OVB-Weihnachtsaktion: Milchreis für die Seele

Eine kocht für alle: Christina (links) und Marlies schmeckt das inklusive WG-Leben in Aschau sichtlich. Simeth

Das ZDF war schon da, das Bayerische Fernsehen auch, die OVB-Heimatzeitungen sowieso: Die neue inklusive WG in Aschau muss etwas Besonderes sein. Doch aller Anfang ist schwer. Die OVB-Leser werden Marie, Lea, Marlies, Christina, Patrik und Jaro-Anton aber nicht im Regen stehen lassen. Von Ludwig Simeth

Rosenheim/Aschau – Apropos Regen: Das Abendessen ist fertig, doch Patrik fehlt diesmal am großen Esstisch im Gemeinschaftsraum. Das schlechte Wetter hat ihn ausgebremst.

Patrik ist einer von drei Rolli-Fahrern in der WG. Nach seinem Krankenhaus-Termin in Traunstein wollte er eigentlich rechtzeitig zum Essen zurück sein. Aber plötzlich gab der Akku seines Elektro-Rollstuhls den Geist auf. Vermutlich ist er nass geworden.

Lesen Sie auch: OVB-Weihnachtsaktion: Wo Studenten umsonst wohnen

Und Patrik ist nicht der Einzige, der fehlt. Am Esstisch bleibt auch der Platz von Lea leer. Sie wird nach einem epileptischen Anfall gerade in ihrem Zimmer betreut. So muss ihre Zwillingsschwester Marie eine Weile auf Lea verzichten. Dafür leisten ihr Christina, Marlies und Jaro-Anton – die drei Nicht-Rolli-Fahrer in der WG – Gesellschaft.

Ganz allein würden sie es nicht schaffen

„Heid gibt’s wos Siaß, an Millireis“, sagt Christina, die gerade aus der Küche kommt. Die Köchin des Tages spricht ein herzerfrischendes Boarisch.

Dass immer irgendjemand fehlt, dass manche früh zur Arbeit gehen und manche im Haus bleiben, weil sie auf Arbeitssuche sind – das gehört auch in einer gewöhnlichen Wohngemeinschaft zum Alltag. Das Besondere an der inklusiven Sechser-WG in Aschau ist etwas anderes: Sie besteht ausschließlich aus Menschen mit Hilfebedarf. Ganz allein würden die vier jungen Frauen und zwei jungen Männer nur schwer oder gar nicht zurechtkommen.

Vom Bayern-Fan bis zum Gärtner

In Aschau haben drei Rolli-Fahrer und drei Nicht-Rolli-Fahrer jetzt ihr Glück gefunden. Die WG verhilft ihnen zu einem lebenswerten Mix aus Selbstbestimmtheit, Geselligkeit, Abwechslung und Integration – im Haus und im Ort.

So ist die WG im Benedetto-Menni-Nest, wie das Haus heißt, für sie alle eine einmalige Chance. Erst im September sind sie eingezogen:

• Marie und Lea (21), die unzertrennlichen Zwillingsschwestern vom Schliersee, die gerade einen Förderstätten-Arbeitsplatz suchen;

• Marlies vom Samerberg, die der jungen WG gleich im September (da wurde sie 22) die erste Geburtstagsfeier beschert hat;

• Jaro-Anton (23) aus Bernau, der sogar im ersten Arbeitsmarkt auf Jobsuche ist und als Gärtner über sich selbst hinauswachsen könnte;

• Christina (26) aus Rohrdorf, die wie Marlies in den Wendelstein-Werkstätten in Raubling arbeitet;

• und Patrik (23), der eingefleischte FC Bayern-Fan, der im Gegensatz zu seinem Akku immer unter Strom steht, kein Spiel der Roten verpasst und schon von weitem zu erkennen ist, weil er das Vereinswappen formatfüllend auf dem Reifen seines E-Rollstuhls trägt.

Ein Verein, der Gewaltiges leistet

Ein Sextett, das spannende Zeiten erlebt. Alles muss sich einspielen und finden. Wer kocht wann? Und was? Dienstpläne werden erstellt. Dazu kommen viele Premieren: das erste Weihnachten in der neuen WG, der erste Jahreswechsel, die nächsten Geburtstage.

Das könnten Sie ebenfalls interessieren Auch Ilse Aigner drückt die Daumen für OVB-Weihnachtsaktion

Doch die WG ist mehr als nur ein spannendes Abenteuer. Sie soll als Beispiel für nachhaltige und wirkungsvolle Inklusion über die Generationen hinweg Bestand haben. So will es der Verein, der so heißt wie das Haus und große Anstrengungen unternommen hat, um das Projekt zu stemmen: der Benedetto-Menni-Nest e. V. – benannt nach einem italienischen Heiligen und entstanden aus einer Initiative von Eltern aus dem Chiemgau, die Kinder mit Hilfebedarf haben.

Ohne den Verein würde es die WG nicht geben. Das Haus zu bauen und es mit Leben zu füllen, war ein gewaltiger Kraftakt. Obwohl es einen eklatanten Mangel an barrierefreien Wohnungen gibt, können private Initiativen wie in Aschau kaum auf staatliche Unterstützung zählen – zumindest nicht in der Anfangsphase. Erst wenn der „Laden“ läuft, werden Pflege und Betreuung finanziert. Deshalb wären die Lücken ohne die Hilfe der Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ nicht zu schließen.

Auch bei Profis ist manchmal der Akku leer

Zumal schon im Frühjahr sechs weitere junge Frauen und Männer ins Nest ziehen sollen. Das Bewerbungs- und Aufnahmeverfahren für die zweite Wohngemeinschaft, die im ersten Stock daheim sein wird, ist schon angelaufen.

Natürlich ist das auch ein Thema beim Abendessen. Marie, Marlies, Christina und Jaro-Anton freuen sich schon drauf. Und wir war der Milchreis? „Guad hod‘s kocht, die Christina“, lacht Marlies. Schade, dass Patrik das Essen verpasst hat. Gerade ihm hätte ein Schüsserl Milli-Reis für die Seele besonders gut getan. Denn Niederlagen „seiner“ Bayern, so wie das jüngste 1:2 gegen Leverkusen, das er sogar live in der Arena gesehen hat, schlagen Patrik schwer auf den Magen. Manchmal ist eben auch bei Fußball-Profis der Akku leer.

Kommentare