Nach Tumulten in Schnaitsee im Sommer 2019: 22-Jähriger zu Haft und Unterbringung verurteilt

Im Juni 2019 kam es gleich an zwei Tagen hintereinander zu wüsten Auseinandersetzungen in Schnaitsee.
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Im Juni 2019 kam es gleich an zwei Tagen hintereinander zu wüsten Auseinandersetzungen in Schnaitsee.

Heftige Schlägereien an zwei aufeinanderfolgenden Abenden in Schnaitsee sorgten im Sommer 2019 in der Region Rosenheim für Aufsehen. Einer der Involvierten, ein 22-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan, musste sich dafür jetzt in Traunstein vor Gericht verantworten.

Von Monika Kretzmer-Diepold

Traunstein/Schnaitsee – Tumultartige Szenen ereigneten sich letztes Jahr in Schnaitsee. Zwei Menschengruppen gingen am 7. Juni 2019 in einem Lokal aufeinander los. Am nächsten Abend lieferten sich einige der Beteiligten nochmals eine Schlägerei. Dabei rastete ein 22-jähriger Asylbewerber regelrecht aus. Das Schöffengericht Traunstein mit Richter Thilo Schmidt verhängte gestern gegen den Afghanen wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Außerdem ordnete das Gericht die Unterbringung zum Entzug an. Im Rest der Anklage erfolgte Freispruch.

Angespannte Lage in Schnaitsee

Mehrere Polizeistreifen rückten an den zwei Tagen an, um die angespannte Lage in Schnaitsee zwischen Asylbewerbern und Einheimischen zu beruhigen. Bei den Beteiligten beider Gruppen spielte Alkohol jeweils eine erhebliche Rolle. Staatsanwältin Helena Speicher legte dem Angeklagten zur Last, am 7. Juni 2019 gegen 23.30 Uhr einen Mann durch fünf Schläge auf die Lippe verletzt zu haben. Die Wunden mussten genäht werden.

Fahrradständer auf Kontrahenten geworfen

Am Folgeabend war der 22-Jährige bei einer weiteren Schlägerei wieder mit von der Partie. Dabei warf er auf die Kontrahenten einen Fahrradständer. Ein Mann wurde an der Schulter getroffen, durch geworfene Steine ein anderer. Ein Taxifahrer verständigte damals die Polizei. Einige Männer stiegen in den Bus, darunter der Angeklagte. Das Wegfahren des Fahrzeugs verhinderten Leute aus der gegnerischen Gruppe. Beim Eintreffen der Polizei geriet der 22-Jährige regelrecht außer sich. Er schrie laut, bekam möglicherweise einen Krampfanfall.

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Der Angeklagte fiel auf den Rücken, strampelte und rutschte halb aus dem Bus. Dabei versetzte er einem der Polizisten einen schmerzhaften Tritt gegen den Oberschenkel. Der Beamte zog den Mann ganz heraus, brachte ihn angesichts seines Zustands vorsichtshalber in die stabile Seitenlage. Der Zeuge berichtete gestern: „Er machte den Eindruck, er sei komplett in einer anderen Welt. Er war nicht Herr seiner Sinne und hatte Schaum vor dem Mund. Wir haben einen Notarzt angefordert.“ Auch an einen eventuellen Einfluss von Drogen und Alkohol habe er damals gedacht, so der Polizeizeuge.

Angeklagter streitet Vorwürfe ab

Der 22-Jährige behauptete, die Vorwürfe stimmten nicht. Bezüglich der Szene im Bus und danach machte er einen Gedächtnisverlust geltend, ausgelöst durch einen Krampfanfall. Ein psychiatrischer Sachverständiger erläuterte, das sei durchaus denkbar. Ein epileptischer Anfall zusammen mit Alkohol und Drogen würde eine Amnesie erklären. In der Situation im Bus sei die Schuldfähigkeit wahrscheinlich erheblich eingeschränkt gewesen.

Der angeklagte Sachverhalt habe sich bestätigt, stellte Staatsanwältin Helena Speicher im Plädoyer fest. Die Geschädigten hätten ihrerseits sicher provoziert mit Angriffshandlungen und Streitereien. Für den tätlichen Angriff im Taxi mit Widerstand und tätlichem Angriff gegen den Polizeibeamten sei schuldhaftes Handeln nicht nachweisbar. In diesem Punkt sei Freispruch geboten.

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Die verbleibenden Delikte – die Würfe mit dem Radständer und den Steinen – verfügten über ein großes Gefahrenpotenzial. Die Staatsanwältin beantragte dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe und Unterbringung in einer Entzugsanstalt. Die Verteidigerin, Berna Behmoaram aus München, bezeichnete eine Unterbringung ihres Mandanten als ihr Hauptziel. Der Streit sei von den anderen ebenfalls provoziert und gesucht worden. Die Unterbringung sei anzuordnen. Die Freiheitsstrafe solle nicht über zwei Jahre betragen, schloss die Verteidigerin. Im „letzten Wort“ beteuerte der 22-Jährige, er wolle endlich von den Drogen wegkommen und ein normales Leben führen.

Eingeschränkt schuldfähig

Im Urteil begründete der Vorsitzende, warum der Angeklagte „nur“ wegen der gefährlichen Körperverletzungen verurteilt wurde. Die Szene im Bus sei möglicherweise auf ein Krampfgeschehen zurückzuführen. Beim Werfen des Radlständers und der Steine sei der 22-Jährige eingeschränkt schuldfähig gewesen – wegen der hohen Alkoholisierung und durch Drogen. Gegen ihn sprächen seine Vorstrafen und die hohe Rückfallgeschwindigkeit. Darüber hinaus habe das Schöffengericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet, betonte Richter Thilo Schmidt.

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