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Stress durch hohe Temperaturen

Wenn Kühe duschen gehen: Ist das ein Supersommer oder schon Dürre in der Region Rosenheim?

Sprung ins kühle Nass: Sommer am Chiemsee
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Salto und Sonne am Chiemsee: Noch ein Spaß oder bereits ein Vorbote für künftige Klima-Kapriolen?
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Von einer „absoluten Gunstlage“ spricht Josef Steingraber vom Bayerischen Bauernverband, wenn es um die Region Rosenheim geht. Im Unterschied zu anderen Regionen Bayerns sieht man der nächsten Hitzewelle noch gelassen entgegen. Dennoch - zwei gefährliche Trends zeichnen sich ab.

Rosenheim - „Die Quellen laufen noch“, meldet Kreisbäuerin Katharina Kern per Mobiltelefon von der Alm, Sorgen müsse man sich also keine machen. Die Hitze sei schon „extrem“, es sei zu beobachten, dass der Ahorn drei Wochen früher beginne, seine Blätter abzuwerfen.

Aber es sei noch nicht so dramatisch wie in anderen Jahren, dass mancherorts das Getreide verdorre. Die Tierhalter müssten halt darauf schauen, dass Kuh und Co. genügend Wasser und Schatten abbekämen. Der neueste Trend, den sie gerade beobachtet: Duschen fürs Vieh in modernen Laufställen. „Das empfinden die Kühe als sehr angenehm“, sagt Kern.

Von einer Abkühlung können andere Tiere nur träumen. Mittlerweile seien Wasserstände stark abgesunken, sagt Jonas Garschhammer, am Landratsamt für Naturschutz zuständig. „Wasserinsekten wie Libellenlarven verenden in solchen langen Trockenperioden. Auch den Fröschen und Molchen geht es entsprechend schlecht.“

„Ein Brandbeschleuniger“: Biodiversitätsberater Jonas Garschhammer warnt vor Trockenheit.

Aber auch er sagt: Ein solches Jahr sei noch kein großes Problem. Die Natur sei auf derlei eingestellt. „Wenn wir aber in den nächsten Jahren weiterhin solche Trockenperioden haben, dann schaut es für viele Tiere und Pflanzen düster aus.“

Landwirte in der Region erwarten gute Ernten

Gelassen klingt Josef Steingraber vom Bauernverband. Die Landwirtschaft erwarte gute Ernten, Einbußen seien bei der Wintergerste zu erwarten. „Die hat unter dem Trockenheitsstress gelitten“, sagt der Rosenheimer, „die restlichen Erträge dürften gut ausfallen.“ Anders, das weiß er auch, als etwa in Nordbayern, wo die Wiesen und Felder mittlerweile braun- und gelbgedörrt aussehen wie sonst Flächen in Südfrankreich und Italien. „Wir hier in der Region Rosenheim leben wirklich in einer absoluten Gunstlage.“

Immer wieder Höchststände und Niedrigpegel

Das bestätigen im wesentlichen Beobachtungen von Dr. Tobias Hafner, dem Leiter des Wasserwirtschaftsamts in Rosenheim. Der Grundwasserstand sei mancherorts niedrig, er habe sich aber durch die Niederschläge in den vergangenen Tagen ein wenig entspannt. So arg wie nördlich der Donau sei es im südöstlichen Oberbayern nicht.

Was ihn nachdenklich macht, sind die „kleinen Höchst und Niedrigstände“, die er immer wieder an vereinzelten Stellen der Region wahrnimmt. Erst kürzlich sei an der Mangfall bei Feldolling eine Wassertemperatur von 20 Grad gemessen worden - „das hatten wir so noch nicht“, sagt er.

Die heißen Sommer fügen sich in einen Trend, den er nun schon über 20 Jahre hinweg verfolgt. „In dieser Zeitspanne hatten wir Jahre mit Normalniederschlag, und Jahre mit zu wenig Niederschlag“, sagt er. „Was wir nicht mehr hatten, waren die Jahre mit überdurchschnittlich viel Niederschlag.“ Die bräuchte es aber, um über die lange Strecke vieler Jahre das Wasserdefizit. auszugleichen. In derselben Zeit sei aber durch die hohen Temperaturen erheblich mehr Wasser verdunstet - so verschärfe sich das Wasser-Defizit.

Jonas Garschhammer spricht ebenfalls von einem mindestens 20 Jahre alten Trend. Und er warnt: „Wenn Moore durch Entwässerung oder Nährstoffeinträge eh schon beeinträchtigt sind, dann wirkt die Trockenheit wie ein Brandbeschleuniger.“ Die typischen Moorpflanzen verschwinden dann, und Gebüsche wie der Faulbaum breiteten sich aus. Schon heute stürben etwa Moorfalter im Landkreis lokal aus.

Ein Wandel, der viele Umbauten erfordert

Der Klimawandel steht also nicht mehr bevor, er vollzieht sich bereits. Man müsse darauf reagieren, das Leben und die Infrastruktur darauf vorbereiten, sagt Hafner. So sollten Gemeinden in der Region zusammenarbeiten, etwa um Bewässerungskonzepte zu erarbeiten oder auch, um Infrastrukturmaßnahmen wie den Bau von Brauchwasserzisternen in die Wege zu leiten, sagt Hafner. „Man wird das Problem jedenfalls nicht dadurch lösen, dass man einfach eine Wasserleitung von A nach B legt.“

Auch der Wald spürt den Klimastress

Mit dem Klimawandel müssen sich auch Waldbesitzer und Forstbetriebe beschäftigen. „Bei uns im Dienstgebiet ist die Lage noch relativ unproblematisch“, sagt Dr. Georg Kasberger, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Rosenheim. „Aber gut gerüstet? Das wäre übertrieben.“

„Es wird alles extremer“, stellt Thiemo Steuer vom Forstbetrieb Ruhpolding fest. Um den Wald auf den Klimawandel vorzubereiten, müsse man sich bestmöglich aufstellen - etwa durch eine konsequente Bewirtschaftung eines Waldgebiets mit mindestens vier verschiedenen Baumarten. Bedroht ist vor allem die Fichte - vor lauter Stress bestäubten die Bäume heuer im Frühjahr die Region Rosenheim dick mit gelbem Blütenstaub.

„Die Fichte benötigt eben besonders viel Wasser“, sagt Steuer. Dem Wald setzt aber nicht nur der Mangel an Regen zu. Verschiedene Faktoren kommen unheilvoll zusammen - etwa Stürme im Frühjahr, dem hohe Temperaturen folgen. „Wir haben daher erhöhten Borkenkäferbefall“, sagt Steuer.

Eine Folge des Wetter, der man halbwegs Herr werden kann, wenn auch mit Kosten und viel Aufwand, betont wiederum Forstbetriebs-Serviceleiter Bernhard Kurz. „Wir haben die vergangenen Jahre ein intensives Borkenkäfer-Management betrieben.“ Dazu gehöre der Einschlag ebenso wie der Abtransport gegebenenfalls mit Hubschraubern - schließlich ist der größte Teil des Waldes, den der Betrieb betreut, Bergwald. Auch die Entrindung per Hand von durch den Wind gefällten Stämmen gehöre zu den Maßnahmen gegen den Schädling, sagt Kurz. Der Aufwand sei wichtig, sagt er. „Der Klimawandel vollzieht sich ohnehin zu schnell für den Wald.“

Insgesamt aber sei die Mischung wichtig, stellt Kasberger fest. „Schädlinge sind spezialisiert, daher: Wald vielfältig halten.“ Nicht nur des Borkenkäfers wegen empfiehlt er die Abwechslung, sondern auch um bei bestimmten Entwicklungen des Klimas nicht gleich den ganzen Wald geschädigt zu sehen. Die Widerstandskraft der Baumarten sei auf verschiedene Herausforderungen ausgerichtet. „Sonst“, so schwant es ihm, „wird uns auch die Gunstlage auf Dauer nicht helfen.“

Hitze macht auch Mensch und Tier zu schaffen

Auch Ärzte und das Pflegepersonal in den Krankenhäusern spüren die Hitze, wenn auch eher indirekt - durch mehr Arbeit. Die Zentralen Notaufnahmen verzeichneten während Hitzeperioden mehr Betrieb durch Menschen, denen zum Beispiel der Kreislauf aus dem Takt geraten sei, bestätigt Romed-Sprecherin Elisabeth Siebeneicher.

„Schützt sich die Bevölkerung, vor allem geschwächte und ältere Menschen, nicht ausreichend gut vor Hitze, kann es schnell gesundheitsgefährdend werden, und ein Klinikaufenthalt ist vorprogrammiert“, sagt Dr. Hanns Lohner, Ärztlicher Direktor bei Romed. Gerade das sollte unbedingt verhindert werden, zumal die Anzahl der Corona-Patienten seit geraumer Zeit wieder stetig zunimmt, Personalausfälle ebenfalls deutlich zunehmen und dadurch die Aufnahmefähigkeit der Klinik begrenzt sei. Lohner verweist daher auf die Tipps vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit. Vor allem: Trinken solle man ausreichend und auf Sonnenschutz achten.  

Was ihre Tiere auf der Alm ohnehin beherzigten, wie Katharina Kern berichtet. „Die folgen ihrer Natur, suchen den Schutz der Bäume auf und ruhen sich aus.“ Anders als so viele Wanderer, die der Super-Sommer in die Voralpenregion gezogen hat. „Den Kühen geht im Gegensatz dazu halt auch jeder Ehrgeiz ab“, sagt Kern und lacht.

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