Todesfälle in Aschauer Pflegeheim: Mitarbeiter verteidigen Chef, Behörden schalten sich ein

Musikalischer Gruß in Zeiten der Corona-Pandemie an die Senioren des Aschauer Pflegeheims Priental – und ein Dank an die Pflegekräfte für ihre aufopferungsvolle Arbeit. Hier Maximilian Binder (links) und Sepp Schlemer jun. H. Reiter
  • Rosi Gantner
    vonRosi Gantner
    schließen

Die vielen Toten in einem Aschauer Seniorenheim und die Vorwürfe von Mitarbeitern gegen Heimleitung und Behörden schlagen hohe Wellen. Wurde zu spät reagiert? Die Führungsgruppe Katastrophenschutz sichtet nun alle Heime in der Region. Gleichzeitig fühlen sich Pflegekräfte ins falsche Licht gerückt.

Update 23. April

Mitarbeiter des Pflegeheims verteidigen ihren Chef

In einem Seniorenheim in Aschau zahlreiche Bewohner infolge einer Coronavirus-Infektion verstorben. Heftige Kritik am Krisenmanagement der Heimleitung und an den zuständigen Behörden war laut geworden. Nun melden sich namentlich drei Mitarbeiter des Heimes, die von sich behaupten, noch viele weitere Kollegen auf ihrer Seite zu haben. Und sie verteidigen ihren Chef. Wir geben den Brief der Mitarbeiter im Folgenden im Wortlaut wieder:

"Mit großem Entsetzen haben wir Ihren Artikel „Viele Tote, wenig Schutz? Massive Vorwürfe gegen Aschauer Pflegeheim“ vom 21.04.2020 im Oberbayrischen Volksblatt gelesen und fragen uns was in manchen Personen vorgeht, dass man so haltlose Vorwürfe in die Welt setzt.

Wir erlauben uns zu Ihrem Beitrag folgende Bemerkungen: Wir arbeiten alle im Pflegeheim Priental in Aschau und können nicht nachvollziehen, dass ein oder einige unserer Mitarbeiter in dieser sehr schweren Zeit ihre Energie dahingehend verwenden, unsere Vorgehensweise, unsere Arbeit und besonders unseren Heimleiter anzuklagen. Auf eine Art und Weise, die wir im höchsten Maße unkollegial empfinden.

Wir haben mit der Pandemie gerade eine Ausnahmesituation, in der wir alle an unsere Grenzen kommen und wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Herr Rohrmüller (der Leiter des Seniorenheims Priental in Aschau, d. Red.) hat in unseren Augen immer die richtigen Entscheidungen getroffen und auch für uns die richtigen Worte gefunden. Wir hatten so viele traurige Momente zu erleben und zu verkraften, mussten uns von liebgewonnenen Bewohnerinnen und Bewohnern, die wir jeden Tag pflegten und betreuten, verabschieden. Wir als Mitarbeiter des Seniorenheims weisen die völlig haltlosen Vorwürfe gegenüber der Heimleitung ausdrücklich zurück.

Die zuständigen Aufsichtsbehörden sowie Bürgermeister Peter Solnar hatten diese ebenfalls entkräftet. Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei allen Menschen, die uns geholfen haben und uns immer noch unterstützen! Herausforderungen gibt es viele, diese schaffen wir nur gemeinsam, wenn wir zusammenhalten und uns unterstützen! Mit positivem, vertrauensvollem Denken und Handeln!"

Mitarbeiter des Seniorenheims:
Cristina Wimmer, Sebastian Pellkofer, Sandra Frömter

___

Der ursprüngliche Artikel zum Aschauer Pflegeheim

Aschau

– Über 60 Pflegeheime gibt es aktuell im Landkreis Rosenheim – zwei davon sind im Zuge der Corona-Pandemie zuletzt in die Schlagzeilen geraten: das Altenheim „St. Lukas“ in Bad Feilnbach, das

aufgrund der Vielzahl an Covid-19-Fällen geräumt werden musste

– und das Aschauer Pflegeheim Priental. Mitarbeiter hatten

in einem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, harsche Kritik

an der Krisenbewältigung von Heimleitung und Behörde geäußert.

Aschau: 19 Tote in kurzer Zeit

Die Vorwürfe: zu wenig Schutzausrüstung, zu lasches Handeln, Bauarbeiter im Haus trotz Besuchs- und Betretungsverbots – und nun eine ganze Reihe Todesfälle. Laut den Mitarbeitern sind zuletzt in dem Heim, Kapazität etwa 70 Betten, insgesamt 19 Bewohner verstorben. Sie mutmaßen: allesamt an Covid 19. Offiziell bestätigt sind 15 Fälle. Ein Grund für die Diskrepanz mag sein, dass im Raum Rosenheim Verstorbene „post mortem“, also nach ihrem Ableben, nicht mehr auf das Coronavirus getestet werden. Das bestätigte das Gesundheitsamt Rosenheim auf Anfrage.

Wurde zu spät gehandelt?

Wurde zu spät gehandelt? Die Behörde, ebenso Heimaufsicht (Landratsamt) und Heimleitung weisen die Vorwürfe zurück. Die Versorgung der Bewohner sei gewährleistet. Zudem würde das Haus mit zusätzlichen Pflegekräften entlastet.

+++ Alles zur Corona-Pandemie in der Region lesen Siein unserem Live-Newsticker +++

Diese Unterstützung erfahren laut Landratsamt derzeit insgesamt vier Pflegeheime in der Region. Sie bekämen zusätzliches Personal unter anderem aus einem Pflegepool sowie vom Bayerischen Roten Kreuz.

Vor-Ort-Termine in den Heimen

Von den Bedingungen vor Ort überzeugen sich aktuell die Führungsgruppe Katastrophenschutz sowie Vertreter von Gesundheitsamt und Heimaufsicht –  und statten jedem der über 60 Heime einen Besuch ab. „Um zu sehen, wie es dort läuft“, erklärt Sprecher Michael Fischer auf Anfrage unserer Zeitung. Bis Ende dieser Woche soll diese Besuchsreihe abgeschlossen sein. Dann würde Bilanz gezogen. Eine Zwischenbilanz lehnte Fischer gestern ab. Hintergrund der Vor-Ort-Termine: abzuklären, ob Mangel bestünde und eine optimale Unterstützung.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Dass die Unterstützung durchaus unterschiedlich ausfallen kann, davon kann Kathi Zimmerer vom Heimbetreiber „Pur Vital“mit Sitz in Stephanskirchen und Pflegeheimen in Oberaudorf (plus mobiler Pflegedienst), Bergen, Traunreut, Trostberg und Straubing berichten. „Der Landkreis Rosenheim ist sehr vorbildlich“, erklärt die Unternehmenssprecherin. „Wir werden hier sehr gut mit Schutzausrüstung versorgt“, spricht sie für den Standort Oberaudorf. In anderen Landkreisen sähe es indes „zapfenduster“ aus. „Wir haben in Oberaudorf die fünffache Menge an dem, was wir beispielsweise in unserem Heim in Bergen haben.“

Schutzausrüstung: Eine Herausforderung

Zu wenig Schutzausrüstung – mit diesem Problem habe auch „Pur Vital“ zu Beginn von Corona zu kämpfen gehabt. „In der Regel hat jedes Heim ein kleines Grundpaket, aber kein Mensch war für eine Pandemie gerüstet“, erzählt Zimmerer. Man habe sich die Finger wund telefoniert, um an Ausrüstung zu kommen – „bis nach China.“ Umso erleichterter zeigte sie sich, dass zumindest im Landkreis Rosenheim inzwischen die Versorgung durch den Katastrophenschutz optimal verläuft.

Oberaudorf bislang im Glück

Allerdings: Komme es zu Covid-19-Vorfällen in einer Einrichtung, steige der Bedarf sprunghaft an, weiß Zimmerer. „Dann braucht man unendlich, und es reicht möglicherweise nicht mehr.“ In Oberaudorf (84 Betten) hatte man bis dato Glück, man sei verschont geblieben, auch die Pur-Vital-Heime in Traunreut und Bergen seien noch Covid-frei. Woran das liegen mag? Vielleicht an der Tatsache, dass „Pur Vital“ bereits zum 13. März und damit eine Woche vor der gesetzlichen Maßgabe seine Einrichtungen für Besucher gesperrt hatte. „Uns war das Risiko damals zu groß“, sagt Zimmerer.

Tote im Trostberger Heim

Den Ernstfall erlebt der Betreiber indes gerade in seinem Haus in Trostberg (100 Betten): 17 Infizierte und vier Todesfälle. Am Standort Straubing würden aktuell Großtestungen durchgeführt.

Die Aufregung um das Pflegeheim in Aschau, das in den sozialen Netzwerken für große Diskussionen gesorgt hatte – manch einer interpretierte die Berichterstattung als Kritik an den Pflegekräften – , kann Zimmerer nachvollziehen: „Die Mitarbeiter schieben Zwölf-Stunden-Schichten, halten zusammen, sind um das Wohlergehen der Bewohner bemüht und tun einen richtig guten Job. Schlagzeilen wie im Fall Aschau sind dann unglaublich demotivierend.“

Lesen Sie auch: Aschauer Pflegedienst ruft Pensionäre zur Hilfe: Acht Mitarbeiter in Quarantäne

Denn: Die Corona-Pandemie fordere einfach alle, niemand sei auf diesen Tag x vorbereitet gewesen – trotz aller Pläne und Theorien, gibt Zimmerer Einblick. Nun komme die psychische Belastung hinzu, wenn aufgrund der Pandemie vermehrt Bewohner versterben. „Das ist auch für die Pflegekräfte ein Riesenverlust. Sie sind ihnen teils wie Angehörige ans Herz gewachsen, und das über Jahre. Da wird viel geweint.“

Angehöriger hält dem Heim die Stange

Mit großer Überzeugung hinter dem Pflegeheim Priental in Aschau steht Dominic Hirl. Seine Großmutter lebt in der Einrichtung – und ist ebenso an Covid 19 erkrankt. „Ich kann über das Seniorenheim nur Positives berichten, da meine Oma immer sehr gut betreut wurde und wird.“

Auch während der Corona-Krise sei die Familie immer sofort über den gesundheitlichen Zustand telefonisch informiert worden. „Man merkte richtig, wie bemüht das Team um Herrn Rohrmüller ist.“ Hirl weiter: „Die Heimleitung und das ganze Team machen meiner Meinung nach einen hervorragenden Job. Ich habe vollstes Vertrauen, dass sich um meine Großmutter gut gekümmert wird.“

Mehr zum Thema

Kommentare