Prozess um Tod eines JVA-Häftlings in Bernau: Mutter des Opfers sieht beim Täter „keine Reue“

Die Justizvollzugsanstalt Bernau aus der Vogelperspektive: Auf dem Sportplatz der JVA war im August 2018 ein 30-Jähriger nach einer körperlichen Auseinandersetzung mit einem Mithäftling gestorben.
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Die Justizvollzugsanstalt Bernau aus der Vogelperspektive: Auf dem Sportplatz der JVA war im August 2018 ein 30-Jähriger nach einer körperlichen Auseinandersetzung mit einem Mithäftling gestorben.

Im Prozess um den Tod eines Gefangenen (30) der JVA Bernau, der nach einer Auseinandersetzung mit einem 49-jährigen Mithäftling gestorben war, forderte die Anklagevertretung am Mittwoch zehn Jahre Haft. Zudem meldete sich die Mutter des Opfers zu Wort. Das Urteil soll am 8. Juli verkündet werden.

Von Monika Kretzmer-Diepold

Traunstein/Bernau – Der Tod eines 30-jährigen Gefangenen nach einer Schlägerei auf dem Sportplatzgelände der Justizvollzugsanstalt Bernau soll die Folge eines „Missgeschicks“ gewesen sein. Ein wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagter 49-jähriger Häftling behauptete vor dem Schwurgericht Traunstein, er sei bei dem angeblichen Tritt ins Gesicht nur „gestolpert“: „Ich wollte nur einen großen Schritt über ihn machen und hab ihn mit der Ferse erwischt.“ Das Schwurgericht verkündet das Urteil am Mittwoch, 8. Juli.

Der 49-jährige Bulgare, mit dem 30-Jährigen zuvor längere Zeit in Streit, war am 15. August 2019 während eines Volleyballturniers zwischen den Insassen von zwei Gefangenentrakten auf den 30-Jährigen, der sich die Schnürsenkel band, zugelaufen. Nach dem ersten Schlag des Angeklagten wehrte sich der Kroate mit einem Faustschlag. Ein weiterer Schlag und ein Tritt des 49-Jährigen hinderten den 30-Jährigen, wieder auf die Beine zu kommen. Der Kroate fiel auf den Rücken und hatte den Kopf leicht erhoben, als ihn der wuchtige Tritt senkrecht ins Gesicht traf. Der Kopf prallte auf den Asphaltboden, der Mann verlor das Bewusstsein und erlag später seinen Verletzungen.

Angeklagter bricht sein Schweigen

Der Angeklagte hatte lange nichts zu den Vorwürfen von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner gesagt. Dann brach er sein Schweigen. Er schilderte: „Als ich auf Sportplatz bin, habe ich ihn gesehen. Einer rennt direkt auf mich zu. Er gibt mir hier eine, da eine. Ich hau zu auf seine Schläfe. Der hat schon im Stehen die Augen verdreht. Seine Füße haben gezuckt. Ich dachte: Nur ein Schlag. Als ich auf seine Brust getreten bin, bin ich nur gestolpert.“ Der siebenfach vorbestrafte 49-Jährige verwies auf seine damalige Situation im Gefängnis. Er hätte in fünf Tagen entlassen werden sollen, hatte die Papiere für eine Drogentherapie, einen Therapieplatz und die Kostenzusage. „Ich hab mich auf die Entlassung gefreut. Ich hatte nie Probleme im Gefängnis. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass so etwas passiert.“

Im Plädoyer ging Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner von „versuchtem Totschlag“ und „Körperverletzung mit Todesfolge“ aus. Der Angeklagte habe bei den Tritten mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt – auch wenn er den 30-Jährigen nicht töten wollte. Eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren sei angemessen. Eine Unterbringung zum Entzug sei nicht anzuordnen. Die Nebenklagevertreter schlossen sich namens der Familie des Getöteten an. Die Mutter des 30-Jährigen vermutete, manche Zeugen hätten „Angst vor dem Angeklagten“ gehabt. Sie nehme die Entschuldigung des 49-Jährigen nicht an: „Ich sehe keine Reue.“

Verteidiger bewertet Geschehen als „Notwehrlage“

Verteidiger Dr. Adam Ahmed aus München bewertete das Geschehen, abgesehen von einem Fußtritt, als „Notwehrlage“ des 49-Jährigen. Der 30-Jährige habe den Angeklagten provoziert. Die Handlungen seines Mandanten seien durch die Notwehrsituation gedeckt. Damit verbleibe eine „versuchte gefährliche Körperverletzung in minderschwerem Fall“. Mit der verbüßten einjährigen Untersuchungshaft müsse die Strafe erledigt sein.

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