Retterinnen in der Not auf Zeit: Dorfhelferinnen in der Region Rosenheim

Benötigen Familien auf dem Land Hilfe, sind sie zur Stelle: Uschi März (links) und Veronika Weber. Sie sind Dorfhelferinnen – Retterinnen in der Not. Schöne
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Benötigen Familien auf dem Land Hilfe, sind sie zur Stelle: Uschi März (links) und Veronika Weber. Sie sind Dorfhelferinnen – Retterinnen in der Not. Schöne
  • vonAlexandra Schöne
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Uschi März (51) aus Schwabering und Veronika Weber (20) aus Feldkirchen-Westerham sind Dorfhelferinnen. Wenn Familien auf dem Land Hilfe benötigen, sind sie zur Stelle. Ein Besuch auf dem Hof.

Rosenheim – Veronika Weber aus Feldkirchen-Westerham steht im Stall auf einem Bauernhof in Trausthofen (Gemeinde Aying) und beobacht die Kühe in den langen Reihen rechts und links des Mittelgangs. Es riecht nach Stroh und Kuhstall. Sie erhitzt in einem großen Topf, dem „Milchtaxi“, Milch für die Kälber und füllt sie in Eimer. Jedes Jungtier hat einen eigenen Kübel und bekommt eine feste Menge Milch. Die Kälber warten schon ungeduldig darauf und saugen gierig den Eimer leer.

Die 20-Jährige trägt eine dunkle Arbeitshose, ein blaues T-Shirt, Gummistiefel und Gummihandschuhe. Ihre Haare sind unter einer grünen Haube verborgen. „Damit sie den Stallgeruch nicht so stark annehmen“, erklärt sie.

„Froh, dass Vroni da ist und hilft“

Veronika Weber ist selbstständige Dorfhelferin und arbeitet auf dem Milchviehbetrieb mit 80 Kühen. Die Betriebsleiterin, Andrea Taubenberger, hat sich an der Hand verletzt. Sie muss sich auskurieren und kann deshalb nicht im Stall arbeiten. „Ich bin froh, dass Vroni da ist und uns hilft“, sagt Andrea Taubenberger.

Ein Blick in den Stall für das Jungvieh auf dem Hof. Nur einer der Arbeitsplätze von Veronika Weber.

Aber zu den Aufgaben der 20-Jährigen gehört nicht nur, den Melkroboter zu betreuen und die Kälber zu füttern. Die Anforderungen an eine Dorfhelferin sind vielfältig, sagt Veronika Weber. Das sei auch einer der Gründe, warum sie sich früh für den Beruf entschieden habe. Außerdem komme sie selbst aus einem landwirtschaftlichen Betrieb. Sie ist mit der Arbeit mit Tieren aufgewachsen, habe unheimlich viel Spaß daran.

Während sie spricht, spielen um sie herum im Garten des Wohnhauses zwei kleine Kinder. Sie lachen und albern miteinander. Vormittags betreut Veronika Weber die beiden. Außerdem kocht sie, hilft im Haushalt und räumt auf. Nach dem Mittagessen geht sie nach Hause. Um 16.30 Uhr kommt sie wieder, für die zweite Schicht im Stall.

Zweijährige Fachausbildung an zwei Orten

Seit eineinhalb Wochen sieht so der Alltag der 20-Jährigen aus. Dorfhelferin ist sie noch nicht lange. Im Sommer 2019 beendete sie die zweijährige Fachausbildung in Pfaffenhofen an der Ilm und Neuburg an der Donau. Davor war sie zwei Jahre lang auf der Hauswirtschaftsschule. „Das war ein Vollzeitjob“, sagt Veronika Weber. Fächer wie Pflege, Ernährung und Haushaltsmanagement standen bei ihr auf dem Stundenplan.

Aber auch in Unternehmensgründung, Persönlichkeitsbildung und Projektmanagement wurde sie unterrichtet. „Man lernt in der Schule nicht nur was für den Beruf, sondern auch ganz viel fürs Leben. Die Ausbildung stärkt das Selbstbewusstsein und die Persönlichkeit“, betont sie.

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Einsätze auf Bauernhöfen und in Privathaushalten

Während Veronika Weber noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn steht, ist Uschi März (51) aus Schwabering bereits sehr erfahren. Sie ist seit 29 Jahren Dorfhelferin, hat zwei Kinder und ist verheiratet. Dabei habe sie eigentlich nie Dorfhelferin werden wollen. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt sie. Dennoch liebt sie ihren Beruf. Uschi März organisiert gerne. Der Umgang mit unterschiedlichen Leuten gefällt ihr besonders, sie mag die Abwechslung. Sie selbst beschreibt sich als temperamentvoll.

Gemeinsam Fazit ziehen mit der Familie

Eine Regel habe sie deshalb bei jedem Einsatz: Nach ein paar Tagen zieht sie gemeinsam mit der Familie ein erstes Fazit über die Zusammenarbeit. Stellt sich heraus, dass es „hakt“, breche sie den Einsatz besser ab. „Sonst bringt es für niemanden von uns etwas.“

Veronika Weber erhitzt für die Kälber im Stall die Milch im „Milchtaxi“.

Dass die Frauen einen Einsatz vorzeitig abbrechen, ist laut Uschi März selten. Meistens entwickelten sie einen guten Draht zu den Familien. Die Belohnung für ihre Arbeit ist die Dankbarkeit der Menschen. „Für mich ist sie das Schönste. Die Familien schätzen meine Hilfe wirklich wert“, sagt Veronika Weber. Wenn sie gefragt wird, ob sie wiederkommen möchte, freue sie sich immer.

Uschi März nickt zustimmend. Sie sagt: „Dann weiß man, dass man es gut gemacht hat.“ Das oberste Gebot für eine Dorfhelferin: „Den Familien und vor allem den Frauen soll es gut gehen, wenn wir da sind“, betont Uschi März. Da sind sich die beiden einig.

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Betriebshelfer leisten tatkräftige Unterstützung im Notfall

Die 51-Jährige und ihre junge Kollegin sind bei jedem Einsatz mit Herz dabei. Auch, wenn es manchmal schwierige Situationen und traurige Einsätze, wie zum Beispiel gibt. Aber das gehöre dazu. Das sollten junge Frauen wissen, die den Beruf der Dorfhelferin ergreifen wollen.

Als Dorfhelferin muss sie flexibel sein

Veronika Weber ist sich diesen Herausforderungen bewusst. Sie lerne ständig dazu, sagt sie. Sie weiß auch, dass man als Dorfhelferin flexibel sein muss und ständig wechselnden Arbeitszeiten ausgesetzt ist. Deshalb wolle sie nicht für immer in diesem Beruf arbeiten. „Ich möchte Kinder haben. Ich glaube, dass man die selbstständige Tätigkeit mit der Familienplanung nicht so gut vereinbaren kann.“

Bis es soweit ist, will die 20-Jährige aber noch ein paar Jahre als Dorfhelferin arbeiten. Die Menschen, bei denen sie arbeitet, schließt die 20-Jährige ins Herz. Trotzdem müsse man das Private und Berufliche trennen. „Wir sind ja immer noch Dienstleister.“

Was ist eine Dorfhelferin?:

Eine Dorfhelferin kommt meist zum Einsatz, wenn in landwirtschaftlichen Betrieben die Mutter oder Bäuerin krank wird oder aus anderen Gründen ausfällt. Aber auch jede andere Familie im ländlichen Raum hat die Möglichkeit, eine Dorfhelferin zu beantragen. Sie organisiert unter anderem den Haushalt, kauft Lebensmittel und kocht. Außerdem übernimmt sie die Haus- und Wäschepflege. Sie betreut Kinder und behinderte Personen, macht den Garten, hilft im Stall oder bei der Ernte. Jeder Sozialversicherte kann zum Beispiel bei Krankenhausaufhalten, Schwangerschaft oder bei Todesfällen die Unterstützung einer Dorfhelferin in Anspruch nehmen. Die meisten Dorfhelferinnen in Bayern sind bei der Katholischen Dorfhelferinnen und Betriebshelfer GmbH (KDBH) angestellt. Mehr Informationen zur Ausbildung und zum Berufsbild gibt es im Internet unter www.kdbh.de.

Zahlen, Daten und Fakten:

In Bayern gibt es seit 1957 Dorfhelferinnen. Laut Hanni Hell, Geschäftsführerin der Katholischen Dorfhelferinnen und Betriebshelfer in Bayern GmbH, gibt es im Landkreis Rosenheim zwischen 15 und 20 aktive Dorfhelferinnen. „Wir suchen immer dringend Nachwuchs“, sagt Hell. Die Anzahl der Einsätze pro Jahr variiere für jede Frau. Möglich seien zehn bis 20, manchmal sind es aber auch nur drei. Durchschnittlich 15 Frauen machen in Bayern jedes Jahr die Ausbildung zur Dorfhelferin. Dabei haben laut Hanni Hell im Schnitt bis zu vier Auszubildende aus dem Landkreis Rosenheim. 2020 sind 19 Frauen mit der Dorfhelferinnenschule abgeschlossen.

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