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AKTION DER BÜRGERINITIATIVEN

Protest mit Pauken und Trompeten – Tausende wehren sich lautstark gegen geplante Brenner-Trasse

Nicht zu übersehen, nicht zu überhören: Die Teilnehmer der Protestaktion in Lauterbach.
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Nicht zu übersehen, nicht zu überhören: Die Teilnehmer der Protestaktion in Lauterbach.
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  • Roland Schmidt
  • Jens Kirschner
    Jens Kirschner
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  • Wolfgang Haserer
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  • Kathrin Gerlach
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Mit einer „Lärmwelle“ haben Bürgerinitiativen am Samstag gegen die Vorzugstrasse des Brenner-Nordzulaufs protestiert. Mit Töpfen, Trillerpfeifen, Trompeten, Kuhglocken und anderen „Instrumenten“ gaben die Anwohner einen Vorgeschmack auf den Lärm, den sie erwarten, wenn künftig Güterzüge durch die Landschaft rollen.

Rosenheim – Den Organisatoren von der Bürgerinitiative „Brennerdialog Rosenheim Land e. V.“ zufolge beteiligten sich insgesamt 5.000 Menschen an dem Protest entlang der geplanten Trasse von Ostermünchen nach Oberaudorf.

Die Polizei sprach gestern auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen auch mit Blick auf die Genehmigung von gut 2.500 Teilnehmern. Besondere Vorkommnisse oder Zwischenfälle gab es laut Polizei-Sprecher Alexander Huber nicht. Das Motto „Hoit ma z‘samm“ wurde an vielen Orten der geplanten Trasse deutlich.

Hans Thiel, Ehrenvorsitzender des SV Ostermünchen, auf dem Sportplatz, den er mit aufgebaut hat.

Ostermünchen

Mit Kanonendonner nahm die Prostestwelle um Punkt 15 Uhr in Ostermünchen ihren Anfang. Hunderte Menschen hatten sich hier an der etwa fünf Kilometer langen Strecke zwischen Ostermünchen und Aubenhausen versammelt, an der eine fünfspurige Verknüpfungsstelle entstehen soll.

„Euer Zuspruch ist überwältigend“, dankte Veranstalter Hans Baumgartner, Chef der Bürgerinitiative Tuntenhausen-Ostermünchen gegen den Brenner-Nordzulauf, für die große Solidarität. Er forderte die Verantwortlichen der Deutschen Bahn auf, die Ergebnisse des Raumordnungsverfahrens und die mehr als 4.000 Einwände aus der Gemeinde Tuntenhausen in die Vorplanungen einfließen zu lassen, mehr Tunnel im Norden Rosenheims zu planen, auch wenn diese Trassenvariante die teuerste werde.

„Der Druck der Straße ist entfacht. Der Sportplatz von Ostermünchen wird zum Symbol unserer Zivilcourage werden“, betonte Baumgartner. Über die Fußballfelder des SV Ostermünchens soll die fünfgleisige Trasse führen. Auch Hans Thiel, Ehrenpräsident des SVO, gehörte zu den Demonstranten. Er hat den Sportplatz vor 46 Jahren mit gebaut. „Es schmerzt im Herzen, wenn ich mir vorstelle, dass diese Pläne Wirklichkeit werden sollen, dass tausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit umsonst gewesen sein sollen.“

Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bauernverbandes, lenkte den Blick auf die Biobauern, die durch die Trasse ihrer Existenz beraubt werden. „Wenn sie ihre Weideflächen verlieren, müssen sie aufhören.“ Der Flächenverbrauch für die Trasse wirke sich auf die gesamte Region aus. „Naturräumlicher Flächenausgleich bedeutet, dass weitaus mehr Landwirte ihre Flächen verlieren, als es der Trassenverlauf derzeit erahnen lässt.“

Langenpfunzen

Jagdhörner, Vuvuzelas und auch Kettensägen – allerdings ohne Sägeblatt – waren auf einem Feld bei Langenpfunzen zu hören. Dabei wirkte der Protest trotz des Ernsts der Lage bei vielen wie ein Happening: Familien mit Kindern, Paare, junge Leute – die Stimmung war gelöst. Ab 15 Uhr ließen die Teilnehmer alle fünf Minuten eine akustische Laola-Welle entlang des mit Flatterband markierten Streckenverlaufs ertönen.

Prutting

Frühzeitig war Pruttings Bürgermeister Johannes Thusbaß am Infopunkt bei Fussen zwischen Stephanskirchen und Prutting. Er hatte jede Menge Plakate dabei, Westen mit der Aufschrift „DBakel“ und alle Trillerpfeifen, die er auftreiben konnte. Diese verteilte er an Teilnehmer und Passanten – auch an Fahrradfahrer, die auf ihrem samstäglichen Ausflug eher zufällig hier vorbeikamen und sich spontan zum Mitmachen entschieden.

In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Verunsicherung groß und das Vertrauen in die Politik klein ist: Auf die derzeitige Planungsabsicht, möglichst viel der Strecke zu untertunneln, würde hier niemand wetten wollen.

In Gögging bei Riedering war alles vertreten, was Lärm macht: Musikinstrumente, Böller, sogar eine Karfreitagsratsche.

Riedering

Auch hier ist aufgeboten, was nur irgendwie Lärm macht: vom kleinen Kochtopf über Musikinstrumente, Kuhglocken in allen Größen bis hin zur Karfreitagsratsche und Böllern. Und auch hier herrscht große Skepsis gegenüber der Politik: Die sieben Milliarden, die das Bauwerk nach den derzeitigen Schätzungen kosten soll, halten alle für einen „Witz“. Diese Kostenexplosion würde aber, so die Befürchtung, nicht zu einem Ende des Vorhabens führen, sondern dazu, dass das Vorhaben, möglichst viel zu untertunneln, sang- und klanglos gekippt werde.

Mehr zum Thema: Diskussion im Gemeinderat: Riedering will sich gegen Brenner-Zulaufstrecke wehren

Wie sehr die Pläne die Menschen umtreiben, zeigt das Beispiel eines älteren Ehepaars, das nur Vornamen nennen will: Traudl und Toni, 76 und 77 Jahre alt. Es sei die erste Demonstration in ihrem Leben, sagen sie. „Aber es muss hier einfach klar werden, dass man sich nicht alles gefallen lässt.“

Zwar haben die beiden wenig Hoffnung, dass ihr Protest irgendwo Gehör findet, aber: „Einen wunderschönen Flecken Heimat zu ruinieren, ohne wirklichen Nutzen und Sinn – man muss wenigstens zeigen, dass man damit nicht einverstanden ist.“

Rohrdorf

Rohrdorfs Bürgermeister Simon Hausstetter hatte noch in der Gemeinderatssitzung am Donnerstag für eine möglichst große Beteiligung geworben: „Wir müssen erneut ein Zeichen setzen“, sagte er, „denn dieses Bauvorhaben beeinträchtigt nicht nur unsere Gemeinde, es beeinträchtigt die gesamte Region“.

Mit Töpfen, Trillerpfeifen, Trompeten und Kuhglocken gaben die Anwohner – wie hier in Fussen bei Stephanskirchen – einen Vorgeschmack auf den Lärm gegeben, den sie erwarten, wenn künftig Güterzüge durch die Landschaft rollen.

Von daher war er hochzufrieden über die große Beteiligung an der Veranstaltung. Und auch auf politischer Ebene will er nicht lockerlassen: Am 8. Mai werde es ein Zusammentreffen der Bürgermeister aller betroffenen Gemeinden geben. Überlegt werden soll dabei auch die Stoßrichtung, so Hausstetter: „Macht es noch Sinn, die grundsätzlichen Zweifel an dem Projekt, vor allem hinsichtlich des Bedarfes hervorzuheben? Oder soll man Augenmerk und Kraft auf das Ziel, wirklich möglichst viel zu untertunneln, richten?“

Lauterbach

Krach war auch in Lauterbach angesagt, wo die Bahn eine Trasse des Nordzulaufes direkt am Ortsrand oberirdisch quer durch die landwirtschaftlich genutzten Felder plant. Dass die Bürger damit nicht einverstanden sind, zeigte sich entlang des Radweges der Kreisstraße RO5. Mit vielen Utensilien, Kochtöpfen, Schüsseln, Kuhglocken, Sirenen, Musikinstrumenten, ja sogar einer Gießkanne und einem Benzinkanister, zeigten die Teilnehmer ihren Unmut.

„Die Bestandsstrecke ließe sich ertüchtigen“: Davon ist Vinzenz Gschwendtner aus Brannenburg (rechts) überzeugt und stellte sich zusammen mit Christina Sagberger aus Niederaudorf direkt an der Bahnstrecke auf.

Oberaudorf

„Wir wollen keine oberirdische Verknüpfungsstelle in Niederaudorf“: So lautete der Tenor entlang der Proteststrecke vom Kloster Reisach bis zur geplanten Öffnung des Nordportal-Tunnels Laiming. Viele Inntal-Bewohner hatten sich in einer langen Reihe, gleich einer Perlenkette, aufgereiht und mit Kuhglocken, Ratschen und Topfdeckeln ein unüberhörbares Zeichen gesetzt. Landwirte hatten zudem ihre Traktoren aufgestellt, um den Verlauf parallel zur Inntalautobahn zu markieren.

„Wir wollen für unsere Heimat und vor allem unsere Kinder vor weiterem Naturraub bewahren“, sagte Verena Stadtlinger aus Oberaudorf. Auch viele junge Menschen reihten sich ein – wie Vinzenz Gschwendtner aus Brannenburg: „Die Bestandsstrecke ließe sich ertüchtigen. Landschaft müsste nicht zerstört werden.“ Wenn auch ein Großteil der geplanten Inntal-Zulaufstrecke im Tunnel geführt würde, sei die Verknüpfungsstelle doch oberirdisch. „Die Natur ist dort schon durch die Autobahn schwer belastet. Weitere Landschaftszerstörung muss verhindert werden“, gibt sich Christina Sagberger aus Niederaudorf kämpferisch.

Mehr zum Thema: Das sagen die OVB-Leser zum Thema Brenner-Nordzulauf

Besonders betroffen zeigte sich Landwirt Martin Pichler aus Niederaudorf: „In den vergangenen Jahren haben wir einen neuen Stall für unsere Milchkühe gebaut. Durch die Verknüpfungsstelle würde ich bis zu acht Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verlieren. Das wäre existenzbedrohend!“

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