REAKTION AUF ANONYMEN HINWEIS

Polizei sprengt Geburtstagsparty – Kematener fühlen sich wie „Schwerverbrecher“

Polizeieinsatz in Kematen: Am späten Samstagabend lösen Beamte eine vermeintliche Geburtstagsparty auf. Nachbarn eilen zum Gasthaus und stellen die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme in Frage.
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Polizeieinsatz in Kematen: Am späten Samstagabend lösen Beamte eine vermeintliche Geburtstagsparty auf. Nachbarn eilen zum Gasthaus und stellen die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme in Frage.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Eigentlich wollte Christina nur ihren 18. Geburtstag feiern. Doch der endete am Abend des 6. März mit einem Polizeieinsatz. Etwa 20 Beamte lösten die Party auf. War das verhältnismäßig? Die Kommentare in den sozialen Medien überschlagen sich. Auch in der Gemeinde Bad Feilnbach ist der Einsatz das Gesprächsthema.

Bad Feilnbach – Die Frage der Verhältnismäßigkeit wird von den Kematener Bürgern, von der Gemeindeverwaltung Bad Feilnbach und vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd unterschiedlich bewertet.

Was genau ist passiert? Christina Weingast, die älteste Tochter des gleichnamigen Gasthauses in Kematen, ist am Samstag, 6. März, 18 Jahre alt geworden. „Über den ganzen Tag verteilt kamen Besucher – ihre Freunde, die Verwandschaft, immer nur vereinzelt“, beschreibt Vater Rupert Weingast.

Ganze Familie lebt von der Gastronomie

Seit Wochen ist das Gasthaus geschlossen. Seit vier Monaten ist auch die angehende Hotelfachfrau daheim, die eigentlich beim Stanglwirt in Going in die Lehre geht. Die ganze Familie lebt schon dritter Generation von der Gastronomie, leidet unter der Corona-Pandemie ganz besonders. Und dann das.

Am Abend sei der Geburtstag nicht mehr ganz regelkonform gewesen, räumt Rupert Weingast ein. „Doch eine Party mit 30 Leuten war es nie.“ Dieser Hinweis geht bei der Polizei aber gegen 20.45 Uhr anonym ein. Kurz darauf erkundet eine Streife die Lage vor Ort. Auch Posts in sozialen Medien lassen darauf schließen, dass in Kematen tatsächlich eine Party steigt.

Aggressivität nimmt zu

„Die momentane Lage ist für unsere Einsatzkräfte sehr schwierig, vor allem wenn es ins Private hineingeht“, macht Martin Emig klar, Pressesprecher am Polizeipräsidium Oberbayern Süd. „Die Aggressivität nimmt spürbar zu. Die Kollegen werden im Einsatz beschimpft, bespuckt, angegriffen.“

Diese Erfahrungen fließen in die Einsatzplanung ein. Zum Gasthaus Weingast fahren elf Streifenwagen mit Besatzung – darunter auch Diensthundeführer. „Die Türen waren verschlossen. Auf das Klingeln wurde nicht reagiert. Anrufe wurden angenommen und wortlos beendet“, rekapituliert Emig den Einsatz.

Familie ist verstört

Erst als ein Beamter mit der Leiter den Balkon erklimmt und Mutter Monika Weingast überzeugt, die Tür zu öffnen, gelangen die Beamten ins Innere des Hauses. „Da kommt man sich vor wie ein Schwerverbrecher“, kritisiert Vater Weingast das Vorgehen. Er selbst kommt erst am Gasthaus an, als der Einsatz schon läuft. „Die ganze Familie war verstört. Meine Frau hatte Angst. Meine beiden 12 und 14 Jahre alten Töchter haben geweint.“ Seine Eltern verfolgen das Geschehen aus dem Nachbarhaus: „Meine Mutter hat nur noch gezittert.“

Neun Personen sind vier zu viel

Neun Personen zählt die Polizei im Haus. Fünf von ihnen gehören nicht zur Familie Weingast. „Wir wissen, dass vorher mehrere Jugendliche geflüchtet sind. Zudem ergab die Spurenlage im Haus – also beispielsweise gedeckte Tische, Essen und angerissene Getränke – dass etwa 30 Personen an der Party teilgenommen haben“, informiert der Polizeisprecher.

Kematener kritisieren die Polizei

Während die Beamten die Anzeigen aufnehmen, kommen mehrere Nachbarn hinzu, machen ihrem Unmut über den Zugriff und die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen Luft. Die Beamten bleiben ruhig, verhindern eine Eskalation. „Einer hat sich sogar bei meiner Frau entschuldigt“, berichtet Weingast.

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„Klar, wir sind ja auch nur Menschen, haben selbst Familie, müssen auch mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie leben und verstehen die Sehnsucht der Menschen nach Normalität“, sagt Emig. Keiner wolle einer 18-Jährigen die Geburtstagsparty verderben. „Aber die Polizei muss die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen kontrollieren, Verstöße verfolgen und solche Zusammenkünfte auflösen. Bei gravierenden Verstößen, wie sie meine Kollegen im vorliegenden Fall annehmen mussten, geht unser Ermessensspielraum gegen null. Anzeigen sind dann obligatorisch.“

Partys sind Übertragungsherde

Zudem richtet Emig den Fokus auf die Ursache des Einsatzes: „Wir machen das zur Bekämpfung einer weltweiten Pandemie.“ Private Partys – strafrechtlich gesehen „nur“ Ordnungswidrigkeiten – gehörten zu den Ansteckungsherden. Immer wieder hätten Contact-Trackings gezeigt, dass danach die Infektionszahlen in die Höhe schnellten. Emig: „Schauen wir auf die Folgen für uns alle: Der Einzelhandel bleibt zu, die Lokale bleiben zu, die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen bleiben bestehen.“

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Der Einsatz am 6. März war der vierte in der Gemeinde Bad Feilnbach. Bürgermeister Anton Wallner ist ratlos. „Die momentane Stimmung ist schlimm und bereitet mir große Sorgen.“

ÜW-Gemeinderat Peter Menhofer machte seinem Ärger mit einem Facebook-Post Luft. Er schrieb unter anderem: „Wir müssen mehr als aufstehen!“ Das sei auf keinen Fall ein Aufruf zur Gewalt, betont er gegenüber dem OVB.

Situation spaltet die Gemeinde

Er habe die Reaktionen, die er damit in den sozialen Medien auslöste, völlig unterschätzt. Doch die Situation bereite ihm Bauchweh: „Das Denunziantentum, die fragliche Ausgewogenheit der Maßnahmen.“ Er wisse keinen Ausweg, aber wünsche sich sein Land zurück, so wie es vor der Corona-Krise war.

„Wir alle haben an der Situation keine Freude. Wir alle müssen verzichten“, betont der Bürgermeister. „Was man auch sagt: Es vertieft die Gräben nur noch.“

26 Menschen aus der Gemeinde können sich nicht mehr äußern. Sie hat die Corona-Pandemie das Leben gekostet.

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