Mittendrin wohnen, ganz inklusiv: Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ macht es möglich

Gemeinsam leben, lernen und arbeiten, so wie hier in einer Einrichtung des Katholischen Jugendsozialwerks: Für Menschen mit Hilfebedarf ist das besonders schwer. Die OVB-Aktion unterstützt zwei inklusive Wohnprojekte. kjsw

Jetzt packt eine ganze Region an: Bei der Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ wird gemeinsam wieder Großes bewegt. Es geht um zwei außergewöhnliche inklusive Wohngemeinschaften. Jakob Brummer, Leiter der Fachstelle Inklusion im Rosenheimer Landratsamt, ist begeistert von den Projekten.

Rosenheim/Mühldorf – Die Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ ist heuer zwei außergewöhnlichen inklusiven Wohngemeinschaften in der Region gewidmet. Was sagen die Experten zu den Projekten? Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit Jakob Brummer, Leiter der Fachstelle Inklusion im Rosenheimer Landratsamt.

Herr Brummer, was ist zu tun, damit Menschen mit und ohne Beeinträchtigung miteinander in Kontakt sind?

Jakob Brummer: Im Prinzip ist es einfach: Menschen mit und ohne Behinderungen nehmen einander wahr, gehen auf einander zu. Es braucht mehr als nur Toleranz. Es braucht Respekt, Wertschätzung und Neugier, um sich wirklich zu begegnen und „miteinander“ was zu unternehmen. Und es braucht Zeit. Aber woher die Zeit nehmen, wenn viele von uns sogar in der Freizeit „gestresst“ sind? Also ist es mit dem Kontakt doch nicht so ganz einfach.

Jakob Brummer, Leiter der Fachstelle Inklusion im Landratsamt.

Inklusion am Arbeitsplatz: Den Menschen etwas zutrauen Gibt es in der Arbeit Möglichkeiten der Begegnung?

Brummer: Ja, das gibt es. Erst kürzlich haben wir eine Exkursion mit Arbeitgebern nach Prien gemacht. Wir begegneten unter anderem Firmen wie dem Pflegedienst Mayer-Reif-Scheck, der Prien Marketing GmbH, dem Laurentiushof Bernau und der Klinik Sonnenbichl Aschau, der Fair Job gGmbH der Stiftung Attl und den Caritas-Wendelstein-Werkstätten mit Außenarbeitsplätzen an Firmenstandorten in der Region – alles Firmen, die in vorbildlicher Weise Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Das ist aber nur möglich, wenn man Menschen mit Behinderungen etwas zutraut und wenn es im Betrieb einen „Teamgeist“ gibt.

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Wie ist es im Freizeitbereich? Gibt es Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung, dass sie auch mit nicht behinderten Menschen zusammen sind, etwa beim Sport?

Brummer: Es gibt einige wenige Sport- oder Kulturvereine, die sich bewusst der Inklusion geöffnet haben, zum Beispiel der BRSV Rosenheim, der SB DJK Rosenheim mit seiner Handicap-Abteilung, der Inntalstützpunkt e.V. mit Kletter- und alpinem Freizeitsport und der Segelclub Prien. Aber es müsste noch viel mehr Angebote geben. In unserer Arbeitsgruppe „Inklusion in Vereinen“ wurde vielfach berichtet, wie schwer sich Menschen mit Behinderungen tun, sich an die örtlichen Vereine zu wenden. Es gibt Tabus auf beiden Seiten.

Wie kann man diese Tabus brechen?

Brummer: Indem man es zum Beispiel so macht wie die Rosenheim Rebels. Die American Footballer haben sich vor kurzem der Inklusion geöffnet. Zwei ehrenamtliche Helfer mit Behinderungen unterstützen das Football-Team und sind im Vereinsleben mittendrin dabei. Das Katholische Jugendsozialwerk (KJSW) mit seiner Offenen Behindertenarbeit (OBA) begleitet die Inklusion bei den Rosenheim Rebels.

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Wie leben und wohnen Menschen mit Behinderung im Landkreis Rosenheim? Sind sie bei Angehörigen untergebracht oder wohnen sie in speziellen Wohnheimen?

Brummer: Die meisten Menschen mit Behinderungen leben viele Jahre lang zu Hause in ihren Familien. Sich als Erwachsener „abzunabeln“ und ein selbstbestimmtes und inklusives Leben mitten im Gemeinwesen zu führen, ist schwer. Es gibt hervorragende Wohnheime, aber oft nicht im unmittelbaren sozialen Umfeld der Betroffenen. Es bräuchte mehr behindertengerechte und bezahlbare Wohnungen, kleine WGs oder familienähnliche Wohngruppen.

„Inklusionspaten„ und Profis gefragt Dann sind die zwei Projekte in Rosenheim und Aschau ja ein Segen für die Betroffenen...

Brummer: Absolut. Erstmals wird nun das Katholische Jugendsozialwerk eine WG gründen, in der Menschen mit und ohne Behinderung täglich zusammen leben und wohnen. In Aschau entstehen sogar zwölf Plätze für junge Erwachsene mit Hilfebedarf. Ein großer Schritt in Richtung Inklusion.

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Gibt es Wohnformen, die speziell auf jüngere Menschen mit Behinderung zugeschnitten sind?

Brummer: Eltern tun sich oft schwer, ihre erwachsenen Kinder mit Behinderungen loszulassen. Gerade auch, weil es zu wenig geeignete Wohnmöglichkeiten gibt. Junge Menschen mit Behinderungen in eine WG verpflanzen und dann meinen, die Inklusion kommt automatisch, weil man in einer Außengruppe mitten im Dorf wohnt – das reicht nicht. Es braucht professionelle Betreuer, die als „Inklusionspaten“ und Vermittler Kontakte und Gelegenheiten zur Inklusion zwischen Bewohnern, Nachbarschaft und dörflicher Gemeinschaft schaffen.

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Solche Profis sind bei den zwei OVB-Aktions-WGs doch fest eingeplant.

Brummer: Genau. Deshalb wünsche ich uns allen, dass die ambitionierten Wohnprojekte des KJSW und des Vereins Benedetto-Menni-Nest e.V. bald verwirklicht werden. Da kommen wir im Bereich des Wohnens einen großen Schritt voran.

Eigentlich schade, dass solche Projekte ohne Spenden kaum zu stemmen sind...

Brummer: Ja. Man würde sich wünschen, dass es bei inklusiven Wohnformen bereits im Planungsstadium, bei der Projektentwicklung und in der Umsetzungsphase eine umfangreiche und engmaschige Beratung und staatliche Projektfördermittel gibt. Selbst große Einrichtungen der Behindertenhilfe stehen bei neuen Projekten vor großen Herausforderungen. Vorreiter sind oftmals Eltern-Initiativen, denen aber das Know-how, der finanzielle Background und ein hauptamtlicher Projektentwickler fehlen. Gäbe es nicht bundesweite Stiftungen wie die Aktion Mensch oder die in der Region beispielhafte OVB-Weihnachtsaktion, wäre es um innovative und inklusive Wohnformen schlecht bestellt.

Also...

Brummer: Also ist mein Wunsch an die OVB-Leser: Macht mit und engagiert euch, finanziell und persönlich! Unterstützt das Katholische Jugendsozialwerk und das Benedetto-Menni-Nest, macht euch stark für Inklusion von Anfang an: im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Freizeit. Wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Handicaps sich täglich begegnen, gibt es weniger Tabus, Berührungsängste und Wegschauen. Menschen mit Behinderungen wären dann mittendrin. Das ist noch visionär, aber wir kommen Schritt für Schritt voran.

Interview: Dr. Gabriele Riffert

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