Nullrunde in Sicht: Nach Corona-Applaus kommt für Rosenheims Pflegekräfte die Ernüchterung

Blick in eine Klinik: Krankenschwestern arbeiten im April 2020 auf einer Station, in der unter anderem positiv getestete Corona-Patienten in isolierten Intensivbett-Zimmern versorgt werden. dpa
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Blick in eine Klinik: Krankenschwestern arbeiten im April 2020 auf einer Station, in der unter anderem positiv getestete Corona-Patienten in isolierten Intensivbett-Zimmern versorgt werden. dpa
  • Ludwig Simeth
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Kranken- und Altenpfleger im Corona-Hotspot Rosenheim: Bejubelt und beklatscht vom Rest der Gesellschaft, die den Applaus verbindet mit dem Ruf nach mehr Wertschätzung, mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegeberufe. Schon wenige Monate später dürfte dem Applaus Ernüchterung folgen. Denn mehr Geld gibt es wohl nicht.

Rosenheim – Corona hat die Branche schwer getroffen, laut Gewerkschaft Verdi könnten die anstehenden Tarifverhandlungen auf eine Nullrunde hinauslaufen. Manche Kranken- und Altenpfleger haben schon jetzt ein langes Gesicht gemacht. Ihr nicht tarifgebundener Arbeitgeber, ein großes Pflegeheim im Landkreis Rosenheim, hat die freiwillige Juni-Gratifikation mit Verweis auf den 500-Euro-Pflegebonus vom Freistaat und die coronabedingten Einnahmeverluste deutlich zurückgeschraubt.

Und das könnte erst der Anfang sein. Im September und Oktober werden die Tarifverträge für den Öffentlichen Dienst neu verhandelt. Win Windisch, Verdi-Sekretär für den Fachbereich Gesundheit und Soziales im Bezirk Rosenheim-Südostoberbayern, richtet sich auf einen „Kampf mit harten Bandagen ein, weil die Vertreter der kommunalen Arbeitgeber auf eine Nullrunde hinaus wollen“.

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Romed-Verbund hofft auf Tarifabschluss mit „tragbarer Lösung“

Auch der Romed-Verbund mit seinen gut 1000 Betten und 3000 Beschäftigten in Rosenheim, Bad Aibling, Prien und Wasserburg, blickt den Tarifverhandlungen mit Spannung entgegen. Die Romed-Kliniken seien allen Mitarbeitern „äußerst dankbar für ihren besonderen Einsatz während der Corona-Krise“, die Kolleginnen und Kollegen hätten in einer der deutschlandweit am stärksten von Covid-19 betroffenen Regionen „an allen Standorten herausragende Arbeit geleistet“, betont Sprecherin Johanna Kaffl.

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Die Ausgestaltung der tariflichen Rahmenbedingungen unterliege jedoch der Tarifautonomie und werde ausschließlich zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden vereinbart. „Die Romed-Kliniken halten sich streng an die Vorgaben des Tarifs und hoffen, dass die Tarifpartner auch oder gerade unter dem Eindruck der Corona-Pandemie auch dieses Mal wieder eine für möglichst alle Beteiligte angemessene und tragbare Lösung finden“, sagt Kaffl mit Blick auf die bevorstehenden Verhandlungen.

Gewaltige Herausforderungen durch das Coronavirus

Corona hat auch die Pflege- und Seniorenheime vor gewaltige Herausforderungen gestellt. Hinzu kommen die finanziellen Einbußen durch leere Betten, die wegen der Pandemie nicht belegt werden können oder konnten. So haben die fast 200 Mitarbeiter einer Pflegeeinrichtung in der Region mit dem Juni-Gehalt samt Dankesschreiben des Hauses zwar auch die übliche Juni-Zulage bekommen, allerdings in deutlich abgespeckter Form. Nach Angaben eines Betroffenen wurde das „Urlaubsgeld“ auf etwa ein Viertel des Betrags, der in den beiden Vorjahren ausbezahlt wurde, „zusammengestrichen“.

Leitung: Freiwillig sechsstelligen Betrag an Mitarbeiter gezahlt

Das wollen Geschäfts- und Pflegedienstleitung nicht so stehen lassen. Es gebe für die Mitarbeiter weder einen tariflichen noch vertraglichen Anspruch auf Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Und wo es keinen Anspruch gibt, könne auch nichts gestrichen werden. „Tatsache ist, dass wir in den vergangenen Jahren an alle Mitarbeiter bei Erreichen eines positiven Betriebsergebnisses freiwillige Sonderzahlungen geleistet haben“, betont die Leitung des Hauses.

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Für die Nettosonderzahlung im Juni 2020, die übrigens auch Mitarbeiter ohne Anspruch auf die staatlichen Leistungen für Pflegekräfte erhalten hätten, habe die Einrichtung einen sechsstelligen Betrag aufgewendet.

Die Kürzung der freiwilligen Leistung in dem Pflegeheim ist für Verdi-Geschäftsführer Robert Metzger zwar rechtlich nicht angreifbar, aber „moralisch und psychologisch das völlig falsche Signal“. Für seinen Gewerkschaftskollegen Windisch zeigt das Beispiel erneut, „dass die Beschäftigten in der Altenpflege nicht in ihrem Beruf arbeiten, weil sie so tolle Arbeitgeber haben, sondern ein hohes Maß an Empathie mitbringen, Menschen helfen und ihre Leute nicht im Stich lassen wollen“.

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Dietmar Eder, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der BRK-Tochter SSG (Sozialservice-Gesellschaft), die bayernweit 26 Pflegeeinrichtungen betreibt, darunter das Seniorenwohnen Küpferling in Rosenheim, hat die Tarifverhandlungen schon hinter sich. Für die SSG-Häuser wurde noch vor Corona ein Tarifabschluss erzielt.

Kürzung der freiwilligen Bonuszahlung

Die Kürzung der freiwilligen Bonuszahlung in dem Haus im Kreis Rosenheim passt für ihn ins Bild: „Mittlerweile schert sich doch kein Mensch mehr um die Altenpflege. Unsere Pflegekräfte brauchen keinen Applaus, sondern adäquate Bezahlung, faire Rahmenbedingungen und vor allem die Anerkennung in der Gesellschaft.“ Es sei kontraproduktiv, zwei Wochen zu klatschen, den Pflegekräften eine Prämie zu geben und dann zu glauben, damit sei alles gut.

Gibt es mehr Geld? „Dafür Pflege-Lobby nicht stark genug“.

Endlich mehr Geld für Kranken- und Altenpfleger? Dagegen hätte auch die Heimleitung, die heuer den Sommer-Bonus heruntergefahren hat, nichts einzuwenden – wenn die Finanzierung steht. Aber große Hoffnung, dass die Gesellschaft in Zeiten von Corona den Rufen nach einer besseren Bezahlung auch Taten folgen lässt, macht sie sich nicht: „Dafür ist die Pflege-Lobby nicht stark genug. Das ist ein Verteilungsproblem. Solange nicht mehr im Topf drin ist, wird sich nichts ändern.“

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