Landwirtschaft benötigt einen angemessenen Kälber- und Schlachtviehpreis in Kombination mit dem Milchpreis für die Weiterexistenz der Betriebe.“

Einflusslos auf das Rindfleisch-Abkommen der Politik fühlt sich der Zuchtverband Traunstein – und bringt ein gewisses reales Verständnis für den „Tausch von Fleisch gegen drohende Autozölle“ auf: Letztlich sei Deutschland ein Industriestandort und müsse entsprechend handeln.

Angst um das Preisniveau auf dem Kälbermarkt

Negative Auswirkungen befürchtet Verbandsverwalter Frank vom Zuchtverband Mühldorf in puncto Preisniveau auf den Kälbermärkten. „Er wird sinken, da der Bullenpreis schlechter wird und schlecht bleibt“, schätzt er die Lage ein. Und: Leider setzten nur circa zehn Prozent der Verbraucher auf heimische Qualität, der Rest auf den Preis. „Solange der Verbraucher nicht umdenkt und endlich mehr Geld für heimische Nahrungsmittel ausgibt, die mit Sicherheit nirgendwo auf der Welt so kontrolliert und überwacht sind wie bei uns in Deutschland, geht der rasante Strukturwandel massiv weiter.“

Erste Reaktionen von Mitgliedern haben den Verband schon erreicht: „Sie betrachten die Entwicklung mit Sorge. Sie fühlen sich für die Auto-Industrie geopfert.“ Elke Wrede-Knopp

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