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Prozess vor dem Landgericht Traunstein

„Ich war wie ein Zombie“: Wie Schockanrufe Senioren in Angst und Schrecken versetzen

Nahezu 100000 Euro haben drei Polen mit Schockanrufen in der Region erbeutet.
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Nahezu 100.000 Euro wurden mit Schockanrufen in der Region erbeutet.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Fast täglich meldet die Polizei Straftaten „falscher Polizisten“. Dennoch fallen immer wieder Menschen, vor allem ältere, auf die kriminelle Masche herein. Am Landgericht Traunstein startete nun ein Prozess gegen drei polnische Staatsangehörige, die sich an den Betrugsmaschen beteiligt haben sollen.

Traunstein/Rosenheim – Im März 2022 fand eine Bande sechs Opfer in Taching, Traunstein, Trostberg, Rosenheim, Garmisch-Partenkirchen sowie im rheinland-pfälzischen Ockfen.

Die Täter erbeuteten nahezu 100.000 Euro in bar, dazu Schmuck und Gold. Vor der Siebten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Christina Braune startete ein Prozess gegen drei polnische Staatsangehörige im Alter zwischen 29 und 24 Jahren. Nächster Verhandlungstag ist am Freitag, 2. Dezember, um 9.15 Uhr.

Hilferufe im Hintergrund

Die Betrugsopfer waren laut Anklage von Staatsanwältin Pia Wilczek und Staatsanwalt Dr. Gregor Stallinger zwischen 73 und 93 Jahre alt. Andere Bandenmitglieder spiegelten ihnen schlimme Verkehrsunfälle der Tochter, der Enkelin oder des Bruders vor, bei denen „Todesopfer“ zu beklagen waren. Den Unfallverursachern drohe Gefängnis. Abwenden könne man die Inhaftierung durch Zahlung einer hohen Kaution, hieß es. Besonders perfide war: Im Hintergrund der Telefonate waren manchmal laute „Hilferufe“ oder flehentliches Weinen zu hören.

Den Auftakt bildete der Anruf eines „Keilers“ am 4. März 2022 in Taching am See. „Omi, Omi“ rief eine weibliche Stimme. Eine „Polizeibeamtin“ schaltete sich ein und forderte 80.000 Euro Kaution. Weil die 81-Jährige nicht so viel Geld hatte, einigte man sich auf 20.000 Euro, die die alte Dame für ihre Beerdigung zurückgelegt hatte. Ein „Polizist“ holte den Betrag kurz darauf ab. Eine 77-Jährige in Garmisch-Partenkirchen kontaktierte die Bande am 10. März 2022. Bei einem Unfall sollte ihre Tochter ein Kind schwer verletzt haben, das mittlerweile auf der Intensivstation liege. Statt der geforderten 48.000 Euro Kaution hatte die Geschädigte lediglich 10.000 Euro greifbar, die sie für ihre Enkel und Urenkel gespart hatte. In Trostberg ging eine 76-Jährige am 11. März 2022 ans Telefon, daran ihr „Bruder“. Der Unbekannte weinte schrecklich.

Sorge um die 102 Jahre alte Mutter

Die 76-Jährige glaubte, ihrer 102 Jahre alten Mutter sei etwas passiert. Dann präsentierte der Anrufer die Geschichte mit dem Verkehrsunfall des „Bruders“. In einem Umschlag überreichte die 76-Jährige einem „Polizeipraktikanten“ 28.000 Euro. Die Tochter des Opfers kam zwar noch zur Übergabe hinzu, konnte aber nicht mehr verhindern, dass der Abholer unerkannt flüchtete.

Ein Anruf erreichte am 23. März 2022 eine 93-Jährige in Traunstein. Eine Frauenstimme flehte „Mama, Mama“. Eine Frau von der „Kriminalpolizei“ war dann in der Leitung. Die Tochter der 93-Jährigen habe in Siegsdorf eine „wichtige Person“ totgefahren, teilte die „Polizistin“ mit. 80.000 Euro Kaution seien fällig, um Gefängnis zu vermeiden. Die alte Dame händigte letztlich einem jungen Mann 1200 Euro in bar und Schmuck im Wert von mehreren Tausend Euro aus.

Mit 73 Jahren das jüngste Opfer wurde eine Frau in Ockfen. Damit ihre Tochter nach einem tödlichen Verkehrsunfall aus der U-Haft entlassen werde, müsse sie als Mutter 65.000 Euro zahlen. Die Frau konnte nur 11.000 Euro aufbringen, die eine „Praktikantin am Amtsgericht“ mitnahm. Als die Abholerin das nahe Gerichtsgebäude aber nicht betrat, sondern daran vorbei lief, nahm die 73-Jährige die Verfolgung auf. Es gelang ihr, der Unbekannten das Geld wieder zu entreißen. Die Täterin verschwand.

Der sechste Fall der Anklage ereignete sich am 25. März 2022 in Rosenheim. Eine 79-Jährige vernahm eine weinerliche Stimme, angeblich die ihrer Tochter, die von ihrem „Unfall“ mit tödlichem Ausgang berichtete. Die Angerufene wollte sofort zu ihrer Tochter gehen und beendete das Telefonat. In einem weiteren Anruf, dieses Mal von einer „Staatsanwältin“, forderte die Bande eine „hohe Kaution“. Die 79-Jährige hob bei ihrer Bank 30.000 Euro ab. Die Anruferin hielt sie unentwegt am Handy und fragte nach weiteren Wertsachen. So legte die Geschädigte neben dem Geld noch Goldmünzen, einen 50-Gramm-Goldbarren und Goldschmuck in eine Samttasche, die wenig später weg war.

Rechtsgespräch angenommen

Die drei Angeklagten waren laut Anklage arbeitsteilig tätig – der 28-Jährige als örtlicher Organisator, der im Auto sitzen blieb, die anderen beiden, 29 und 24 Jahre alt, fungierten als Fahrer beziehungsweise als Abholer. Die Prozessbeteiligten nahmen gestern das Angebot von Vorsitzender Richterin Christina Braune zu einem Rechtsgespräch an. Das Gericht stellte den Angeklagten im Ergebnis bestimmte Strafspannen in Aussicht, Geständnisse vorausgesetzt. Alle fünf Verteidiger gingen namens ihrer Mandanten darauf ein. Einige Opferaussagen vor der Polizei verlas die Siebte Strafkammer. Persönlich in den Zeugenstand trat eine Dame aus Rosenheim. „Mama, hilf mir, Mama, hilf mir“, gefolgt von einem „Schrei in höchster Not“ – daran erinnerte sich die 79-Jährige gestern. „Ich war wie ein Zombie“, beschrieb die Zeugin ihren damaligen Zustand. Schon ein Jahr zuvor habe sie einen solchen Anruf bekommen und der Polizei sogar geholfen. Dieses Mal sei sie „völlig wirr“ geworden und habe alles, auch Gold und Schmuck, „möglichst schnell zusammengekratzt“. Die Geschädigte erhielt übrigens alle Wertsachen samt Geld zurück.

Das Erbe gegeben

Staatsanwalt Dr. Gregor Stallinger wandte sich an die Angeklagten. Es würden offenbar „Listen“ geführt über Opfer, bei denen man es schon mal versucht habe. Der Ankläger wörtlich: „Jeder, der mitmacht in diesem perfiden Spiel, bei diesem Heuschreckenüberfall auf unsere Bevölkerung, weiß, worauf er sich einlässt.“

„Ein Mann weinte ganz jämmerlich am Telefon. Ich dachte, es ist mein Bruder“, schilderte eine 76-Jährige aus Trostberg. Sie habe dem „Polizisten“ auf Frage nach einer Kaution das „Sterbegeld ihrer Mutter“ genannt. Einem jungen Mann habe sie die 28.000 Euro gegeben. Dieser sei damit „sofort weg“. Dann sei ihre Tochter eingetroffen, aber leider zu spät.

Das Geld habe ihre Mutter zusammengespart, betonte die Zeugin. Davon wollte die Mutter beerdigt, der Rest an deren Enkel verteilt werden. Für die Familie habe das eine „Riesensumme“ bedeutet. Inzwischen sei die Mutter verstorben. Zum Verteilen sie nichts mehr dagewesen.

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