Aiblinger Professor: Die Kliniken haben sich auf die Pandemie „perfekt eingespielt“

Unfälle wegen Schnee und Eis in Corona-Zeiten - gerade für Ältere ein Problem?

Professor Dr. Klaus Jahn von der Schön Klinik Bad Aibling Harthausen
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Professor Dr. Klaus Jahn ist Chefarzt der Neurologie sowie des Zentrums für Akut- und Neurogeriatrie in der Schön Klinik Bad Aibling Harthausen und weiß, wie sich gerade ältere Leute bei Schnee und Eis verhalten sollen, um Stürze zu vermeiden.
  • Marina Birkhof
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Professor Dr. Klaus Jahn ist Chefarzt der Neurologie sowie des Zentrums für Akut- und Neurogeriatrie in der Schön Klinik Bad Aibling Harthausen. Er weiß: Für Schnee- oder Glatteisunfällen sind nicht nur ältere Menschen gefährdet. Bedenken wegen eines Krankenhausaufenthalts in Zeiten der Pandemie aber müsse niemand haben.

Bad Aibling - Junge können genauso hinfallen und sich etwas brechen wie alte Menschen. Bei den Jüngeren aber geschehe solch ein Unfall insbesondere, wenn man nicht damit rechnet und entsprechend nicht reagieren kann.

Unsicherheit und Angst häufige Begleiter nach einem ungeschickten Sturz

Bei älteren Menschen kommen oft mehrere Punkte zusammen. Als Begleiterscheinungen im Alter bestehen häufig Osteoporose (verminderte Knochenstabilität) und Sarkopenie (verminderte Muskelmasse). „Wenn etwas passiert neigen Ältere eher zu Komplikationen. Die Stürze im höheren Alter haben daher auch ein höheres Gewicht als in jungen Jahren. Wer einmal nach einem Sturz nicht gehen kann, kann auch leichter Dauerfolgen mit Immobilität und den Folgen für den ganzen Körper bekommen – da kommt oft mehr zusammen, als zunächst erwartet“, erklärt Professor Jahn und ergänzt: „Alle Faktoren im Auge zu behalten ist ein typisches Herangehen der Geriatrie“.

Zudem spielen nach einem ungeschickten Sturz oft Unsicherheit und Angst eine Rolle. Hier aber könne man vorbeugend agieren, lernen, sich richtig abzurollen und einen Sturz „zu üben“, ehe man sich womöglich durch Angst ein „falsches“ Gangbild angewöhnt.

Ob Jung oder Alt: Wie kann ich mich überhaupt bei Glatteis auf den Beinen halten?

Der Tipp des Chefarztes: „So gehen, als würde man über einen zugefrorenen See spazieren, mit breiterer Unterstützungsfläche. Die Beine müssen ein bisschen weiter auseinander sein, man sollte länger auf beiden Beinen stehen und mit relativ kurzen Schritten vorankommen. Dazu kommt angepasste Kleidung und festes, sicheres Schuhwerk.“

Auf der anderen Seite braucht es Übung: „Die Herausforderung sollte immer gerade an der Grenze des Möglichen sein – geht jemand gar nicht raus, ist er erst recht sturzgefährdet. Also lieber auch mal auf unebenem Boden üben und gerade auch bei Schnee das Gehen auf dem unsicherem Untergrund üben.“

Bei mittleren Bedingungen – wenn nicht gerade Wetterextreme wüten – sollte viel zu Fuß erledigt werden um nicht aus der Übung zu kommen. Ist wirklich Glatteis draußen, sollte das Rausgehen jedoch vermieden werden.

Nicht mehr wetterbedingte Unfälle als in den Vorjahren - eine Folge des Lockdowns?

In den letzten ein bis zwei Wochen habe die Zahl der Unfälle bedingt durch Glätte und Schnee zugenommen, unterstreicht der Professor der Schön Klinik. Allerdings seien es nicht mehr als in den vergangenen Jahren – insgesamt sogar weniger, „wohl eine Folge des Lockdowns, weil Skifahren nicht möglich ist.“

Keiner müsse also Bedenken haben, dass er das Krankenhaus in punkto Überbelastung gefährde oder keinen Platz bekomme, wenn er einen Unfall hatte. „Die Kliniken sind auf die Pandemie-Situation eingestellt und eingerichtet. Es wäre ganz falsch, bei Notfällen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Knochenbrüchen oder starke Schmerzen nach einem Sturz das Krankenhaus zu meiden – es besteht sonst die Gefahr, dass Langzeitfolgen zurückbleiben. Wer zu spät reagiert und eine akute Unfallfolge nicht behandeln lässt, der geht im schlimmsten Fall das Risiko einer lebensbedrohlichen Erkrankung ein. Rechtzeitiges Reagieren rettet Leben“, betont Professor Jahn.

Darüber hinaus gebe es geregelte Abläufe bei einer Aufnahme in den Kliniken: Es werde zunächst getestet und der Patient zu Beginn im Einzelzimmer bei strengen Hygieneregeln gut geschützt, bis die Probetestung auf das Coronavirus ausgewertet ist. Im letzten Frühjahr am Anfang der Pandemie sei die Lage schwieriger gewesen, inzwischen habe es sich aber „perfekt eingespielt“. „Ich würde fast sagen, im Supermarkt ist es in Bezug auf eine Ansteckung gefährlicher als im Krankenhaus“, vermutet Professor Jahn.

Zufällige Corona-Befunde nach Glatteis-Unfällen

Dass bei einem Patienten, der mit einem Bruch eingeliefert wird, ein zufälliger Corona-Befund ans Licht kommt, kam in der Vergangenheit immer wieder vor: „Oft handelt es sich um asymptomatische Covid-Patienten. Eine spezielle Corona-Behandlung ist bei wenig bis leichten Symptomen nicht vonnöten, aber man muss es wissen, damit sich andere nicht unbewusst anstecken.“

Ein Zufallsbefund bedeute in der Regel, der Patient bleibe isoliert in einem Einzelzimmer mit entsprechenden Schutzmaßnahmen. Notwendige Behandlungen bezüglich anderweitigen Krankheiten können natürlich auch mit einer Infektion getätigt werden.

„Alter ist keine Krankheit“ - Propyhlaxe das A und O

Auch wenn sich die kalten Monate schon langsam wieder verabschieden, wichtig ist dem Professor schon jetzt an die Zukunft zu denken. „Die Propyhlaxe ist essentiell, denn der nächste Winter mit Schnee und Eis kommt bestimmt. Man sollte sich insbesondere Gedanken darüber machen, warum man unsicher ist. Freilich ist man im Alter oft ein bisschen wackelig auf den Beinen, wichtig ist aber auch andere Aspekte zu beleuchten: Sehe ich noch richtig, habe ich Taubheitsgefühle in den Füßen, bin ich zittrig, funktionieren meine Gelenke noch richtig?“

„Man muss wissen, woran man ist. Das Alter alleine bedingt nicht, dass man automatisch unsicherer wird. Es gibt durchaus auch mal 100-Jährige, die auf einem Bein springen - Alter ist keine Krankheit“, schließt Professor Jahn seine Erläuterungen.

mb

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