In Rosenheim einst Kaplan

Pfarrer Rainer Maria Schießler: Zum 60. spricht er über seine Liebe

Bekannt für unkonventionelle Ideen: Pfarrer Rainer Maria Schießler feiert 2018 eine Bergmesse auf dem Hochausdach des Werks 3 am Ostbahnhof in München.
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Bekannt für unkonventionelle Ideen: Pfarrer Rainer Maria Schießler feiert 2018 eine Bergmesse auf dem Hochausdach des Werks 3 am Ostbahnhof in München.

Er ist ein außergewöhnlicher Geistlicher, schwimmt schon mal gegen den Strom: Pfarrer Rainer Maria Schießler. Heute wird er 60 Jahre alt. Erstmals spricht er jetzt über die Liebe, seine Freundin und das Zölibat. Eine zweite Liebe verbindet ihn übrigens mit Rosenheim – hier war er Kaplan der Pfarrei St. Nikolaus. Ein Einblick.

Von Stéphanie Mercier und Karin Wunsam

Rosenheim/München – Wenn Rainer Maria Schießlers Handy klingelt, ist die Musik des Films Der letzte Mohikaner zu hören. „Ich gehöre einer aussterbenden Berufsgruppe an - da find ich das ganz passend“, scherzt der Pfarrer von Sankt Maximilian im Glockenbachviertel (München). Mit solch herrlich ehrlichen Aussagen ist Schießler zu einem der beliebtesten Pfarrer Bayerns geworden. Heute wird er 60 Jahre alt - und macht uns ein Geschenk: Er offenbart seine sechs Tipps für ein erfülltes Leben. Quasi einen pro Lebensjahrzehnt.

Schießlers sechs Tipps für den Himmel auf Erden

1. „Das berühmte Glück im Leben gibt es nicht auf Abruf“, sagt Pfarrer Rainer Maria Schießler. Glück sei ein Geschenk. Umso wichtiger ist es, sein eigenes Glück zu erkennen. Denn Schießler weiß: „Glücklich bin ich nicht, wenn mich andere dafür halten, sondern wenn ich mich so fühle!“

2. „Sinnvoll zu leben heißt für mich, für das Alltägliche dankbar zu sein“, sagt der Pfarrer. Nur allzu leicht fühlen sich Menschen vom Alltag und der Arbeit zermürbt. „Dabei ist das Leben doch ein einziges Fest der Begegnungen. Das kann ein nettes Wort, eine anregende Konversation oder ein Lächeln sein.“ Man müsse nur das Glück in solchen Momenten erkennen und lernen zu genießen.

3. Der dritte Punkt ist wenig überraschend: Der Glaube hat Schießlers Leben geprägt und erfüllt. Er sagt: „Von Anfang an wurde mir der Glaube als unersetzbarer Baustein meines Lebens überreicht, von ganz einfachen Menschen übrigens.“ Entscheidend sei eben nicht, was wir meinen, ständig leisten und schaffen zu müssen - oder wie uns die Welt beurteilt. „Viel wichtiger ist, wie wir vor Gott dastehen dürfen“, sagt Schießler. Sein Motto: „Suchst Du Gott, suche ihn am Straßenrand, denn sein Herz schlägt knapp über dem Straßenpflaster, also ganz unten.“ Glauben kann man nicht beibringen, sondern kriegt man vorgelebt und kann man fröhlich nachmachen.

4. „Man sollte nicht nur seinen Nächsten lieben, sondern eben auch auf sich achtgeben“, erklärt Schießler. Für den Pfarrer heißt das: gesund leben - ohne dabei den Genuss aus den Augen zu verlieren. „Man muss Pausen einlegen, schauen, wie man seinem Geist und Körper Gutes tun kann.“ Man dürfe nie vergessen, dass nur Menschen, die genießen können, auch für andere genießbar seien.

5. „Ich rate vor allem jungen Menschen gern, sich selbst treu zu bleiben“, sagt der Pfarrer. Das habe nichts mit verbohrter Sturheit zu tun, sondern mit eigener persönlicher Konsequenz. Wer für sich den richtigen Weg gefunden hat, solle ihn gehen. Schießler: „Das kann auch heißen, dass man mal gegen den Strom schwimmen muss - aber nur so kommt man ans Ziel.“ Aber auch Umkehren gehöre dazu, einen anderen Weg einzuschlagen oder Neues zu wagen. Schießler begleitet seit Jahren ein wichtiger Satz der Theologin Dorothee Sölle: „Christsein bedeutet das Recht, ein anderer zu werden.“

6. „Der letzte Punkt ist, keine Angst vorm Alter zu haben“, sagt Schießler. Altwerden sei eine besondere Phase des Lebens, die man schätzen sollte. „Der Wandel, der Wechsel der Lebensphasen, das immer wieder neue Zusammenwachsen von Reife, Erfahrung und veränderter Körperlichkeit ist unglaublich spannend.“ Am Ende steht der Tod. Aber auch er sei kein Regiefehler Gottes. „Nur in diesem Loslassen kann sich ein neues Leben für mich auftun“, sagt der Geistliche, der seine sechs Erkenntnisse mit einer letzten Weisheit beendet: „Einen Menschen, der dich liebt, verlierst du nie…“

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Der Pfarrer und die Liebe

Keine Ehe, keine Familie, keine Sexualität: Diese Regeln, auch Zölibat genannt, gelten für jeden katholischen Pfarrer. Das Thema wird kontrovers diskutiert, gerade innerhalb der Kirche. Rainer Maria Schießler hat seine Form gefunden, mit dieser Lebensentscheidung umzugehen. Er erfüllt den Zölibat - lebt aber trotzdem mit einer Frau zusammen.

Die besondere Beziehung Schießlers mit Gunda wurde am Montagabend auch in der BR-Reportage Lebenslinien beleuchtet. Für diese zölibatäre Gemeinschaft müssen sich der Pfarrer und seine Lebensgefährtin immer wieder rechtfertigen. Die beiden hatten sich vor 25 Jahren bei der Erstkommunion von Gundas Tochter kennengelernt. Mit der Zeit entwickelten sie Gefühle füreinander, seit einigen Jahren wohnt der Pfarrer mit Gunda zusammen.

Trotzdem: Der Zölibat gilt! Schießler sagt über die unverrückbare Entscheidung: „Ich werde ein Leben leben, in dem ich auf Familienbildung verzichte: Das ist meine Geschichte, und ich möchte hinter diese Geschichte nicht zurück.“ Auf eine Partnerschaft und menschliche Nähe wolle und könne er aber nicht verzichten.

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Einen Tag nach der Ausstrahlung der Sendung hat der Pfarrer viel positive Rückmeldung bekommen. „Viele haben sich für meine Offenheit und Ehrlichkeit bedankt“, sagt Schießler, der sich als eine Art Anwalt für seine Kollegen sieht. Für ihn gehören Gemeinschaft und Partnerschaft zum Leben dazu, deshalb müsse der Zölibat als Lebensform „eine neue Einbettung“ erfahren. „Es geht nicht darum, den Zölibat aufzuheben, sondern ihn in einem neuen Umfeld zu leben. So wie etwa auch die Ehe vor 50 Jahren ganz anders gelebt wurde als heute. Mein Vater hätte nie einen Kinderwagen geschoben - heute sind Elternzeit und Aufgaben im Haushalt für Männer ganz normal“, sagt Schießler, der hofft, dass andere Kollegen seinem Beispiel folgen und offen über ihre Lebensformen sprechen.

„Natürlich ist es schwierig. Ich habe nicht entschieden, im Zölibat zu leben - jetzt ist es halt so“, erklärt Gunda, die offen zugibt, dass sie auch mal mit ihrer Situation hadert. Dennoch sei es nie ein Thema gewesen, dass Schießler für sie seinen Job aufgibt und als Religionslehrer oder Taxifahrer arbeitet. „Weil ihn sein Beruf als Pfarrer einfach total ausfüllt“, erklärt Gunda. „Und jetzt werden wir alt miteinander“, ergänzt Schießler, „dann weiß man, dass der eine für den anderen da ist.“

Übrigens: Vom Ordinariat hat Pfarrer Schießler bisher keine Rückmeldung auf die TV-Reportage erhalten. „Die melden sich nie - und das ist auch gut so“, sagt er.

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Schießler Rosenheimer Jahre

Von 1987 bis 1991 war Rainer Maria Schießler Kaplan in der Pfarrei St. Nikolaus in Rosenheim. Rosenheim ist tatsächlich Schießlers „große Liebe“ in Sachen Städte, wie er immer wieder gerne erzählt. Seit 1993 leitet er als Stadtpfarrer die Kirche St. Maximilian zu München. Seit 2011 ist er außerdem für die Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt zuständig. Trotzdem: „Die Liebe zu Rosenheim ist geblieben“.

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