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Vor Jugendschutzkammer Traunstein

Missbrauchte Teenagerin im Raum Rosenheim: „Jede Nacht ein Stück mehr gestorben“

Der Täter wurde für den Missbrauch seiner Stieftochter verurteilt.
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Der Täter wurde für den Missbrauch seiner Stieftochter verurteilt.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Ein 47-jähriger Mann hat sich an seiner Stieftochter bis Anfang 2019 in einer Gemeinde im südlichen Landkreis Rosenheim mindestens 150 Mal vergangen. Den Täter verurteilte die Jugendschutzkammer am Landgericht Traunstein jetzt wegen Missbrauchs zu einer Freiheitsstrafe.

Traunstein/Rosenheim – Ursprünglich lagen dem Angeklagten zusätzlich 120 Fälle des sexuellen Missbrauchs ab dem elften Lebensjahr des Kindes zur Last. Nachdem der 47-Jährige über seinen Verteidiger ein Geständnis bezüglich der späteren Taten angekündigt hatte, wurde der zeitlich erste Teil der Vorwürfe eingestellt (wir berichteten). Dadurch blieb dem bis heute beeinträchtigten Opfer, das sich nur einer Therapeutin sowie einer Freundin offenbart hatte und nach Vernehmung durch die Polizei überhaupt nichts mehr sagen wollte, gleichzeitig eine Aussage vor Gericht erspart. Die 41-jährige Mutter der inzwischen 18-Jährigen war nach ihren Angaben bei der Polizei „aus allen Wolken gefallen“, als sie von dem Verdacht gegen ihren Mann erfuhr. Sie erklärte gestern im Zeugenstand: „Ich musste erst begreifen, was passiert ist.“ Ihre Tochter habe ihr gegenüber nie etwas erwähnt. Mit dem Papa habe sich das Mädchen „gut verstanden“.

Warum sie in der Schule stark nachgelassen habe, habe die Tochter nie begründet. Die Mutter berichtete von massiven Problemen des Opfers und einem Aufenthalt in einer Spezialklinik. Inzwischen gehe es der Tochter offenbar etwas besser. Aktuell sei keine Behandlung vonnöten.

Staatsanwältin Miriam Adler plädierte gestern für den verbliebenen Teil der Vorwürfe zwischen Ende Oktober 2017 und Anfang 2019 auf eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und zwei Monaten. Das Mädchen, damals 14, 15 Jahre alt, habe die Handlungen des Stiefvaters über sich ergehen lassen – aus Angst vor Konsequenzen und beziehungsweise aus Angst, die Familie zu zerstören. „Das Opfer hat schwere Schäden davon getragen“, konstatierte die Anklägerin. Inzwischen sei die 18-Jährige etwas stabiler geworden.

Für den 50-Jährigen zu werten sei sein vorheriges vorstrafenfreies Leben, die lange Untersuchungshaft seit März 2021, die Folgen für seine mittlerweile zerrüttete Ehe und insbesondere das Geständnis. Strafschärfend seien die Auswirkungen auf die Geschädigte zu berücksichtigen, das nach eigenen Worten „innerlich jede Nacht mehr gestorben“ sei. Der Angeklagte habe sich an seiner ihm anvertrauten Stieftochter vergangen, aber auch an einem instabilen Mädchen. Die junge Frau habe „die ersten sexuellen Erfahrungen mit dem Stiefvater machen müssen“. Die Staatsanwältin wörtlich: „Er hat sie der sexuellen Selbstbestimmung beraubt.“

Verfahren mit vielen Besonderheiten

Verteidiger Peter Dürr aus Rosenheim hob heraus, das Verfahren weise viele Besonderheiten auf. Nur die beiden betroffenen Personen könnten Auskunft geben, was geschehen sei. Vor diesem Hintergrund komme dem vollumfänglichen Geständnis außerordentlicher Wert zu. Nach Überzeugung des Verteidigers war der Strafantrag der Staatsanwältin zu hoch. Der Anwalt forderte „eine angemessene Strafe“. Im „letzten Wort“ beteuerte der 50-Jährige, er sei hier, „um Verantwortung zu übernehmen“: „Wie ich das Ganze bedauere, kann ich mit Worten nicht ausdrücken.“

Im Urteil hielt Vorsitzende Richterin Heike Will fest, das von Schuldeinsicht und Reue getragene Geständnis des nicht vorgeahndeten Angeklagten sei sehr werthaltig gewesen. Eine weitere Vernehmung der Stieftochter hätte „eine extreme Belastung bedeutet“.

Opfer die Aussage erspart

Von Anfang der Ermittlungen an habe der 50-Jährige zum Ausdruck gebracht, ihr eine Aussage ersparen zu wollen. Die Tatfolgen seien nicht nur für die Geschädigte massiv, sondern auch für den Angeklagten. Seine Frau habe sich getrennt, minderjährige Kinder hätten den Vater verloren. Negative Aspekte seien die Vielzahl der Fälle über einen langen Zeitraum, das Alter des Mädchens mit anfangs erst elf Jahren, die gesteigerten Handlungen. Der Stiefvater habe das Mädchen in eine „ausweglose Situation“ gebracht. Die vier Jahre Haft seien „eine Strafe, die Ihnen eine Zukunftsperspektive lässt“, schloss Vorsitzende Richterin Heike Will.

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