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OVB-Serie „Landwirtschaft im Wandel“ – Folge 6

Wenn im Kuhstall das Licht ausgeht: Über ein Ende und einen Anfang in der Landwirtschaft

Maria und Thomas Barth haben 2020 den Betrieb von Thomas Barths Eltern in Albaching übernommen.
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Maria und Thomas Barth haben 2020 den Betrieb von Thomas Barths Eltern in Albaching übernommen.
  • Alexandra Schöne
    VonAlexandra Schöne
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Immer mehr Bauern in der Region geben ihre Betriebe auf. Warum? Und weshalb machen andere weiter? Das wollten wir für die sechste Folge der Serie „Landwirtschaft im Wandel“ herausfinden. Eine Geschichte über ein Ende mit Trauer und einen Anfang mit Hoffnung.

Albaching/Rohrdorf – Ein Bauernhof im nördlichen Landkreis Rosenheim, in der Gemeinde Albaching. Felder mit meterhohem Mais, grünen Wiesen, Obstbäumen und ein großer, offener Kuhstall. Und mittendrin Familie Barth. Maria (31) und Thomas (32) Barth haben 114 Kinder. Also vier menschliche und 110 tierische. Aber Kühe und Kälber zählen zur Familie und werden eben auch wie richtige Mitglieder geliebt. Alle haben einen eigenen Namen, sagt Maria Barth, die neben dem Eingangstor des Stalles steht.

Leidenschaft für Landwirtschaft

Seit Mai 2020 bewirtschaften sie und ihr Mann Thomas den Betrieb in Albaching, den sie von seinen Eltern übernommen haben. Aber auch Maria Barth stammt aus einer Bauersfamilie. Beide sagen: „Für uns war schon immer klar, dass wir in die Landwirtschaft gehen.“

Beide haben das Handwerk gelernt. Thomas Barth hat nach der Ausbildung zum Landwirt noch seinen Meister gemacht, Maria Barth ist zusätzlich noch Hauswirtschaftsmeisterin. Einen Beruf ohne Leidenschaft dafür auszuüben, ist nie leicht. Aber in der Landwirtschaft ist es wohl besonders schwierig. Die Arbeit sei nicht nur anstrengend, sagen die Barths. Sie ist auch allgegenwärtig, immer vor der Haustür, rund um die Uhr.

Unsere Landwirtschaftsserie auf einer Themenseite

Ausschlafen am Wochenende gibt es nicht. Mehr als drei Tage am Stück im Urlaub waren sie noch nie. Zu stören scheint sie das nicht. „Da habe ich gar nicht das Bedürfnis dazu“, sagt Maria Barth. „Ich hätte auch gar keine innere Ruhe, wenn ich so lange vom Hof weg wäre“, ergänzt Thomas Barth. Weil man eben mit so viel Herzblut dabei sei, fügt seine Frau hinzu.

Zukunftsängste belasten das Ehepaar

Ihr Ziel: Den Betrieb, an dem vier Generationen hängen, stabil halten. Sodass eines Tages eines der Kinder ihn übernehmen kann – wenn es das denn möchte. Das hoffen Maria und Thomas Barth jedenfalls. „Aber gezwungen wird niemand“, sagt die Bäuerin bestimmt. Denn sie weiß, welche Herausforderungen schon auf sie und ihren Mann in Zukunft zukommen. „Wir haben schon Ängste“, sagt Maria Barth. Schlechte Preise, Klimawandel, Druck aus der Gesellschaft: Alles Dinge, über die sie viel mit ihrem Mann diskutiert, weil es beide belastet.

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Und auch wenn wieder mal ein Landwirt seinen Betrieb aufgibt, beschäftigt sie das. Die Bauern in der Region sind miteinander vernetzt, man kennt sich. Hört einer auf, sei das „sehr schad“, sagt Maria Barth. „Das ist ganz emotional.“ Ihr Mann stimmt ihr zu. „Wenn ich den Hof aufgeben müsste... das mag ich mir gar nicht vorstellen“, sagt Thomas Barth. „Da geht ein Teil von dir.“

Mit seinen Kühen ging auch ein Stück von ihm selbst

Sepp Unterseher (54) weiß, wie sich das anfühlt. Er hat es selbst erlebt, am 2. Juni dieses Jahres. An diesem Tag hat er zum letzten Mal in seinem Leben das Licht in seinem Kuhstall in Höhenmoos bei Rohrdorf angeschaltet und seine Tiere versorgt. Dann kam der Viehtransporter, holte seine zwei Dutzend Kühe ab und brachte sie weg. Damit hat der Wagen auch ein Stück von Untersehers Herz mitgenommen. Das mag dramatisch klingen, aber für ihn hat es sich so angefühlt.

Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in der Region ist seit 1990 stark gesunken.

Er sitzt auf einem Stuhl am Esstisch in der Stube des Bauernhauses und blickt auf den Fernseher in der Ecke. Dort sieht er nicht nur sich selbst in Gummistiefel und Arbeitshose über den Bildschirm flimmern, sondern auch seine Kühe. Am Morgen des Abtransportes hatte ihn ein Fernsehteam begleitet. „Jetzt, wo ich meine Kühe nochmal sehe...“, sagt er leise. Seine Stimme bricht. Tränen stehen kurz in seinen Augen. Er blinzelt sie schnell weg. „Das war der schlimmste Tag in meinem Leben, denk‘ ich.“

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35 Jahre lang war Sepp Unterseher Landwirt im Nebenerwerb. Ansonsten hat er als Landschaftspfleger gearbeitet oder in einem Sägewerk. Seinen Hof aufzugeben, war schwer für ihn. Aber seine Zukunft habe er einfach nicht mehr in der Landwirtschaft gesehen, sagt er. Zu groß waren die Unsicherheiten, zu groß der Druck von Behörden, endlich einen Laufstall zu bauen. „Das hätte ich mir nicht leisten können“, sagt Unterseher. Außerdem hat er keinen Hofnachfolger.

Letzter Bauer im Ort hört auf

Mit dem Ende seiner Zeit als Landwirt hat er sich mittlerweile ganz gut abgefunden. „Es ist ein anderes Leben jetzt.“ Er arbeitet wieder nur als Landschaftspfleger und hilft ab und zu befreundeten Maurern aus. Unterseher sieht auch Vorteile in seinem „anderen Leben“: mehr Zeit für sich und freie Wochenenden zum Beispiel.

Mit ihm hat der letzte Landwirt im Ort Höhenmoos aufgehört. Vor 20 Jahren habe es allein dort noch sieben Betriebe gegeben. Der Landwirtschaft prognostiziert er keine sonderlich rosige Zukunft. „Es wird ein brutaler Strukturwandel kommen“, glaubt er.

Haben Kleinbauern eine Zukunft?

Damit Landwirte überleben können, müssten sie ihre Betriebe erweitern, größere Ställe bauen. Mit einem Milchpreis zwischen 30 und 40 Cent pro Kilogramm seien die Kosten kaum zu stemmen. „Kleine Bauern mit 20 bis 30 Kühen haben keine Zukunft.“ Sepp Unterseher ist nur ein Beispiel dafür.

Zahlen, Daten und Fakten zum Thema „Höfesterben“:

In Stadt und Landkreis Rosenheim gab es im Jahr 1990 noch 4967 landwirtschaftliche Betriebe. 2020 waren es nur noch 2865 Stück. Die durchschnittliche Betriebsgröße ist um achteinhalb Hektar an landwirtschaftlicher Fläche gestiegen. Ein Blick auf Deutschland zeigt: Es ist kein regionales Phänomen. Seit 1975 ist die Zahl der deutschen Höfe von 904.000 innerhalb von 44 Jahren um mehr als eine halbe Million geschrumpft. „Höfesterben“ ist ein emotionaler Begriff, den viele Landwirte nicht mögen. Sie bevorzugen „Strukturwandel“. Heißt aber trotzdem: Bauern geben ihre Höfe auf, Kollegen übernehmen den Grund und die Tiere. Deren Betriebe werden größer, die kleinstrukturierte Landwirtschaft schwindet.

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