OVB-Serie Herbstfest-Erinnerungen

Oans, zwoa, blosn: Von einem historischen Tanz auf dem Biervulkan

Prost: Die Testtrinker Ignaz (Hendrik), Gabriele, Ludwig, Sandra (von links).
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Prost: Die Testtrinker Ignaz (Hendrik), Gabriele, Ludwig, Sandra (von links).
  • Ludwig Simeth
    vonLudwig Simeth
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Freiwillig zum Alkoholtest? Für eine bayerischen Bierseele undenkbar. Dazu muss man Rauschkugeln, Bierdimpfen, Noagalzuzla oder Zäithocka schon zwingen. IN der Reihe Herbstfest-Erinnerungen geht es heute um einen Alkoholtest in der Brauereibox: Ein ebenso gewagtes wie einzigartiges Experiment in der 160-jährigen Herbstfestgeschichte

Rosenheim – Umso gewagter ist das Experiment, das der jahrzehntelange OVB-Wiesnigel Ignaz – Redakteur Hendrik Heuser – auf dem Herbstfest 2003 wagt: Er bittet ein Versuchsquartett zum großen Alkoholtest, und das auch noch dort, wo das Wiesn-Herz am lautesten schlägt: in der Auerbräubox. Oans, zwoa – gmessn!

Bei diesem historischen Tabubruch in der Bierburg – einzigartig in der inzwischen fast 160-jährigen Geschichte des Herbstfestes – werden die „Viertrinker“ kritisch beäugt. Schließlich ist die Prozedur ein Tanz auf dem Vulkan, ein Ritt auf der Rasierklinge, eine Gratwanderung zwischen bayerischer Bierseligkeit und Straßenverkehrsordnung: Hier die Polizei, die nicht gerade scharf ist auf ein öffentliches Wettsaufen mit der Botschaft „Liebe Autofahrer, zwickt’s ruhig a Mass oder zwoa – do fäid se no nix“; und dort die Brauereien, die ein Fazit nach dem Motto „Bloß die Hände weg von der Mass Bier!“ nicht gerade als geschäftsförderlich empfinden würden.

Schon beschwipst?

Aber es ist halt alles relativ, auch beim Bier. Und deshalb ist das Experiment so spannend. Nur leicht angeschwipst? Nicht mehr fahrtüchtig? Oder schon über ein Promille? Fragen, die auf dem Herbstfest laufend auf den Tisch kommen, weil der eine mehr verträgt, der andere weniger. Oder, auf boarisch: Wo gstandne Mannsbilder und keandlgfuadade Kraftlackl oiwei no ganz pfundig beinander san, do haut‘s de kloanan Zwetschgenmandal und schbotznwadligen Muichbiawal scho vo da Bierbank owe.

Ein Prost mit Redaktionsvertretern

Stimmt das? 2003 probieren es die OVB-Zuaproster Gabriele Schülein (31), Hendrik Heuser (50), Ludwig Simeth (37, alle Redaktion) und Sandra Rauscher (30, Radio Charivari) aus – in allen Gewichtsklassen: Sandra (1,73 Meter, 61 Kilo) ist die leichteste, a hoibe Portion auch Ludwig (1,72 Meter, 66 Kilo), dann kommt Gabi (1,78 Meter, 78 Kilo).

Darüber thront, eher im Modus „Gwampada Uhu“: Hendrik alias Wiesn-Igel Ignaz, der mit 120 Kilo, verteilt auf 1,93 Meter Körpergröße, den fleischgewordenen Beweis der Richtigkeit von Einsteins berühmter Formel verkörpert und Massn (Energie) mit gnadenloser Effizienz in Masse verwandelt. In nur 25 Minuten verschwindet die erste Mass in seinem barocken Bauch, die anderen drei brauchen eine Dreiviertelstunde, dazu lassen sich alle Vier ein Brathendl schmecken.

30-minütiger Trinkstopp demokratisch verfügt

Dem Igel Ignaz geht es zu langsam, er bestellt für alle die zweite Mass. Demokratisch (mit Drei-zu-eins-Mehrheit) wird ein 30-minütiger Trinkstopp durchgesetzt, um auf realistische Werte zu kommen. Gabriele, Sandra und Ludwig stehen bei eineinviertel Mass. Die Ergebnisse: Gabi 0,86 Promille – Sandra 1,13 – Ludwig 0,89. Beim Ignaz zeigt das Digitalfeld 0,90 an – wohlgemerkt nach zwei Mass.

Schon jetzt ist klar: Der Test bestätigt das, was die Polizei immer predigt. Autofahren und eine Wiesnmass trinken, das passt nicht gut zusammen. Nach zwei Mass, der Wiesnigel hat schon drei, sind alle schon tief in die Dimension der absoluten Fahruntüchtigkeit vorgedrungen. Die längst nicht mehr nüchterne Wahrheit: Gabi 1,23 – Sandra 1,95 – Ignaz 1,30 – Ludwig 1,52.

Erinnerung ans historische Testtrinken

Über den Fortgang des Abends sei hier der Mantel des Schweigens gehüllt. Nur so viel: Manchen ging es am nächsten Tag nicht gut. Immerhin: Erinnern können sich alle noch ans historische Testtrinken. „Das war schon eine Riesengaudi“, sagt Gabriele, die heute mit Nachnamen Dorby heißt, drei Kinder hat und Leiterin des Abgeordnetenbüros von Landtagspräsidentin Ilse Aigner ist.

In den Augen von Sandra, ebenfalls glückliche Mehrfach-Mama und in Flintsbach schwer beschäftigt mit ihren vier Kindern, hat der Test auch etwas bewirkt: „Mich haben damals sehr viele Leute auf den Bericht angesprochen und erzählt, dass sie sich jetzt mehr Gedanken über ihr Trinkverhalten machen.“

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