Patientin steckt sich im Romed-Klinikum Rosenheim mit Covid-19 an - und kämpft nun um ihr Leben

Auf den Intensivstationen wird um das Leben vieler Covid-Patienten gekämpft (Symbolbild), so auch im Fall von Eva T. aus Kolbermoor. Marcel Kusch/dpa
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Auf den Intensivstationen wird um das Leben vieler Covid-Patienten gekämpft (Symbolbild), so auch im Fall von Eva T. aus Kolbermoor. Marcel Kusch/dpa
  • Rosi Gantner
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Der Albtraum eines jeden Patienten: Er kommt als Notfall ins Krankenhaus – und infiziert sich dort mit dem Coronavirus. Für Eva T. (63) wurde das zur bitteren Realität. Angesteckt auf der Normalstation im Romed-Klinikum Rosenheim, kämpft sie nun um ihr Leben. Ihr Sohn erhebt schwere Vorwürfe.

Rosenheim – Mitte April war es unumgänglich: Eva T., eine Kolbermoorerin, die Ende des Monats ihren 64. Geburtstag feiern würde, musste ins Romed-Klinikum Rosenheim eingewiesen werden. Zur stationären Behandlung, ihr Zustand war schlecht. Sie stand kurz vor dem Nierenversagen. Und das alles: zur Hochzeit der Corona-Pandemie.

Jetzt ins Krankenhaus? Sie selbst und auch ihr Sohn Alexander Luttsteck hatten beide kein gutes Gefühl dabei. „Aber es war nicht zu vermeiden“, erzählt Luttsteck, der wie seine Eltern in Kolbermoor lebt, im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

„Sie war ohne Frage ein Risikopatient“

Eva T. hat eine Autoimmunerkrankung – Morbus Wegener –, war immunsupprimiert (Immunsystem heruntergefahren) und hatte erst kürzlich eine Chemotherapie erhalten. „Sie war mit dieser Vorerkrankung ohne Frage ein Covid-19-Risikopatient höchster Klasse“, zeigt sich ihr Sohn überzeugt.

Im Romed-Klinikum Rosenheim brachte man Eva T. in einem Dreibettzimmer unter, einige Tage später kamen weitere Patientinnen hinzu. „Eine der Patientinnen entwickelte dann im Zimmer eine Lungenentzündung und Fieber“, berichtet Luttsteck.

Große Angst vor Ansteckungsgefahr

Sofort hätten bei ihm die Alarmglocken geschrillt – und auch seine Mutter habe große Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 entwickelt. Doch das Klinikpersonal habe die Bedenken ignoriert. „Ich wollte mit dem zuständigen Arzt telefonisch über die Unterbringungssituation sprechen, aber er hat das verweigert“, ärgert sich Luttsteck. Persönlich sei er, aufgrund der coronabedingten Besuchsbeschränkung, nicht vorgelassen worden.

Von Anfang an ein ungutes Gefühl

Das ungute Gefühl ließ Luttsteck und seine Mutter nicht los. Und wenige Tage später dann der nächste Schreckmoment: Die direkte Bettnachbarin von Eva T., eine Endsiebzigerin mit Krebsleiden, begann des Nachts zu husten, Fieber kam hinzu. Ein Hinweis an die Nachtschwester: Luttsteck zufolge ohne Ergebnis. Erst am Folgetag gegen 16 Uhr, so rekonstruiert der Sohn das Geschehen anhand von Textnachrichten, die ihm seine Mutter gesandt hatte, sei ein Arzt zur Blutabnahme erschienen. Fortan stand das Zimmer unter Quarantäne – und die ältere Dame hustete weiter. Erst in den Abendstunden sei die mutmaßliche Covid-19-Patientin in ein anderes Zimmer verlegt worden.

Bettnachbarin positiv getestet

Am anderen Tag: das positive Testergebnis für die ehemalige Bettnachbarin – und damit die Bestätigung der Befürchtung. „Meine Mutter wurde also über einen Zeitraum von beinahe 24 Stunden, wohlwissend ihrer besonders gefährdeten Lage, einer potenziell infizierten Person ausgesetzt“, entsetzt sich Luttsteck. Was ihn weiter empört: Das Pflegepersonal habe trotz Quarantäne das Zimmer weiter „unzureichend geschützt“ betreten – und damit die Gefahr einer Weiterverbreitung ignoriert.

Das Schreckensszenario beginnt

Das Schreckensszenario für die Familie Luttsteck blieb nicht lange aus: Auch Eva T. erkrankte an Covid-19 – und musste aufgrund der schwere des Verlaufs auf die Intensivstation verlegt werden. Einen Tag vor Muttertag folgte das künstliche Koma mitsamt Beatmung. Aufgrund weiterer Komplikationen wurde die 63-Jährige schließlich ins Universitätsklinikum Großhadern verlegt, wo sie an einer Spezial-Lungenmaschine angeschlossen ist. Hier kämpft Eva T. nun um ihr Leben. „Leider ist ihr Zustand sehr kritisch, wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, äußert sich ihr Sohn tieftraurig.

Der Sohn: nur noch wütend

Umso wütender macht ihn das Procedere im Romed-Klinikum. Zumal seine Mutter nach dem positiven Befund der Bettnachbarin ebenfalls getestet wurde – und noch vor Erhalt des Ergebnisses nach Hause entlassen werden sollte. „Zu meinem Vater, 66 Jahre alt und durch seine Vorerkrankungen ebenfalls Risikopatient“, ärgert sich Luttsteck. Seine Mutter habe sich dem verweigert –  und hat somit womöglich ihrem Mann das Leben gerettet.

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Eva T.s Leben hängt weiter am seidenen Faden. Und ihr Sohn fordert nun von den Romed-Kliniken Antworten: Wieso war seine Mutter als Risikopatientin mit schwachem Immunsystem nicht isoliert worden? Weshalb werden Verdachtsfälle nicht umgehend verlegt? Und warum werden neu aufgenommene Patienten nicht per se auf SARS-CoV-2 getestet?

Das sagt das Klinikum zu den Vorwürfen

Fragen, die bislang seitens des Romed-Klinikums nur zum Teils beantwortet wurden. Chefarzt Hanns Lohner bedauerte auf ein Schreiben Luttstecks hin den Verlauf sehr. Man habe zu jeder Zeit im Verlauf der Pandemie in enger Absprache mit dem Gesundheitsamt versucht, Ansteckungen während des Klinikaufenthaltes zu verhindern. Der Chefarzt versichert weiter, die Umstände „sehr genau prüfen“ zu wollen, was allerdings noch „etwas Zeit“ benötige.

So arbeitet die Klinik

Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen erklärte das Klinikum: „Wir nehmen diese Situation sehr ernst und haben sofort begonnen, die Begleitumstände intensiv zu untersuchen.“ Grundsätzlich orientiere sich das Klinikum an den Leitlinien des Robert-Koch-Instituts (RKI) – und das wiederum empfehle nicht, Patienten im Nicht-Covid-Bereich per se zu isolieren. Aufgrund der hohen Fallzahlen sei dies auch praktisch nicht möglich. Covid-Fälle und Verdachtsfälle würden aber grundsätzlich auf getrennten Stationen behandelt, auch mit eigenem Personal.

Des Weiteren seien für alle Mitarbeiter seit 23. April im Umgang mit Patienten FFP2-Masken verpflichtend.

Grundsätzliche Tests erst seit Kurzem

Grundsätzlich auf Covid-19 getestet werden neue Patienten am Klinikum gemäß aktueller Vorgaben erst seit vergangener Woche. Bis dahin habe man alle Patienten „mit äußerster Genauigkeit auf Symptome gescreent“ und „auch geringste Verdachtsfälle“ konsequent isoliert. Deshalb sei die Anzahl an Verdachtsfällen am Klinikum sehr hoch.

Und wie steht es um die Testung der Klinik-Mitarbeiter? Das sei bereits in großem Umfang erfolgt. Bis dato habe man bereits mehr als 600 Testungen durchgeführt, heißt es dazu von Kliniksprecherin Elisabeth Siebeneicher. Standardmäßig würden die Mitarbeiter zudem täglich nach covid-verdächtigen Krankheitssymptomen befragt.

Großes Schweigen zum Einzelfall

Zum speziellen Fall Eva T. wollte sich das Klinikum nicht äußern – mit Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht. Man stünde aber in engem Austausch mit den Angehörigen und wolle den Fall intern aufarbeiten und „genau durchleuchten“, wie die Kliniksprecherin betonte.

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