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Wer sich freut, wer sich ärgert

Chaos oder Erfolg? So fällt die Bilanz zum 9-Euro-Ticket in der Region Rosenheim aus

Auch in der Region Rosenheim: Das 8-EuroTicket zieht die Menschen in Massen an.
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Massiv beliebt: Das 9-Euro-Ticket lockt Massen in die Bahn - und sorgt mitunter für Chaos.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Es war eng, sehr eng während des Sommers in der Region Rosenheim. Doch bald dürften sich die Züge wieder leeren - das 9-Euro-Ticket endet in wenigen Tagen. Was war, was muss kommen? Die Region zieht Bilanz.

Rosenheim – Schon Anfang Juli, da war das 9-Euro-Ticket noch nicht mal eine Woche alt, platzte den Verantwortlichen bei der Bayerischen Regio-Bahn der Kragen. Gleislagefehler, Weichenstörung, Schwellenauswechslung, Oberbauschaden, „was auch immer die DB Netz AG als Grund für Baumaßnahmen und Langsamfahrstellen angibt, die Folge ist immer die gleiche: BRB-Züge haben Verspätung“.

Drei Monate später dürfte sich die Laune nicht gebessert haben. Denn nun sind die Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket drei Monate alt. Und das dicke Plus an Passagieren durch das All-Inclusive-Ticket im Regionalverkehr reizte die knappen Ressourcen und die marode Infrastruktur der Bahn noch stärker aus als der Verkehrsalltag.

Wohl 60 Prozent mehr Passagiere verzeichneten nach Auskunft einer Sprecherin die fünf Netze der BRB. Auf Spitzenstrecken wie der von München nach Rosenheim und Salzburg habe sich das Auskommen sogar fast verdoppelt. Manche Fahrten mochten den in der Hitze stehenden, eingezwängten Passagieren vorkommen wie eine Fahrt in der U-Bahn von Tokio in der Rushhour. Mehr Waggons? Geht nicht so einfach, sagt BRB-Sprecherin Annette Luckner.

Gefahren, was zu fahren war

Auch in der Region Rosenheim habe man „alles im Einsatz gehabt, was zur Verfügung stand“. Noch vor der Aktion für mehr Kapazitäten sorgen, sei nicht möglich gewesen. „Das war gut gemeint, aber ein Schnellschuss der Politik“, sagt Luckner. „Die Vorlaufzeit war schon sehr kurz.“ Mehr Züge noch enger zu takten sei auch kaum möglich. Zu stark sei die Infrastruktur auch im Südosten Oberbayerns ausgelastet.

So bedeutete das Lock-Angebot Stress unter anderem für die, denen die Bahn über gewisse Phasen des Tages fast alleine gehört: Pendlern. Zwar hallten aus den Lautsprechern in den Waggons Ratschläge der Bahn – Pendlerzeiten vermeiden, das Fahrrad bitte zu Hause lassen – doch fast niemand scheint sich an die klugen Ratschläge gehalten zu haben.

Rentner-Wandergruppen auf dem Weg zur Kampenwand, Familien mit Badesachen, Kulturbeflissene auf dem Weg Richtung Herrenchiemsee oder Salzburg – alles drängelte sich gemeinsam mit den Pendlern in den Zügen. Dazwischen Radler mit ihren Sportgeräten und – mit noch sperrigeren und viel schwereren Vehikeln – die E-Biker.

In der Region gibt‘s Beifall für das Ticket

Brachte das 9-Euro-Ticket also lediglich das zuvor bereits prophezeite Chaos? Mitnichten. Das sagen nicht zuletzt die Touristiker in der Region Rosenheim. Von Beschwerden sei ihnen nichts zu Ohren gedrungen, sagen Christina Pfaffinger, Geschäftsführerin von Chiemsee-Alpenland Tourismus GmbH, und Herbert Reiter, von der Tourist Info Aschau.

„Man sollte die Leute zwar nicht so in die Waggons bazn“, sagt Reiter, die Infrastruktur müsste also noch ausgebaut werden. Aber das 9-Euro sei schon eine gute Idee gewesen. Findet auch Pfaffinger. Vor allem: „Es war einfach.“


Kein Tarif-Wirrwarr, keine zeitlichen Beschränkungen wie beim Bayernticket – einfach neun Euro zahlen oder abbuchen lassen – und schon hatte man freie Fahrt auf regionalen Verbindungen. Das zog offenbar sehr viele Menschen an. „Ein großer Erfolg“, sagte eine Sprecherin der Bahn auf Anfragen der OVB-Heimatzeitungen. Rund 38 Millionen Tickets seien abgesetzt worden – in ganz Deutschland. Auf Oberbayern umgerechnet wären das rund 1,4 Millionen Tickets.

Für die Touristiker ist es schwierig bis unmöglich zu berechnen, wie viele Gäste sich wegen oder wenigstens mit dem Ticket in die Region aufgemacht haben. Monika Schimanski von der Tourist-Info Samerberg bezweifelt überhaupt, dass man einen Effekt nachweisen kann. Schon gar nicht auf den Parkplätzen. „An schönen Wochenenden geht‘s zu“, sagt sie, das sei nicht anders als vor dem Ticket. Vielleicht lockte das Angebot einfach Menschen in die Berge, die sonst zu Hause geblieben wären, ohne die Masse der Autofahrer zu überzeugen?

Mit der Bahn zu den Ritterspielen

Jedenfalls: Mit dem Billigticket machten sich Freizeitmenschen wie Berufstätige gleichermaßen in Massen auf den Weg. Kiefersfeldens Bürgermeister Hajo Gruber ist den Ritterspielen eng verbunden. Seine Familie kümmert sich um den Vorverkauf. Viele Gäste seien aus München gekommen, „viele von ihnen mit der Bahn“. Gewechselt ist auch Grubers Kollege Georg Huber, Bürgermeister von Samerberg: „Ich persönlich habe das Ticket drei Monate lang rege genutzt für Fahrten nach München, da ich mein Auto in Rosenheim stehen lassen konnte.“

Dass es einen 9-Euro-Effekt gab, bestätigen die Beobachtungen aus dem Funkhaus Rosenheim. „Die Kollegen, die in der Früh bei Galaxy und Charivari moderieren und ich, wir hatten gerade im Juni und Juli definitiv das Gefühl, dass die typischen Staumeldungen im Stadtgebiet Rosenheim tatsächlich abgenommen haben, beziehungsweise nicht mehr so lange angedauert haben wie sonst.“

Jeder einzelne Zuschauer, jede Familie, die mit dem Zug zu den Ritterspielen kam, „ist ein Auto weniger“, freut sich Gruber. Eine einfache Verlängerung des Fast-Umsonst-Angebots fände dennoch nicht seinen Beifall; schließlich müsste die Verbesserung des Nahverkehrs irgendwie bezahlt werden. Aber: „Der ÖPNV müsste auf jeden Fall billiger werden“, sagt er. „Ich kenne viele Kieferer, die würden gerne mit der Bahn nach Rosenheim fahren. Sie tun‘s nicht, weil‘s zu teuer ist.“

Auch Jan Wohlers, Jugendreferent bei der Alpenvereinssektion Rosenheim, hat festgestellt, dass sich im vergangenen Vierteljahr mehr und mehr Gruppen aus der Sektion mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg in die Berge gemacht haben. So wie es der DAV insgesamt ja auch empfiehlt. „Ob das ein Trend wird oder nicht, wird der Preis entscheiden“, sagt Wohler. In normalen Zeiten, ohne 9-Euro-Ticket, sei die Fahrtkarte oft zu teuer.

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