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Schöffengericht Traunstein

Raubling: Schnitt quer durch die Kehle - 24-Jährige attackiert 54-jährigen Fernfahrer auf Rasthof

Ein Kriminaltechniker stellt ein Messer am Tatort sicher. In Raubling verletzte eine 24-Jährige einen 54-jährigen Fernfahrer mit einem Stich. Dieser löste eine etwa zwölf Zentimeter auseinanderklaffende, stark blutende Schnittwunde am Hals.
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Ein Kriminaltechniker stellt ein Messer am Tatort sicher. In Raubling verletzte eine 24-Jährige einen 54-jährigen Fernfahrer mit einem Stich. Dieser löste eine etwa zwölf Zentimeter auseinanderklaffende, stark blutende Schnittwunde am Hals aus.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Einen Schnitt quer durch die Kehle an der Autobahnrastanlage Reischenhart überlebte ein 54-jähriger Fernfahrer aus Schleswig-Holstein – weil keine großen Gefäße im Halsbereich eröffnet wurden.

Traunstein/Raubling –Seine damalige 24-jährige Lebensgefährtin verurteilte das Schöffengericht Traunstein mit Richter Thilo Schmidt am Montag (6. September) wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit dreijähriger Bewährung.

1,4 Promille im Spiel

Die junge Frau hatte ihren 30 Jahre älteren Freund – wie oft zuvor – Ende April 2021 auf einer Tour mit dem Lkw durch Europa begleitet. Während einer Ruhepause auf der Fahrt von Italien nach Norddeutschland am 30. April 2021 auf dem Autohof im Gemeindegebiet von Raubling konsumierte das Paar mit anderen Truckern Alkohol. Während des Abendessens im Führerhaus entbrannte gegen 22.30 Uhr ein Streit. Die mit etwa 1,4 Promille alkoholisierte 24-Jährige verletzte sich mit dem Messer zunächst selbst.

Der Freund beugte sich über sie, um zum Stillen der Blutung Papiertaschentücher aus dem Fach am Beifahrersitz zu holen. Die junge Frau fühlte sich in diesem Moment bedroht und stach mit dem Küchenmesser zu. Der Stich verursachte eine etwa zwölf Zentimeter auseinanderklaffende, stark blutende Schnittwunde am Hals. Die 24-Jährige stieg aus, warf das Messer neben dem Lkw zu Boden und ging zu der 300 Meter entfernten Tankstelle.

Rasthof-Angestellte ruft Rettungsdienst

Der blutende 54-Jährige mit mehr als 1,7 Promille im Blut rauchte zunächst am Lkw eine Zigarette. Eine Angestellte des Rasthofes wurde zufällig ihn aufmerksam. Sie verständigte Polizei und Rettungsdienst. Der 54-Jährige wurde gegen 23.15 Uhr in das Romed-Klinikum in Rosenheim eingeliefert und unter Vollnarkose medizinisch versorgt. Die Wunde war potenziell lebensgefährlich. Glücklicherweise aber waren keine großen Blutgefäße, die Luftröhre oder der Kehlkopf lädiert.

Die 24-jährige Frau, seit der Tat in Untersuchungshaft, war mit dem Opfer damals zwei Jahre liiert und hat sich inzwischen von ihm getrennt. In der Beziehung gab es viele Streits und mehrmals gewaltsame Übergriffe gegen sie. Einmal musste das SEK anrücken. Erst spät erfuhr die 24-Jährige, dass der Mann wegen Totschlags im Jahr 2005 an seiner Ex-Frau 13 Jahre im Gefängnis gesessen hatte und wegen Körperverletzungsdelikten vorbestraft war.

24-jährige Frau war geständig

Die geständige 24-Jährige ließ ihren Verteidiger, Harald Baumgärtl aus Rosenheim, gestern eine Erklärung vortragen. Demnach warf der 54-Jährige der Frau vor, beim Trinken mit den anderen Fernfahrern geschäkert zu haben. Die Angeklagte habe sich in den Arm geritzt. Als sich der Mann über sie gebeugt habe, seien der 24-Jährigen wieder die früheren Übergriffe gegen sie und die Tat an seiner Ex-Frau eingefallen. An den Stich selbst habe sie nur eine verschwommene Erinnerung. Harald Baumgärtl weiter: „Sie macht keine konkrete Notwehr geltend. Aber aus ihrer Sicht befand sie sich in einer Notwehr ähnlichen Lage.“ Teils unter Tränen ergänzte die 24-Jährige vor dem Schöffengericht Traunstein einige Details. Sie betonte, bis heute Angst vor dem Mann zu haben.

Vor dem Schöffengericht tauchte der Fernfahrer am Montag nicht auf. Er handelte sich damit ein von Staatsanwalt Wolfgang Fiedler beantragtes Ordnungsgeld von 500 Euro ein.

Blutverschmierten Mann gesehen

Die Prozessbeteiligten konnten auf Videos von der widersprüchlichen Vernehmung des 54-Jährigen zurückgreifen. So behauptete er auf eine Frage des Staatsanwalts, die Verletzung am Hals sei entstanden, als er selbst in das scharfe Messer gefallen sei. An anderer Stelle meinte er, ein Kollege habe ihn draußen geschnitten. Dritte Version war: „Ich stand meiner Freundin im Weg.“

Eine Mitarbeiterin des Autohofs schilderte, nach Schließen der Rastanlage habe sie nachts noch nach einem Parkplatz für einen anderen Lkw gesucht. Dabei habe sie den blutverschmierten Mann gesehen, der gebeten habe: „Hol Hilfe. Sie will mir die Kehle durchschneiden.“ Die Mutter der 24-Jährigen berichtete, in jener Nacht habe ihre Tochter gesagt: „Überall ist Blut.“

Im Hintergrund habe sie den Mann rufen hören: „Ich hab Dich nicht angegriffen.“ Ihr wie der Tochter habe der 54-Jährige in der Vergangenheit Gewalt angetan. Die Zeugin zeigte sich bereit, die Tochter aufzunehmen und Vorkehrungen nach dem Gewaltschutzgesetz einzuleiten.

„Steuerungsfähigkeit“ laut Gutachten vermindert

Die Steuerungsfähigkeit der 24-Jährigen war gemäß Gutachten durch die Alkoholisierung und ihre Persönlichkeitszüge möglicherweise vermindert. Eifersucht habe bei der Tat wohl eine Rolle gespielt, betonte Staatsanwalt Wolfgang Fiedler im Plädoyer auf eine Haftstrafe von zwei Jahren neun Monaten.

Der Ankläger angesichts der Gefährlichkeit des Stichs: „Ob der Mann überlebt oder nicht – das hatte die Angeklagte nicht in der Hand.“ Verteidiger Harald Baumgärtl gelangte zu einem „minderschweren Fall“ – wegen der Vorgeschichte und der „berechtigten Angst“ seiner Mandantin vor dem Mann. Eine Strafe von nicht mehr als 22 Monaten mit dreijähriger Bewährung sei ausreichend.

„Vermeintliche Bedrohungslage“

Im Urteil konstatierte Richter Thilo Schmidt, das Gericht sei in der Gesamtschau zu einem „minderschweren Fall“ gelangt – wegen einer „vermeintlichen Bedrohungslage“ aufgrund der Alkoholisierung und der früheren Vorfälle. „Wir verstehen jedoch nicht, warum Sie sich wieder zu dem Mann in den Lkw setzen. Es ist in Ihrem eigenen Interesse, sich von ihm und anderen solchen Männern fern zu halten“, riet der Vorsitzende der jungen Frau. Den Haftbefehl hob das Gericht auf.

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