„Nicht jeden Tag Fleisch“ - Stephanskirchener Biohersteller kritisiert Fleischindustrie

Rudolf Finsterwalder und seiner Frau ist an artgerechter Tierhaltung gelegen. .
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Rudolf Finsterwalder und seiner Frau ist an artgerechter Tierhaltung gelegen. .
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Rosenheim – Der Corona-Ausbruch in den Schlachtbetrieben der Tönnies Gruppe in Nordrhein-Westfalen hat zu Protesten geführt. 650 Mitarbeiter haben sich dort mit Covid-19 infiziert. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit Rudolf Finsterwalder, der mit dem Simsseer Weidefleisch einen alternativen Weg zur konventionellen Fleischwirtschaft geht.

Sind Sie überrascht von dem Corona-Ausbruch bei Tönnies?

Rudolf Finsterwalder: Nicht wirklich. Ich bin nur überrascht, dass es so lang gedauert hat, dass man der Fleischindustrie auf die Finger klopft. Da gab es in der Vergangenheit schon mehrere Vorfälle, die das erfordert hätten. Die Unterkünfte für die Arbeiter, die gezeigt werden, schockieren mich. Dort gibt es ja keine Möglichkeiten, Abstände zu halten. Natürlich sehe ich kritisch, wie mit den Tieren umgegangen wird und welche Qualität dort produziert wird. Aber es ist noch ein anderes Thema, wie man mit den Menschen dort umgeht. Da muss man sich schon fragen, ob das nicht an moderne Sklaverei grenzt.

Was konkret ist besser an Ihrer Art der Fleischproduktion?

Finsterwalder: Eigentlich alles. Es geht bei den Bauern los, die bei uns eine verlässliche Abnahme haben und auf kleinen Betrieben wirtschaften können. Bei uns gibt es ja genügend Bauern - warum müssen die Schweine aus Holland kommen? Außerdem sitzen in der Umgebung von Tönnies die größten Schweinemäster der Republik. Den Tieren geht es bei uns besser. In den großen Betrieben leben die Schweine meist in Kastenställen, die zuletzt oft kritisiert wurden. Unsere Tiere haben Platz und dürfen artgerecht aufwachsen. Es macht schon einen Unterschied, ob ein Schwein weniger als einen Quadratmeter Fläche bekommt, oder ob wie bei uns 21 Tiere Auslauf auf 15.000 Quadratmeter haben.

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Ist ihr Weg für die breite Masse möglich?

Finsterwalder: Ich behaupte ja. Lieber halb so viel, dafür dreimal so gut. Es wird einfach vom Verbraucher sehr viel weggeworfen. Ein Kilo Fleisch für 2,90 Euro hat eben keinen Wert. Aber dafür ist auch ein Tier gestorben. Hinzu kommt: Es muss nicht jeden Tag Fleisch gegessen werden. Unser Fleisch ist hochwertiger, da braucht man einfach weniger. Und muss es immer Filet sein? Es gibt noch andere Fleischteile, die ich selbst auch sehr gerne esse. Man muss nur wissen, wie man es zubereitet. Es ist aus meiner Sicht eher eine Frage der Haltung: In anderen Ländern wird anders gekocht und konsumiert. Wir haben die billigsten Fleischpreise in Europa und sind mit das reichste Land in Europa.

Nach dem Skandal bei Tönnies – wird sich an der Fleischproduktion insgesamt etwas ändern?

Finsterwalder:  Wir stellen sehr viel Nachfrage fest und spüren ein Umdenken. Corona hat das deutlich beschleunigt. Zwar ist der Bioanteil insgesamt in der Lebensmittelproduktion immer noch lächerlich klein. Doch die Bilder in den Medien von Schlachthöfen sind schon grausig. Die Skandale in der Schlachtindustrie häufen sich: In manchen Fällen sind sogar Menschen gestorben. Ich denke, dass es sich gar nicht vermeiden lässt, dass sich nun etwas ändert.

Was ist Ihre Erwartung an die Politik?

Finsterwalder: Ich nehme wahr, dass unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden. Eine Gleichbehandlung von Fleischindustrie und kleinen Metzgereien ist aus meiner Sicht am wichtigsten. Für uns hat Corona beispielsweise nicht sehr viel verändert in Hinblick auf Hygienestandards. Geputzt wird bei uns ohnehin sehr viel, mehrere Stunden am Tag. An unserer Theke haben wir einen unsichtbaren Luftschleier, der für mehr Hygiene zwischen Kunde und Verkäufer sorgt. Etwa wenn jemand niest. Der war auch schon vor Corona installiert. Auch einen Mundschutz haben wir in der Schlachterei schon vor Corona getragen.

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Sie hatten auch das Tierwohl angesprochen...

Finsterwalder: Ja. Warum spielt das keine Rolle? Einer unserer Gründer, Karl Ludwig Schweisfurt, kam übrigens aus dem konventionellen System. Er war der Inhaber von Herta, damals der größte Fleischproduzent in Europa. Nachdem er Herta verkauft hatte, wurde er ein Vorreiter in der Bio-Szene. Er kannte also beide Welten, und entschied sich für einen anderen Weg.

Wie sind Sie als Architekt ausgerechnet in die Fleischbranche gekommen?

Finsterwalder: Wir haben eine Landwirtschaft in der Familie, daher bin ich kein völliger Quereinsteiger. Ich selbst koche gerne, und wir haben früher schon Hausschlachtungen gemacht. Die Nachfrage kam, und so haben wir uns dazu entschieden, das Projekt zu starten. Hinzu kommt: Es ist ein altes Handwerk, das auszusterben droht.

Wieviel Handwerk steckt in dem Beruf?

Finsterwalder: Man unterschätzt, wie viel Wissen und Anspruch dahinter steckt. Unser Metzgermeister ist ein ganz erfahrener Profi. Es macht schon einen Unterschied, ob man mit ungelernten Kräften am Fließband produziert oder wie bei uns in sogenannte Warmfleischproduktion arbeitet. Dabei wird direkt nach dem Schlachten weiterverarbeitet, und man muss sich wirklich auskennen. Wir haben Fachkräfte, die bei einer schimmelgereiften Salami die Prozesse erklären können. Dieses Wissen und die Fertigkeiten möchten wir bewahren. Daher bilden wir auch aus. Mit Erfolg: Unsere Auszubildende wurde Jahrgangsbeste der Innung.

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