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Debatte hält weiter an

„Normales Verhalten“ oder gefährliches Raubtier: Am Chiemgauer Wolf scheiden sich die Geister

Mehrere unterschiedliche Wölfe wurden in den vergangenen Monaten durch DNA-Analysen und Aufnahmen in der Region nachgewiesen. Die Entnahmegenehmigung bezieht sich nur auf einen „Problemwolf“.
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Mehrere unterschiedliche Wölfe wurden in den vergangenen Monaten durch DNA-Analysen und Aufnahmen in der Region nachgewiesen. Die Entnahmegenehmigung bezieht sich nur auf einen „Problemwolf“.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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  • Dominik Göttler
    Dominik Göttler
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Erstmals seit 140 Jahren soll in Bayern wieder ein Wolf offiziell geschossen werden. Naturschützer wollen die Entscheidung gerichtlich anfechten. Der Bauernverband appelliert hingegen dazu, den Abschuss nicht weiter zu verzögern.

Traunstein/München – Die Granitsäule aus dem Jahr 1907 steht bis heute am Scheibenberg im Fichtelgebirge. Auf ihr ist er verewigt, der letzte offiziell erlegte Wolf in Bayern. Am 21. Juli 1882 war das. Nun, 140 Jahre später, könnte erstmals wieder ein Wolf im Freistaat geschossen werden.

Tier aus dem Auto heraus gefilmt

Die Regierung von Oberbayern hat am Freitag nach fast zweimonatiger Beratung eine Abschussgenehmigung für einen Wolf mit dem genetischen Code GW2425m erteilt, der in den Landkreisen Berchtesgadener Land, Traunstein und Rosenheim nachweislich mehrere Schafe, Ziegen und Wildtiere gerissen hat – und das auch noch in der Nähe von besiedelten Gebieten. Es soll sich dabei auch um das Tier handeln, dass abends durch den Ortskern des Pfarrdorfes Bergen spazierte – und dabei aus einem Auto heraus gefilmt wurde. Zudem bestätigte die Pressestelle des Landes Tirol, dass dieses Tier unter anderem auch in Erl ein Schaf gerissen hatte und davor bereits im Öztal nachgewiesen worden war.

Allgemeinverfügung veröffentlicht

Am Montag, 17. Januar 2022, um 20:52 Uhr veröffentlichte die Regierung von Oberbayern eine Allgemeinverfügung, in der geregelt ist, wie der Abschuss zu erfolgen hat. In ihrer kurzen Pressemitteilung vom Freitag hatte die Regierung die Entnahme, wie der Abschuss in Behördensprache genannt wird, mit Verweis auf die öffentliche Sicherheit begründet. Die Expertenkommission am Landesamt für Umwelt sei zu dem Ergebnis gekommen, dass das Tier offenbar die Nähe zu Siedlungsstrukturen suche. Für die Zukunft sei zu befürchten, dass Menschen zu Schaden kommen könnten.

Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU), die sich im Vorfeld für einen Abschuss ausgesprochen hatte, begrüßte die Entscheidung. „Man muss ein Raubtier, das übergriffig geworden ist und ganz offensichtlich seine Scheu verloren hat, auch mal entnehmen“, sagte Kaniber. „Bei diesem Wolf, der in Südostoberbayern immer näher an die Siedlungen herangekommen ist, war das dringend notwendig.“

Doch in der Frage, wie gefährlich GW2425m ist, scheiden sich die Geister. Naturschützer können die Begründung der Behörden nicht nachvollziehen. Peter Blanché von der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe kündigt eine Klage gegen die Abschussgenehmigung an. „Der Wolf hat sich Beute geholt, die leicht zu erreichen und teilweise ungenügend geschützt war. Ich sehe da überhaupt keine Gefahr für den Menschen.“

Ob der Wolf am Ende tatsächlich geschossen wird, da ist Blanché skeptisch. „Die Chance, ihn zu erwischen ist sehr gering.“ Der Bund Naturschutz wird die Ausnahmegenehmigung wohl ebenfalls gerichtlich anfechten. „Die Entscheidung ist fachlich nicht nachvollziehbar“, sagt Uwe Friedel. „Wenn es Anhaltspunkte für eine Gefahr für den Menschen gäbe, würden wir nicht klagen.“ Aber die sehe er nicht. Er spricht von einer politischen statt einer fachlichen Entscheidung. Auch der Landesbund für Vogelschutz spricht von „normalem Wolfsverhalten“, das keinen Abschuss rechtfertige.

Beim Bayerischen Bauernverband hingegen ist man erleichtert über die Entscheidung der Regierung von Oberbayern. „Das ist ein erstes gutes Zeichen für die Tierhalter in der Region“, betont der BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler. An die Naturschutzverbände richtete er den Appell, die Entscheidung zu akzeptieren und nicht durch Klagen zu verzögern. „Wer jetzt gegen den Bescheid klagt, entzieht sich ganz klar der Verantwortung für unsere Nutztiere. Ein Wolf, der jegliche Scheu verloren hat, in Ställe spaziert und sich greift, was er will, verursacht nicht nur unsägliches Tierleid, sondern gefährdet auch die Weidetierhaltung und nicht zuletzt uns Menschen. Der Entnahmebescheid war überfällig.“

Ob der Wolf überhaupt weiter in der Region unterwegs ist, ist indes unklar. Der letzte offizielle Nachweis datiert auf den 19. Dezember.

Forstbetriebsleiter Paul Höglmüller sieht keine Gefahr für den Menschen

„Es ist wichtig, dass wir das Thema wieder versachlichen“, sagt Paul Höglmüller, Betriebsleiter der Bayerichen Staatsforsten in Ruhpolding. Zugleich müsse man die Sorgen auch ernst nehmen,  gerade auch die der Landwirte. Aber auch er erlebt, dass manche Menschen es kaum aushalten, wenn etwas relativiert werde bei der Debatte. 

Höglmüller ist selbst Hobby-Landwirt und hält Rinder, Ziegen und Schafe. „Ich sitze insofern zwischen zwei Stühlen, weil ich mich schon seit meiner Jugend mit Wölfen beschäftige“, sagt der Forstchef. „Meine Familie leidet teils darunter, weil wir viele Urlaube in Wolfsgebieten verbracht haben. Ich wollte Wolfsgeheul hören, meine Familie lieber zum Baden“, erzählt Höglmüller. 

Eine Gefährdung für Menschen durch den Wolf hält er für übertrieben: „Da hilft ein Blick in die Statistik. Die Gefährdung durch Hunde ist deutlich größer.“ Es sei aber auch verständlich, dass Menschen sich sorgen, weil der Wolf eben jahrhundertelang nicht in der Region gewesen sei. Ob der Mensch entscheiden dürfe, dass der Wolf nicht in die Region gehöre, sei aus seiner Sicht eine ethische Frage, die er nicht beantworten wolle. „Wir müssen einen Umgang finden, weil es einfach immer wieder welche geben wird. Und es wird vermutlich nicht immer eine Entscheidung für eine Entnahme wegen Gefährdung geben“, sagt Höglmüller. Die Diskussion drehe sich im Kreis. 

Höglmüller sei  zwar selbst einer der Ersten gewesen, der sich einen wolfssicheren Zaun gebaut und die Zuschüsse dafür beantragt habe. Dennoch findet er, dass es sich manche Wolfsbefürworter etwas zu leicht mit der Forderung nach Wolfssicherung machen. „Dass die Zäune auf den Bergen an Grenzen stoßen und dass auch Herdenschutzhunde praktisch nicht so leicht umzusetzen sind, muss man halt auch sehen“, sagt Höglmüller. 

Viele Landwirte mißtrauen inzwischen dem Landesamt für Umwelt (LfU), das die Risse auswertet und DNA-Proben nimmt. Nötig ist dies, damit die Bauern eine Entschädigung für die Risse bekommen, wenn ein Wolf der Verursacher war. Seitens der Landwirte ist hier oft von Vertuschung die Rede. Auch gegen die Bayerischen Staatsforsten wurden Vorwürfe erhoben, sie würden Wolfsnachweise unterschlagen. „Wir verschweigen nichts“, sagt Höglmüller. Es gebe gar nicht so viele Fotofallen in der Region. Nur ein Wolf sei vor einem Jahr aufgenommen worden. „Wir werten alle Risse aus, aber haben noch nie einen Nachweis für einen Wolf gehabt“, sagt Höglmüller, den das Thema selbst brennend interessiert. Die Gerüchte um ein Rudel bei Maria Eck hält er nicht für wahrscheinlich, zumal es keinen Nachweis für einen weiblichen Wolf gebe: „Das hätten wir wohl schon bemerkt.“

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