Urteil am Landgericht Traunstein

Mit einem Koffer voll Kokain auf Weltreise: Priener Renter (80) muss drei Jahre in Haft

Vier Kilo Kokain im Gepäck: Wie der 80-Jährige damit an den Flughäfen durch die Kontrollen kam, blieb vor Gericht unbeantwortet.
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Vier Kilo Kokain im Gepäck: Wie der 80-Jährige damit an den Flughäfen durch die Kontrollen kam, blieb vor Gericht unbeantwortet.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Der Wunsch, seine schmale Rente aufzubessern, endete für einen 80-jährigen Rentner jetzt hinter Gittern: Ein Traunsteiner Gericht verurteilte den gebürtigen Priener am Dienstagnachmittag unter anderem wegen der Einfuhr von Betäubungsmitteln zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Traunstein/Rosenheim – Unbekannte, vermutlich aus einer Nigeria-Connection, legten einen 80-jährigen gebürtigen Priener mit kleiner Rente rein. Für einen „Anwalt Campell aus den USA“, der sich über eine Spamseite im Internet an ihn wandte, sollte er „Immobilienpapiere“ von Südamerika nach Hongkong transportieren.

Das Ganze endete in einem Fiasko. Der rüstige Handwerksmeister landete in Untersuchungshaft, nachdem bei ihm vier Kilogramm Kokain sichergestellt wurden. Die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqeline Aßbichler verhängte gestern drei Jahre Freiheitsstrafe wegen Einfuhr von und Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie eines Waffendelikts.

Trolley im Keller gebunkert

Gemäß Anklage von Staatsanwalt Martin Unterreiner hatte der 80-Jährige von Brasilien kommend das Kokain auf unbekanntem Weg in die Bundesrepublik geschmuggelt und im Keller seines Hauses gebunkert. Die Polizei fand das Rauschgift, verstaut in acht Paketen in einem Trolley, bei einer Durchsuchung am 26. November 2019. Griffbereit lagen eine Schreckschusspistole, ein Teleskopschlagstock und ein Samuraischwert.

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Um seine schmale Rente aufzubessern, suchte er im Internet nach Möglichkeiten, wie Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim gestern erklärte. Dabei geriet der Angeklagte an einen „Rechtsanwalt Campell“, der für Immobiliengeschäfte einen „Kurier für den Dokumententransfer“ benötigte. Der „Anwalt“ behauptete, ein professioneller Kurier wäre zu teuer.

Von München über Zürich nach Sao Paulo

Im August 2019 flog der Angeklagte von München über Zürich nach Brasilien. In Sao Paulo erhielt er einen Trolley sowie eine Aktentasche, in der er die „wichtigen Papiere“ wähnte. Der 80-Jährige betonte gestern, er habe die Dokumente mehrmals gesehen. Bei seinen Reisen auch nach Hongkong, Zürich, Frankfurt und Amsterdam sei er Mail- und SMS-Anweisungen gefolgt: „Ich habe immer das getan, was die angeschafft haben.“ Hin und wieder habe er Geld für Spesen bekommen. „Einmal waren es 1000 Dollar. Das Hotel hat für zwei Tage 660 Dollar gekostet, eine Taxifahrt 180 Dollar. Letztlich konnte ich mir nicht mal mehr eine Brotzeit kaufen“, sagte der Angeklagte vor Gericht.

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Die Krux bei der Geschichte war nach Angaben des Seniors: Er wurde das Gepäck nicht mehr los. „Es klebte wie eine Zecke an mir“, schilderte er. In Hongkong habe jemand in seinem Zimmer den Koffer abgeholt. Als er abreisen wollte, sei das Teil wieder an der Rezeption gestanden. Die Kontaktleute hätten ihm mehrmals versichert, es stecke nichts Kriminelles dahinter. Nach Streit mit einem „Lotsen“ sei er heimgekehrt.

Der 80-Jährige fuhr fort: „An Kokain habe ich nicht im Traum gedacht. Wenn ich von etwas Illegalem gewusst hätte, hätte ich den Koffer weggeworfen.“ „Mein Mandant wurde ganz böse ausgenutzt. Ein alter Mann wurde geködert mit Geld, das er wegen der kleinen Rente gebraucht hat“, unterstrich Verteidiger Harald Baumgärtl. Die Sorge um den Vater wegen der anstrengenden Reisen bewog schließlich dessen Familie, die Polizei einzuschalten.

Auf Spam-Mails geantwortet

Ein Zeuge des Bayerischen Landeskriminalamts berichtete, der 80-Jährige habe „Tausende von Spam-Mails“ auf dem Handy gehabt und oft geantwortet. Die Reisen, darunter zweimal nach Südamerika, seien von Nigeria aus gebucht worden. Auch eine obskure Bank dort spiele eine Rolle. Dem Senior seien von „Rechtsanwalt Campell“ Millionen von Dollar in Aussicht gestellt worden. Der Angeklagte sprach gestern von lediglich 3000 Dollar versprochenem Kurierlohn. Eine Schöffin fragte: „Wie kommt man mit vier Kilogramm Kokain durch mehrere Flughafenkontrollen?“ Eine zufriedenstellende Antwort konnte niemand geben.

Sachverständiger sieht keinerlei Suchtprobleme

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem intelligenten, vitalen 80-Jährigen volle Schuldfähigkeit und keinerlei Suchtprobleme. Tatmotiv könne der Verlust einer angesparten Altersvorsorge durch Betrüger sein, so der Gutachter.

Der Sachverhalt der Anklage stehe fest, führte Staatsanwalt Martin Unterreiner im Plädoyer auf eine Freiheitsstrafe von drei Jahren zehn Monaten aus. Auf der Suche nach einem Zuverdienst sei der Senior an die falschen Leute geraten – an wen, wisse man nicht. „Dass irgendetwas an der Sache zum Himmel stinkt, hat der Angeklagte gewusst“, argumentierte Unterreiner. Der 80-Jährige habe bedingt vorsätzlich gehandelt – „mit Dollarzeichen im Auge“. Trotz positiver Aspekte scheide ein „minderschwerer Fall“ wegen der enormen Menge Kokain bester Qualität mit einem Marktwert von 1,2 Millionen Euro aus.

„Schamlos aus- und benutzt worden“

Verteidiger Harald Baumgärtl hielt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren drei Monaten wegen eines minderschweren Falls für ausreichend. Der voll geständige 80-Jährige sei „schamlos aus- und benutzt worden“. Irgendwann habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmen könne. Das sei wohl „bedingter Vorsatz, aber im untersten Bereich“. Der Angeklagte sei „keinesfalls ein normaler Drogenkurier“, sondern sei immer wieder hinters Licht geführt, wie ein Spielball hin- und her geschossen worden.

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Im Urteil hob Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler, der Angeklagte sei nicht der arme, hilflose Rentner. Er könne sich in vielem aus, sei gewandt und misstrauisch: „Und Sie vertrauen blind einem Anwalt Campell. Das glauben wir Ihnen nicht.“ Die Glocken hätten läuten müssen aufgrund der verschiedenen Ereignisse. In Sachen „minderschwerer Fall“ folge das Gericht dem Verteidiger.

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