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Missbrauchsgutachten sendet Schockwellen

Massenhafte Flucht aus der Kirche in der Region Rosenheim - So sieht es in ihrer Gemeinde aus

Auf Nimmerwiedersehen: In der Region kehren die Menschen der Kirche scharenweise den Rücken.
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Auf Nimmerwiedersehen: In der Region kehren die Menschen der Kirche scharenweise den Rücken.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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In der Region Rosenheim sorgt das Gutachten zu Missbrauch und Vertuschung im Erzbistum für Schockstarre. Das Entsetzen ist groß, scharenweise treten Menschen aus. Die Welle von Austritten: Wir haben die Zahlen.

Rosenheim – Daniel Reichel, Dekan für Rosenheim, Bad Aibling und Chiemsee, hat am vergangenen Sonntag in der Kirche in Pang eine Kerze aufgestellt. Auf der Stele unter dem Kerzenständer ist das Wort „Sprachlosigkeit“ zu erkennen. Auf den zweiten Blick erst fügen sich einige gelb hervorgehobene Buchstaben darin zum Wort „Licht“.

Es sind zwei Wörter, mit denen die Situation der Kirche in Deutschland ganz gut beschrieben werden kann: Angesichts von Versäumnissen der Kirche und der Verfehlungen von Amtsträger fehlen Gläubigen, aber auch Priestern manchmal die Worte. Viele Menschen wünschen sich Licht, das in das Dunkel der Missbrauchsskandale fällt. Und noch mehr Gläubige wahrscheinlich Licht am Ende des langen Tunnels.

„Solidarität mit den Opfern“

Dekan Reichel registriert die Schockwellen des jüngsten Kirchen-Bebens deutlich. Er spricht von „Schockstarre“ bei vielen Menschen in seinen Gemeinden. Wie es in ihm aussieht? „Tja“, sagt Dekan Daniel Reichel, und es klingt wie ein Stoßseufzer. „Aber das ist jetzt eigentlich nicht das Thema“, sagt er dann. „Wichtig ist jetzt die Solidarität mit den Opfern.“ Ja, und die Opfer müssten auch entschädigt werden, findet er. „Aber ich fürchte, dass Geld allein das nicht heilen wird.“

Wie Reichel machte unter anderem auch Pfarrer Helmut Kraus, zuständig fürs Dekanat Inntal, den Skandal und das Gutachten zum Thema. „Ich habe es in meine Predigt einbezogen, auch als Signal, dass wir nichts totschweigen wollen.“

Ex-Papst Benedikt XVI. in der Kritik

Dass das viele Menschen für bestimmte Würdenträger anders sehen, hat dem Vertrauen schwer geschadet. Im Landkreis Traunstein soll eine Kommission die Rolle des emeritierten Papstes Benedikt XVI. prüfen, der Ehrenbürger in Traunstein, Tittmoning und Surberg ist. „Die katholische Kirche wird in der nächsten Zeit grausame Schwierigkeiten bekommen“, sagt Helmut A. Meier, „jedenfalls, wenn sie keine klare Kante zeigt.“

Eine Kerze zur Erinnerung an die Opfer: Dekan Daniel Reichel in der Kirche in Pang.

Meier ist Lektor in der Kastenau. Aber zur Zeit liest er nicht nur Bibelstellen vor der Gemeinde, sondern auch der Institution die Leviten. Fürs Vertuschen Verantwortliche sollten sich zurückziehen, meint er, Missetaten müssen konsequent verfolgt und geahndet werden. „Einen Neustart brauchen wir“, sagt Meier.

Werden Frauen zu gering geschätzt?

„Es ist schwierig“, sagt Paul Deutschenbaur aus Rosenheim. Was geschehen sei, könne man nur als „katastrophal“ ansehen. Er ist Pfarrgemeinderatsvorsitzender fürs Dekanat Rosenheim, ein Ehrenamtlicher wie Meier, deren Rolle von der Amtskirche oft nicht genügend gewürdigt werde. Ebenso wie die der Frauen. „Dabei sind es in vielen Gemeinden die Frauen, die es am Laufen halten.“

Frauen müssten mehr zu sagen haben. Das finden auch die Katholische Frauengemeinschaft St. Michael in Rosenheim. Die Kirche, das zeige das Gutachten, müsse sich wandeln. Entscheidend dafür müsse die Perspektive der Betroffenen sein, „nicht wir von der kfd oder vom Bistum“, sagt Schriftführerin Ingrid Meindl-Winkler.

Die Ehrenamtlichen in der Kirche wirken noch in eine Gesellschaft hinein, der ansonsten die Bindungen zu den Kirchen abhanden zu kommen droht. Bei manchen jüngeren Menschen habe das jüngst veröffentlichte Gutachten zum Missbrauchsskandal offenbar kaum mehr Welle gemacht, berichtet Reichel. „Vielleicht deswegen, weil ihnen die Kirche ohnehin nicht mehr viel sagt.“

Auch die evangelische Kirche verliert Mitglieder

Die dramatischen Austrittszahlen der Standesämter belegen die Erosion an der Basis. Die Zahlen der Austritte sind dramatisch. In Bruckmühl zum Beispiel kehrten im Januar 2021 neun Menschen der evangelischen oder katholischen Kirche den Rücken. Heuer waren es in den ersten vier Wochen des Jahres schon 47.

Aderlass: Diese Grafik belegt die vielen Kirchen-Austritte in der Region Rosenheim.

Ähnlich in Kolbermoor: Zehn Abgänge verzeichnete das Standesamt im Januar vergangenen Jahres, 60 allein im Januar 2022. In Rosenheim stiegen die Zahlen zunächst kontinuierlich, von 528 im Jahr 2018 auf 762 im Jahr 2021. Doch allein in den ersten vier Wochen des neuen Jahres waren es schon 93, die aus der katholischen oder evangelischen Kirche austraten.

Das Gutachten scheint also einen Trend lediglich zu verstärken, wenn auch massiv. „Vielfältige Gründe“ seien es, die zur Austrittswelle führten, sagt die evangelische Dekanin Dagmar Häfner-Becker.

Die Kirchensteuer spiele eine Rolle, wie viele Menschen einräumten. „Man nimmt eben die Leistungen der Kirche kaum in Anspruch und weiß nicht mehr, warum man dafür zahlen soll“, sagt die Dekanin. Aber natürlich sei der Missbrauchs- und Vertuschungsskandal ein Thema auch für die evangelische Kirche. „Die Menschen trennen nicht mehr, sie nehmen uns zusammen als eine christliche Kirche wahr“, sagt Häfner-Becker.

Wohin geht die Kirche? Die Stimmung schwankt zwischen Zerknirschung, Bestürzung und Ärger über pauschale Kritik. Der Wasserburger Dekan Klaus Vogl sieht seine Gemeinde verunsichert: „Ich spüre auch Wut darüber, wie der Versuch der Kirche, durch dieses Gutachten Missbräuche aufzuarbeiten, dazu benutzt wird, um Gericht zu halten über die Institution Kirche, an der man schon lange einiges auszusetzen hat.“

Harsche Kritik an der Kirchenkritik

Marianne Mayer kritisiert die Vorstellung von einer „Supermarktkirche“, die es allen recht machen solle. Vor allem aber bringt sie das andauernde Herumkritteln an der Kirche in Rage. „Der Missbrauch ist schlimm, gar keine Frage“, sagt sie. Aber er sei kein Grund, die ganze Organisation in Bausch und Bogen zu verurteilen. Warum kritisiere niemand vergleichbar schroff die Impfpflicht als Missbrauch?

Lektorin an der Stadtpfarrkirche in Kolbermoor ist sie, aus der Katholischen Frauengemeinschaft ist sie vergangenes Jahr ausgetreten – die Gemeinschaft huldige zu sehr dem Zeitgeist, findet Mayer. Von der Austrittswelle lässt sie sich nicht beeindrucken: „Die Leute, die nicht glauben, sollen ruhig gehen.“

Vielleicht ein Zeichen der Hoffnung

Die Kirche verändert sich, schon durch die massiven Austrittszahlen. Doch das stehe nicht im Mittelpunkt, sagt Reichel. „Jetzt ist die Zeit, an die Menschen zu denken, die Unrecht erlitten haben, nicht an die eigene Befindlichkeit.“

Auf einen Aufbruch setzen Deutschenbaur und Meier. Und auch der Wasserburger Dekan. „Ich habe die Hoffnung, dass Jesus seine Kirche auch durch solche Stürme reinigt und die Augen öffnet für Zweifelhaftes, das in Zukunft anders geregelt werden muss“, sagt Vogl. So gesehen steht Dekan Reichls Kerzenlicht vielleicht auch für den Lichtblick der Hoffnung – auf eine erneuerte Kirche.