Mann aus München angeklagt

Prozess um Messerattacke auf Frasdorfer Parkplatz: Gutachter sieht „hohe Wiederholungsgefahr“

Auf diesem Parkplatz bei Frasdorf hatte der Münchner den Bernauer mit dem Messer attackiert.
+
Auf diesem Parkplatz bei Frasdorf hatte der Münchner den Bernauer mit dem Messer attackiert.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
    schließen

Der Verteidiger des Münchners (19), der Ende Januar einen Bernauer (20) auf einem Parkplatz mit einem Messer verletzt hatte, beantragte am Mittwoch (14. Oktober) vor Gericht, eine Unterbringung zur Bewährung auszusetzen. Doch ein Gutachter sieht beim Angeklagten eine „hohe Wiederholungsgefahr“.

Traunstein/Frasdorf – Ein ob einer psychischen Erkrankung nicht schuldfähiger 19-Jähriger aus München verletzte einen 20-Jährigen aus Bernau, der ihn im Pkw von Zürich bis in den Chiemgau mitgenommen hatte, am 27. Januar gegen 1.30 Uhr schwer mit einem Taschenmesser. Wegen versuchten Mords muss sich der teilgeständige Täter seit dieser Woche vor der Jugendkammer Traunstein als Schwurgericht verantworten. Der Nebenkläger forderte am Mittwoch (14. Oktober) ein Schmerzensgeld von 10 000 Euro.

Flucht nach München

Während der Fahrt auf der Staatsstraße 2093 Richtung Aschau bat der Mitfahrer gemäß Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner, austreten zu dürfen. Kurz darauf kehrte der 19-Jährige zurück und griff den 20-Jährigen von der Beifahrertüre aus mit einem Taschenmesser an. Dabei traf er den Hals. Nach einem Würgeversuch biss der 20-Jährige den anderen in den Daumen. Durch den Biss war der 19-Jährige kurz außer Gefecht. Der Autofahrer rollte sich aus dem Wagen und konnte entkommen, während der 19-Jährige in der Zwischenzeit mit dem Mercedes flüchtete und sich in München der Polizei stellt.

Stadtbummel durch Zürich

In der Hauptverhandlung mit Vorsitzender Richterin Heike Will äußerte sich der 19-Jährige gestern selbst. „An dem Tag in Zürich war ich sehr früh wach.“ Während eines Stadtbummels habe er auf dem Mitfahrportal „blablacar“ jemand für die Fahrt nach Aschau gefunden. Mit dem Fahrer habe er sich sofort gut verstanden. Während der Reise habe man über vieles gesprochen.

Lesen Sie auch:

Ehefrau mit 40 Messerstichen getötet – Elf Jahre Haft für 58-Jährigen Töginger

Unter Tränen und sichtlich mitgenommen erinnerte sich der junge Mann: „Ich habe ihm in die Augen geschaut und gesagt, das ist mein Freund.“ Er selbst habe „niemanden, keine Familie, keine Freunde, einfach niemanden“. Da seien plötzlich Selbstmordgedanken hochgekommen. Ein Messer habe er sich in Zürich besorgt gehabt, weil er Angst gehabt habe, „in Aschau von einem Tier angegriffen zu werden“.

Nahe Frasdorf habe er sich entschlossen, sich des Autos zu bemächtigen. Der 19-Jährige fuhr fort: „Ich habe gedacht, soll ich das tun oder nicht? Dann habe ich gedacht, das bist nicht du. Tu das nicht. Aber ich habe es getan.“ Zum Ablauf meinte der Beschuldigte, er habe lediglich die Schulter des 20-Jährigen treffen wollen – damit dieser die Lage ernst nehme und aussteige. Dann jedoch habe sich der andere gewehrt: „Ich glaube, ich habe ihn am Hals getroffen, weil er weggezuckt ist. Ich habe sofort aufgehört, als er mir in den Finger gebissen hat. Dann hat er sich befreit und ist aus dem Auto ausgestiegen. Ich bereue alles zutiefst.“

„Ich wusste nicht, was falsch ist“

Als der 20-Jährige aus dem Wagen raus war, sei er „erleichtert“ gewesen, habe er doch jetzt wegfahren können, schilderte der Heranwachsende. Nächster Schritt sei gewesen, „meine Suizidgedanken abzuschließen“. Der Grund: Er habe seine Eltern wiedersehen wollen. Als ihm bewusst geworden sei, was er seinem Fahrer angetan habe, habe er sich der Polizei stellen wollen. Rückblickend meinte der 19-Jährige: „Ich wusste nicht, was falsch ist. Ich konnte zwischen Gutem und Schlechtem nicht unterscheiden. Jetzt weiß ich, dass es an meiner Krankheit liegt.“

Lesen Sie auch:

Ex-Freundin in Ruhpolding gegen Wand gedrückt und gewürgt – Haftstrafe für Nordfriesen (24)

Der Vater des Täters beschrieb den Sohn: „Er war ein fröhliches Kind, hat nie Probleme gemacht, immer beste Noten nach Hause gebracht. Er war sportlich.“ Einige Verhaltensweisen habe er schon als „seltsam“ empfunden – aber an nichts Gravierendes gedacht. Als ihn nach der Tat die Polizei angerufen habe, sei er geschockt gewesen, so der Vater. Der Papa hob heraus, er könne seinem Sohn künftig ein stabiles Umfeld sowie eine ambulante oder stationäre psychiatrische Betreuung ermöglichen.

Privatgutachter beauftragt

Verteidiger Alexander Esser aus München beantragte am Mittwoch, eine Unterbringung zur Bewährung auszusetzen. Laut einem von der Verteidigung zugezogenen Privatgutachter könne der 19-Jährige gut ambulant zu Hause behandelt werden. Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee ging gestern ebenfalls von einer psychischen Erkrankung und von Unterbringung aus. Der Chef der Forensik in Gabersee, Dr. Stefan Gerl, gelangte im Fall einer – zu erwartenden – neuerlichen Krankheitsepisode zu einer hohen Wiederholungsgefahr für ähnliche Taten.

„Sicht durch die rosarote Brille“

Um dem Sicherheitsaspekt Rechnung zu tragen, sei eine längere Behandlungszeit durch mehrere therapeutische Berufsgruppen erforderlich. Lockerungen müssten dann erprobt werden, vielleicht in einer betreuten Wohngemeinschaft. Eine Aussetzung zur Bewährung aktuell sei „eine Sicht durch die rosarote Brille“.

Der Prozess wird am Freitag, 16. Oktober, fortgesetzt.

Kommentare