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Corona und Ukraine-Krieg

Viel Herz, wenig Überblick: Kitas und Schulen in Region Rosenheim wegen Flüchtlingen unter Druck

Kleine Menschen, große Herausforderungen: Noch während der Corona-Pandemie stellt der Krieg in der Ukraine Kindertagesstätten vor Probleme. Auch Schulen sehen sich unter Druck.
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Kleine Menschen, große Herausforderungen: Noch während der Corona-Pandemie stellt der Krieg in der Ukraine Kindertagesstätten vor Probleme. Auch Schulen sehen sich unter Druck.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Der Wille zum Helfen ist da, der Durchblick noch nicht: Bislang ist noch vollkommen ungewiss, wie viele junge Ukrainer auf die Schulen und Kitas in der Region Rosenheim zukommen. Sicher ist: Corona und der Krieg machen einen Mangel sichtbar, den die Politik schon früher hätte bekämpfen müssen.

Rosenheim – Die eine Krise ist noch längst nicht überstanden, da setzt die nächste bereits mit Wucht ein: Nach zwei Jahren der Corona-Pandemie bereiten sich Schulen und Kindertagesstätten nun darauf vor, ukrainische Kinder zu betreuen und zu unterrichten, die mit ihren Müttern vor Putins Krieg geflohen sind. Alles andere als ein einfaches Unterfangen.

„Wir stehen nicht weit vor dem Kollaps.“ So drastisch sagt es Erwin Lehmann, Kreisgeschäftsführer der Caritas in der Region Rosenheim. Die Corona-Pandemie habe Kinder und Mitarbeiter belastet, und sie sei mitnichten überstanden. Im Moment fehlten besonders viele Mitarbeiter, weil sie positiv getestet und damit in häusliche Infektion geschickt worden oder sogar tatsächlich an Covid erkrankt seien. Christa Tolksdorf, Fachdienstleitung Kindertagesstätten des Caritas-Zentrums Rosenheim, meldet bereits, dass die Betreuungszeiten runtergefahren werden. Eben wegen des ganz und gar nicht neuen Mangels an Personal, den Corona nunmehr erbarmungslos sichtbar macht.

Weniger qualifizierte Aushilfen? Da ist der Gesetzgeber gefragt

In dieser angespannten Lage „kommt nun der Ukraine-Krieg on top“, sagt Lehmann. Ein neuer Stresstest. Da werde man vom gewohnten Weg abweichen müssen, schwant es ihm. Weder habe man das Geld, um viel mehr Mitarbeiter einzustellen, noch gebe diese qualifizierten Mitarbeiter überhaupt der Arbeitsmarkt her. „Assistenzkräfte könnten aber mithelfen, auch wenn sie weniger qualifiziert sind“, meint er. Dafür müsse allerdings der Gesetzgeber sein Okay geben, zudem müsse die Finanzierung der Aushilfen sichergestellt sein. Was er sich auch vorstellen kann: Der Freistaat erlaubt für einige Zeit mehr Kinder pro Betreuerin.

Auf einen pragmatischen Umgang der Behörden mit dem Problem hofft auch Peter Kloo, Bürgermeister von Kolbermoor und Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt. Er war schon einige Male in der Ukraine. Unter anderem besuchte er vor einigen Jahren Donezk, wo er beim Anblick des Stadions von Fußballclub Schachtar Donezk an die Allianz-Arena in München erinnert wurde. „Der selbe Architekt“, sagt Kloo.

Aber nicht nur da sieht er Ähnlichkeiten und Parallelen. Die Kultur der Ukrainer sei ziemlich ähnlich. Nicht genug damit: „Da kann man sich sogar eine Scheibe abschneiden.“ Denn die Ukrainer verwendeten viel Mühe auch auf die kulturelle Erziehung, auf Musik, bildende Künste, aber auch auf Sprachen. „Die Ukrainer sind unheimlich gut aufgestellt“, sagt Kloo.

Unter den Kriegsflüchtlingen seien sicherlich viele Frauen, die in der Lage sind, §als Ergänzungskraft zu helfen“, meint er. Aber: „Es wird spannend, wie wir das mit den bürokratischen Hürden schaffen.“

Flüchtlinge in Region Rosenheim: Eine Rechnung mit vielen Unbekannten

Darüber macht sich auch Angelika Elsner Gedanken. Die Leitung des Staatlichen Schulamts hat sie übernommen, als die Delta-Welle der Corona-Pandemie ihrem Höhepunkt entgegenstrebte; nun hat sie das Management einer neuen Krise zu schultern. Sie berichtet von Willkommensgruppen, an denen gerade gearbeitet werde. „Wir sind dabei, die Steuerungsgruppe dafür zu etablieren“, berichtet sie.

Erst drei Monate nach der Ankunft greife die Schulpflicht. Eine Frist, in der die schultypübergreifenden Willkommensgruppen mit Struktur, einer Atmosphäre des Kennenlernens und der Vermittlung sprachlicher Grundkenntnisse schon mal die Basis für die Integration der neu Angekommenen legen könnten. Schulpsychologen und Beratungslehrer könnten sich um traumatisierte Kinder und Jugendliche kümmern, pensionierte Lehrer, so hofft auch sie, beim Unterricht mithelfen. Dessen ungeachtet sei an den Schulen „viel Offenheit und Hilfsbereitschaft“ festzustellen.

Die stellt auch Susi Adl-maier fest, Vorsitzende des Elternbeirats der Grundschule Erlenau. Ihre Schule habebereits für die Ukraine gesammelt und wolle sich weiter engagieren. „Die Menschen wollen helfen“, sagt sie. Das gelte nicht nur für die Erwachsenen. „Nach zwei Jahren der Isolation wegen Corona gilt für die Schüler erst recht: Helfen tut gut.“

Schulen und Schüler wollen helfen

Die Schulen werden bereitstehen, das denkt auch Kai Hunklinger, Leiter der Grundschule Fürstätt in Rosenheim. „Wir sind gerade in der Planungsphase und schauen, was wir an Ressourcen haben.“ Kritisch wird‘s immer beim Personal, so viel wird auch aus seinen Berichten deutlich. „Wenn das Schuljahr startet, ist jede Lehrerstunde verplant.“ Nun stelle sich die Frage: Sind Teilzeitkräfte bereit aufzustocken, wie viele pensionierte Lehrer sind bereit zurückzukehren? Auch Hunklinger hofft auf Unterstützung aus den Reihen der erwachsenen Ukrainer. Immerhin sei die Kultur sehr ähnlich. Aber auch da stellt sich die Frage: Wie werden diese Assistenzkräfte bezahlt?

Schulleiter in der Region in Zwickmühle: „Räume und Personal haben wir eigentlich nicht“

In dieser Gleichung stehen weitere Unbekannte. Mit wie vielen Flüchtlingen muss man in der Region Rosenheim rechnen? Der Exodus der Ukrainer hat vor nicht einmal drei Wochen eingesetzt, und doch sind schon Millionen auf der Flucht. Nicht wissen, wie viele Kinder und Jugendliche kommen könnten, wie fit sie in Fremdsprachen sind, für welche Schultypen sie in Frage kommen – das macht auch Walter Baier, Leiter des Gymnasiums Bruckmühl, zu schaffen. Er vermisst, wie auch Christa Tolksdorf, Regelungen und Ansagen vom Freistaat, wer wie und was finanziert.

Die Lage sei nunmehr – auf dem Höhepunkt der Pandemie – höchst kompliziert. „Räume und Personal haben wir eigentlich nicht“, sagt er. „Wir fragen ein bisserl herum, wer traut sich das zu, wer kennt jemanden, der sich das zutraut oder gar Ukrainisch kann?“ Und wie schafften das eigentlich die Polen, mit noch viel mehr Flüchtlingen? „Vielleicht machen die es etwas einfacher, vielleicht muss da nicht alles perfekt sein.“ Derweil bereitet sein Gymnasium die Turnhalle auf Flüchtlinge vor.

Natürlich mache man sich Kopfzerbrechen, sagt auch Schulleiter Hunklinger. „Man will‘s ja schließlich gescheit machen.“ Die Schüler in eine Halle schicken, einen Ball reinwerfen und die Tür zumachen, das ginge auch, meint er. „Aber mit Willkommenskultur hätte das natürlich nichts zu tun.“

Daniela Ludwig kritisiert „Ampel“

Was Lehrkräfte in den vergangenen zwei Jahren während der Pandemie geleistet hätten, findet die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) „unglaublich stark“. Weniger beeindruckend findet sie offenbar die Vorstellung der „Ampel“-Koalition.

Dies verrät Ludwig in einem Facebook-Post. Bildungssystem und Lehrkräfte würden durch die Flüchtlingstragödie wegen Putins Überfall auf die Ukraine auf eine harte Probe gestellt. Daher habe sie eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, berichtet Ludwig, des Inhalts: „Wie werden Lehrerinnen und Lehrer auf die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder vorbereitet?“ Bislang sehe sie bei Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wenig. Ludwig kritisiert „Unschlüssigkeit und zögerliches Auftreten“ im Umgang mit den großen Herausforderungen.