Rosenheim auf dem "Werdenfelser Weg": Auftaktveranstaltung am Mittwoch um 14 Uhr im Landratsamt

Pflege ohne Gurte und Gitter

Rosenheim - Derzeit werden täglich etwa 340000 freiheitsentziehende Maßnahmen in bundesdeutschen Pflegeheimen angewendet. Das sind Bettgitter, Bauchgurte, Gurte an Armen und Beinen, Tischplatten an Rollstühlen. Zwar zum Schutz der Patienten angewendet, führen Fixierungen dieser Art dennoch zigtausendfach täglich zu physischen und psychischen Folgeleiden. Fixierungen können in Einzelfällen sogar für Todesunglücksfälle verantwortlich sein. Kaum einem Pflegenden wird es leicht fallen, seinen Patienten ans Bett zu fixieren. Doch manchmal ist die Angst vor schweren Stürzen, lebensgefährlichen Verletzungen und daraus folgenden Haftpflichtklagen größer als der Zweifel an einer Fixierung. Der Trend der vergangenen Jahre zeigt bundesweit eine Verdoppelung der erteilten Genehmigungen, von zirka 50000 auf 100000 Genehmigungen pro Jahr.

Stadt und Landkreis Rosenheim machen nun gemeinsam mobil gegen diese Praxis. Mit veränderten Abläufen bei den gerichtlichen Genehmigungsverfahren und einem Bekenntnis aller beteiligten Behörden soll der Fixierungspraxis jetzt auch in Rosenheim der Kampf angesagt werden. Der Landkreis und die Stadt Rosenheim schließen sich mit der Auftaktveranstaltung am morgigen Mittwoch, 7. März, ab 14 Uhr im Landratsamt Rosenheim der Vorgehensweise nach dem sogenannten Werdenfelser Weg an.

Bereits Ende 2011 hatten sich die sechs Betreuungsrichter des Amtsgerichts Rosenheim mit den Betreuungsbehörden und der Heimaufsicht in Stadt und Landkreis zusammengetan und beschlossen, auch in Rosenheim diesen Weg umzusetzen. In der Auftaktveranstaltung erläuterte einer der Initiatoren des Modells, der Garmisch-Partenkirchener Richter Dr. Sebastian Kirsch, wie der 2007 ins Leben gerufene "Werdenfelser Weg" funktioniert.

Spezialisierte Verfahrenspfleger mit Pflegeerfahrung, die für diese Aufgabe gezielt gesucht und fortgebildet wurden, sollen zukünftig beim Eingang eines Fixierungsantrags als Sprecher für den Betroffenen gerichtlich beauftragt werden. Rosenheim hat mehrere geeignete Verfahrenspfleger zur Verfügung.

Der Verfahrenspfleger versucht als Fürsprecher des Betroffenen vor Ort mit den Angehörigen sowie dem Pflegeteam Maßnahmen zu erarbeiten, die neben hoher Sicherheit auch Bewegungsfreiheit und Lebensqualität für den Kranken bieten. Der Weg besteht oftmals aus behutsamem Ausprobieren, partnerschaftlichem Informationsaustausch, echter Abwägungsarbeit und pflegefachlicher Einzelfallanalyse. Ziel ist, zu einer gemeinsam getragenen Abschätzung zu kommen, wie im konkreten Fall das Verletzungsrisiko bei einem Sturz einerseits, die gravierenden Nachteile einer Fixierung dagegen andererseits einzuschätzen sind.

In vielen Fällen konnte so im Landkreis Garmisch-Partenkirchen Senioren dauerhaft die Anwendung von Fixierungen erspart bleiben. Über 30 Landkreise und Städte bundesweit haben sich innerhalb des vergangenen Jahres dem Projekt angeschlossen, darunter die Städte München, Nürnberg und Bonn. re

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