Prozessauftakt in Traunstein

Messerangriff auf Frasdorfer Parkplatz: 19-Jähriger laut Gutachten schuldunfähig

Die Mitarbeiterin eines Labors nimmt eine DNA-Probe von einem Messer. In Frasdorf hatte im Januar ein Münchner einen Bernauer mit einer derartigen Waffe angegriffen und verletzt.
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Die Mitarbeiterin eines Labors nimmt eine DNA-Probe von einem Messer. In Frasdorf hatte im Januar ein Münchner einen Bernauer mit einer derartigen Waffe angegriffen und verletzt.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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An einem Frasdorfer Parkplatz hatte er Ende Januar einen 19-jährigen Bernauer mit einem Messer attackiert und war dann mit dessen Auto nach München gefahren, um sich dort der Polizei zu stellen: Seit Dienstag (13. Oktober) muss sich der Münchner (19) wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

Traunstein/Frasdorf – Der 20-jährige Geschädigte einer Messerattacke im eigenen Auto litt gestern Morgen an Halsschmerzen. Nach einem Corona-Schnelltest konnte der junge Mann aus Bernau doch noch im Schwurgerichtsprozess der Jugendkammer Traunstein gegen einen 19-jährigen Münchner wegen versuchten Mords aussagen. Der spektakuläre Fall ereignete sich am Abend des 27. Januar 2020 auf einem Parkplatz bei Frasdorf (wir berichteten).

Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung?

Das Sicherungsverfahren gegen den 19-Jährigen dreht sich ausschließlich um die Frage der Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung. Der psychisch kranke Mann war zur Tatzeit laut Gutachten im Vorfeld der Hauptverhandlung schuldunfähig. Er war zu jener Zeit für einige Tage in der Schweiz. Um in Aschau angeblich eine Arbeit zu finden, suchte er über die Internetplattform „blablacar“ eine Mitfahrgelegenheit. Der 20-Jährige war bereit, den 19-Jährigen und einen weiteren Mitfahrer am Bahnhof Zürich aufzunehmen. In München-Großhadern stieg letzterer aus.

In Frasdorf verließ das Auto die A 8 Richtung Aschau. Gegen 1.30 Uhr wollte der Beschuldigte austreten. Der Mercedes-Lenker hielt an einem Parkplatz. Gemäß Antragsschrift kam der 19-Jährige zurück und ging von der Beifahrerseite her mit einem Taschenmesser auf den 20-Jährigen los. Dabei traf er ihn in den Hals. Der noch angeschnallte Fahrer konnte nicht flüchten.

Opfer beißt Angreifer in den Daumen

Er bekam die Hand des Angreifers fassen und erhielt einen Faustschlag auf den Kopf. Nach einem Würgeversuch biss der Geschädigte den Beschuldigten in den Daumen. Ein Stich ins Knie des Opfers folgte. Wegen der Schmerzen durch den Biss war der 19-Jährige kurz handlungsunfähig.

Dem Geschädigten gelang es, sich aus dem Wagen zu rollen und in Richtung eines entgegenkommenden Autos zu fliehen. Der Verletzte hatte großes Glück: Eine Arzthelferin versorgte seine Wunden fachmännisch. Der 19-Jährige war zwischenzeitlich in den Mercedes gestiegen. Er gab ins Navi „Polizei“ ein. Das Gerät lotste ihn zum Polizeipräsidium in München in der Ettstraße. Dort sagte er zu einem Beamten in der Wache: „Ich hab jemand mit dem Messer abgestochen.“ Letztlich landete der 19-Jährige in vorläufiger Unterbringung in einem Bezirksklinikum.

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Der 20-Jährige mit Opferanwalt Christian Pusch aus Traunstein schilderte gestern, er sei nach dem Anhalten ganz entspannt gewesen: „Wir hatten uns gut verstanden. Ich hab die Musik lauter gemacht. Plötzlich ging die Beifahrertür auf. Es war wie ein Kampf auf Leben und Tod. Ich rief die ganze Zeit: Warum machst Du das?“ Er habe keine Antwort erhalten. Anfangs habe er von dem Messer nichts bemerkt – „erst, als Blut rumspritzte“. Der 20-Jährige weiter: „Ich hab gedacht, jetzt ist es zu Ende.“

Der 20-Jährige trug in jener Nacht zahlreiche Stich- und Schnittverletzungen davon, befand sich aber nicht in akuter Lebensgefahr. Das Messer hatte glücklicherweise die große Halsvene nicht getroffen. Die Verletzungen waren jedoch „potenziell lebensbedrohlich“. Das attestierte gestern der Sachverständige Dr. Christian Braun vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München.

„Ich habe nur Dein Auto wollen“

Der 20-Jährige musste damals zweimal an der Hand operiert werden und fünf Tage stationär im Klinikum Rosenheim bleiben. Die Verletzungen sind inzwischen gut verheilt. Nur die rechte Hand bereite noch Probleme, gab der Nebenkläger Auskunft. Der Beschuldigte bat ihn „aus tiefster Tiefe“ um Entschuldigung: „Ich habe nur Dein Auto wollen. Ich wollte Dich weder verletzen noch töten.“

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Über seine Erinnerungen an das Tatgeschehen wird der 19-Jährige am heutigen zweiten Verhandlungstag berichten. Vorab gaben die Verteidiger, Alexander Esser und Ingrid Babic, beide aus München, eine Erklärung ab. Ihr Mandant habe lange schon Suizidgedanken gehegt, sich des Autos bemächtigen und damit „an eine Wand fahren wollen“. Die Anwälte sprachen von „lediglich einem Stich“, der Richtung Hals abgeglitten sei. Die anderen Verletzungen seien Folgen einer „Rangelei“ gewesen. Gewürgt habe der Beschuldigte das Opfer gar nicht.

Angeklagter habe „ruhig und ganz normal gewirkt“

Unter den ersten Zeugen zum gestrigen Prozessauftakt waren Polizeibeamte. Einem Angehörigen des Präsidiums München konnte der Heranwachsende keinen Grund für die Tat nennen. Der Polizeizeuge dazu: „Er sagte nur, er habe es tun müssen.“ Der junge Mann habe ruhig und ganz normal gewirkt. Ein Kollege habe schon von dem verletzten Autofahrer in Frasdorf gewusst. Ein Kollege der Polizeiinspektion Prien traf den Geschädigten am Tatort „ziemlich durch den Wind“ vor. Viel Blut sei zu sehen gewesen.

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