Nußdorferin (79) fällt nicht auf Betrüger rein: „Falscher Polizist“ (29) muss 4 Jahre in Haft

Weil er zahlreiche Senioren um ihr Erspartes gebracht hatte, musste sich jetzt ein 29-jähriger Mann in Traunstein vor Gericht verantworten. dpa
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Weil er zahlreiche Senioren um ihr Erspartes gebracht hatte, musste sich jetzt ein 29-jähriger Mann in Traunstein vor Gericht verantworten. dpa
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Er wollte an ihr Erspartes – und landete letztlich hinter Gittern: Weil sich eine 79-jährige Frau aus Nußdorf nicht von einem „falschen Polizisten“ übers Ohr hauen ließ, muss ein 29-jähriger Mann nun für vier Jahre in Haft. Diese Strafe verhängte die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein.

Traunstein/Nußdorf – Einer 79-jährige Frau aus Nußdorf hat ein 29-jähriger Kosovare seine Festnahme als „falscher Polizist“ und die jetzige Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis durch die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein zu verdanken. Der Deutsche mit kosovarischen Wurzeln war der sechste Angeklagte, gegen den zwei Kammern des Landgerichts in den vergangenen Wochen wegen banden- und gewerbsmäßigen Bandenbetrugs mit der „falschen Polizisten-Masche“ bis zu acht Jahre Haft verhängt haben.

Mehrfach vorbestraft

Der mehrfach vorbestrafte Angeklagte, Vater von fünf Kindern aus der Nähe von Bremen, hatte Schulden. Beim Kartenspielen fragte er einen Mitspieler, wie er an Geld kommen könne. Er erhielt die Handynummer eines „Miri“. Gemäß Aussage der Sachbearbeiterin der Kripo Traunstein besteht wohl ein Zusammenhang zwischen diesem „Keiler“ des Angeklagten in der Türkei und dem berüchtigten „Miri-Clan“, der in der Vergangenheit durch die Abschiebung eines Clan-Oberhaupts für bundesweite Schlagzeilen gesorgt hat.

Mit dem besagten „Miri“ führte der 29-Jährige einen regen Chatverkehr. Gemäß Anklage von Staatsanwalt Dr. Axel Walz setzte die Organisation eine immer ähnliche deliktstypische Legende ein – mit betrügerischen Bankangestellten oder mit Einbrüchen in der Nachbarschaft und Zetteln, auf denen der Name der Angerufenen stand. In allen Fällen sollten die Leute ihr Geld in Sicherheit bringen – mit Hilfe von „Polizeibeamten“, die in der Wohnung vorbeikommen würden.

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Wie sich später zeigte, suchte die Bande zunächst im Raum Bremen Opfer. Der erste Versuch Ende August 2019 mit einer anvisierten Beute von 25 000 Euro scheiterte, nachdem eine Dame Verdacht geschöpft hatte. Beim zweiten Mal schädigte die Bande mit dem 29-Jährigen als Abholer eine 78-Jährige um 40 000 Euro. Der Aktionsraum verlagerte sich dann nach Baden-Württemberg. In Wellendingen büßten ein 83-jähriger Senior und seine 78-jährige Ehefrau Anfang September 2019 insgesamt 20 000 Euro ein, zehn Tage später nochmals 23 000 Euro. Von einer unbekannten Person in Göttingen stammten weitere mindestens 5300 Euro.

Eine 85-Jährige in Mecklenburg-Vorpommern vereitelte eine der Taten und legte einfach den Hörer auf. So wurde die Anreise des 29-Jährigen, der schon in der Nähe gewartet hatte, zur Schneiderfahrt.

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Die 79-jährige Nußdorferin sorgte für das Ende der hochkriminellen Serie. Die Dame erhielt am 24. September 2019 einen Anruf eines angeblichen Polizeibeamten „Herr Kroll“. Er spiegelte einen Einbrecher vor, bei dem man ein Notizbuch mit Name, Adresse und Bankdaten der Seniorin gefunden habe. Der Täter plane einen Einbruch mitten in der Nacht.

Die Polizei überwache die Bank bereits, da nur einer der dortigen Mitarbeiter die Bankdaten verraten haben könne. Die Polizei könne alles mit Hilfe der 79-Jährigen aufklären, hieß es. Ein „Staatsanwalt Wagner“ wurde ins Spiel gebracht. Er forderte, das Geld vom Konto abzuheben. Die alte Dame und ihr Mann gingen zum Schein auf den Vorschlag ein, informierte jedoch die Polizei.

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Gegen 10 Uhr am 25. September 2019 rief die Bande wieder an. Der „Staatsanwalt“ war in der Leitung, erkundigte sich nach zusätzlichem Bargeld und dessen Seriennummern – weil es teils Falschgeld sei und im Labor untersucht werden müsse. Man machte ein Kennwort aus zur Übergabe des gesamten Gelds an der Wohnungstür.

Der 29-Jährige klingelte Minuten später und war überrascht, als ihm ein Mann öffnete und sie gleich wieder zuschlug. Dem Abholer gelang es zwar noch, sich mit seinem Wagen Richtung Autobahn zu entfernen. Ein ihm mit einem Fahrzeug entgegenkommender Polizeibeamter aus Rosenheim bewies das sprichwörtliche Fahndergespür, reagierte geistesgegenwärtig auf den Pkw mit fremden Kennzeichen und den von dem Zeugen beschriebenen Mann mit blauer Jacke am Steuer.

Kollegen zogen den 29-Jährigen noch vor Einbiegen in die A 8 aus dem Verkehr. Bei der Auswertung seines Chatverkehrs stieß die Kripo Traunstein auf die vorherigen Taten mit einem Gesamtschaden von 88 300 Euro.

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Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, gelangte zu voller Schuldfähigkeit des Angeklagten. Die Spielsucht sei keinesfalls pathologischer Natur. Eine Unterbringung zum Entzug sei zu verneinen.

Alle Beteiligten hielten sich an den zu Prozessauftakt vereinbarten Strafrahmen im Falle eines vollen Geständnisses. Staatsanwalt Dr. Axel Walz ging mit seinem Antrag auf viereinhalb Jahre an die obere Grenze. Er sprach von einer „besonders niederträchtigen Betrugsform“, bei der gezielt ältere Menschen in Angst und Schrecken versetzt würden – „um dann ein Vertrauensverhältnis zur Polizei aufzubauen und dieses schamlos auszunutzen“.

Verteidiger hebt Geständnis hervor

Das Geständnis von hohem Wert hob Verteidiger Dr. Kai Wagler aus München heraus. Der Angeklagte sei „nicht der Drehpunkt der Masche“: „Den dicken Reibach machen die Herrschaften in der Türkei.“

Im Urteil wegen sieben Fällen des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs, davon drei Versuchstaten, hob Vorsitzender Richter Erich Fuchs heraus: „Der Angeklagte stand an unterster Stelle, verdiente am wenigsten und hatte das größte Risiko, erwischt zu werden. Aber ohne ihn als Abholer funktioniert das Ganze nicht.“ Der 29-Jährige habe nichts beschönigt, damit dem Gericht eine lange Beweisaufnahme und den betagten Geschädigten die Aussage erspart.“ Wegen des Geständnisses sei die Kammer an den unteren Rand der Strafspanne gegangen, so der Vorsitzende Richter.

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