Nicht nur OB März „außerordentlich unglücklich“

Nach dem Lockdown-Schock für Rosenheim: Es brodelt wegen der vorgezogenen Corona-Maßnahmen

Vermummungsgebot: An die Maskenpflicht haben sich viele Menschen bereits gewöhnt, mit dem zweiten Lockdown aber kommen neue harte Einschränkungen. Gantner
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Vermummungsgebot: An die Maskenpflicht haben sich viele Menschen bereits gewöhnt, mit dem zweiten Lockdown aber kommen neue harte Einschränkungen. Gantner
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    vonMichael Weiser
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Deutschland trifft es hart, Rosenheim noch härter: Bereits am Freitag, 30. Oktober, beginnt in der kreisfreien Stadt der Lockdown. Ab 21 Uhr macht alles dicht, auch Gaststätten. Im Rest des Bundesgebietes wird das öffentliche Leben erst am Montag, 2. November, stillgelegt.

Rosenheim – „Ich bin über diese vorgezogenen Beschränkungen, speziell für den Bereich der Gastronomie, außerordentlich unglücklich“, sagte Oberbürgermeister Andreas März (CSU) in einer ersten Reaktion auf die Anweisung aus München. „Im Hinblick auf den notwendigen Infektionsschutz der Bevölkerung war eine für die Gastronomie günstigere Lösung aber nicht mehr möglich.“

Den Grund für den Frühstart sieht die Staatsregierung in den bedenklichen Zahlen: Rosenheim liegt beständig über einer Inzidenzzahl von 250.

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Auch in den Kliniken richtet man sich auf einen deutlichen Anstieg ein. 24 Patienten meldeten die Romed-Kliniken gestern, davon werde einer intensiv behandelt. „Aufgrund der Tatsache, dass unsere bisherige Infektionsstation mit Patienten mit bestätigter Covid-Infektion nahezu voll belegt ist, sind wir dabei, eine zweite Station zu einer Covid-Station umzuwandeln“, sagte Sprecherin Johanna Kaffl. Die Zahl der Toten hat sich seit gestern um zwei erhöht.

Junge Union kritisiert Teile der Regelungen

Derweil regt sich gegen die drastischen Maßnahmen Widerstand, auch innerhalb der CSU. Daniel Artmann, Vorsitzender der JU Oberbayern, kritisiert gemeinsam mit seinem niederbayerischen Kollegen Benjamin Taitsch vor allem die Zwangspause für Gaststätten als nicht verhältnismäßig. In einem gemeinsamen Papier betonen die beiden JU-Chefs die geringe Ansteckungsgefahr in Gaststätten. Laut Robert-Koch-Institut fänden lediglich 0,5 Prozent der Ansteckungen in der Gastronomie statt. Das eben fürchtet auch Artmann: „Es droht das Abwandern ins Private.“

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Daniel Artmann, zugleich 2. Bürgermeister der Stadt Rosenheim, weist auf die besonderen Anstrengungen der Wirte hin. „In der Gastronomie gibt es funktionierende Hygienekonzepte und die Aufnahme der Kontaktdaten“, sagt er. Er stehe hinter dem Großteil der Maßnahmen und sehe auch Kontaktbeschränkungen und AHA-Regeln als „zwingend notwendig“ an. Doch müssten Entscheidungen sachlich begründbar und für den Bürger nachvollziehbar sein, damit die allgemeine Akzeptanz nicht schwinde. Und darüber müsse man auch diskutieren. „Ich sehe mich nicht als Abnicker“, sagte Artmann.

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Für die Gastronomie machte sich gestern auch Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März (CSU) stark. In den Unterredungen mit der Regierung von Oberbayern und der Staatsregierung drängte er offenbar darauf, eine Fristverlängerung für Rosenheim erreichen – im Interesse der Wirte. Ein überraschender, vorgezogener Lockdown, direkt vor dem Wochenende: Für manchen Gastronom wäre das weniger eine Vollbremsung als vielmehr ein Crash. Ein Teilerfolg muss ihm geglückt sein, zunächst war der Zeitpunkt 18 Uhr durch die Stadt gegeistert. Drei Stunden mehr sind ein schwacher Trost für die Rosenheimer und ihre Wirte. „Mehr war beim besten Willen nicht möglich.“ So äußerte sich März gestern Nachmittag.

Viele Mühen, wenig Ertrag

Ob früher oder späterer Lockdown – allenthalben stehen Wirte vor den Trümmern ihres Geschäftsjahres und ihrer Planungen. Etwa Lorenz Hilger, Wirt vom „Hirzinger“ in Söllhuben. Seit 500 Jahren besitzt der Gasthof die „Tafern-Gerechtigkeit“, solch harte Einschnitte wie nun in der Corona-Pandemie sind aber auch in dieser langen Zeitspanne ohne Beispiel. „Wir haben alles mit Plexiglaswänden verkleidet, haben überallSpender für Desinfektionsflüssigkeit aufgestellt, haben ein Hygienekonzept aufgestellt, und jetzt...“ Hilger lässt den Satz unvollendet.

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Wie ihm geht es zahlreichen Wirten in der Region. Nachdem das Geschäft nach dem Lockdown im Frühjahr langsam und mit stark verminderter Intensität wieder angelaufen war, trifft der neue Lockdown viele Betreiber von Gaststätten hart. Die von Bund und Ländern versprochene Hilfe dürften viele von ihnen zum Überleben benötigen. „75 Prozent des Vorjahres-Novembers, das ist immerhin ein Lichtblick“, sagt Lorenz Hilger. Sein Gefühl ansonsten, vor dem Beginn eines besonders düsteren November? „Man kommt sich verlassen vor, vom Staat und von den Leuten. Als ob wir an Corona schuld wären.“

Flucht in Privatpartys?

Die Stimmung ist im Keller. Manchmal auch buchstäblich. Schlagzeilen machte vor einiger Zeit eine private Kellerparty in Eggstätt, in der sich rund 30 Gäste infiziert haben sollen. Der Trend könnte sich, so fürchten Kritiker des Lockdowns, verstärken. Es sei damit zu rechnen, „dass über das Wochenende viele Rosenheimerinnen und Rosenheimer in benachbarte Landkreisgemeinden und die dortigen Gastronomiebetriebe ausweichen werden“, sagte Andreas März. Das eben fürchtet auch Artmann: „Es droht das Abwandern ins Private.“

Wenn dann alles dicht hat, geht die Flucht der Menschen womöglich weiter, ins Private. „Um so mehr man uns die Leute wegnimmt, desto mehr treffen sie sich daheim“, sagt Lorenz Hilger. „Wenn man das kontrolliert bis zehn oder elf zulässt, dann treibt man die Jugend nicht in die Partykeller.“

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