Missbrauch an zwei Mädchen

Traunstein/Rosenheim - Ein 29-jähriger Physiotherapeut wurde gestern in Traunstein zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Mann, beschäftigt in einer Rosenheimer Behinderteneinrichtung, hat sich an zwei Mädchen, 13 und zehn Jahre alt, vergangen. Der 29-Jährige war bereits wegen Exhibitionismus vorbestraft und hatte an verschiedenen Arbeitsplätzen Probleme wegen "Grenzüberschreitungen".

Ins Rollen war der Fall gekommen, als sich im Herbst 2010 in der Behinderteneinrichtung ein 13-jähriges Mädchen einer Betreuerin offenbarte. Der Physiotherapeut habe sie mehrmals sexuell missbraucht. Die Einrichtung schaltete sofort die Kripo Rosenheim ein. Der Therapeut wanderte in Untersuchungshaft. Bei den Vernehmungen räumte der 29-Jährige vier Übergriffe sexueller Art in Therapieräumen an der 13-Jährigen und einen weiteren Fall mit einem zehnjährigen Mädchen ein.

Wegen einer exhibitionistischen Tat in der Bahn vor einer Zugschaffnerin war der Angeklagte im März 2009 vom Amtsgericht Rosenheim zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Vor der Jugendschutzkammer am Landgericht Traunstein erklärte er gestern, erst ganz zum Schluss habe er bemerkt, "dass es dem Mädchen nicht gut ging". Deshalb habe er von weiteren Übergriffen abgelassen. Der Therapeut bejahte, vom Alter der Kinder gewusst zu haben: "Ich hatte ihre Krankenakten zur Verfügung."

Mädchen war "durch den Wind"

Beide Geschädigte besuchen seit Jahren die Behinderteneinrichtung. Weder der Vater der 13-Jährigen noch die Mutter der Zehnjährigen hatten irgendeinen Verdacht in Richtung Missbrauch. Der Vater erfuhr erst durch den Anruf der Polizei davon. Allerdings war ihm aufgefallen, dass seine Tochter seit kurzem "durch den Wind war", zum Beispiel vergesslich wurde. Später habe ihm die 13-Jährige von den Vorfällen erzählt. Mittlerweile werde nicht mehr darüber geredet: "Ich habe den Eindruck, sie hat es relativ gut weggesteckt."

Die 47-jährige Mutter des jüngeren Opfers schilderte, ihre Tochter habe sich sehr verändert, leide unter schweren Schlafstörungen, sei sehr nervös und in ihren sprachlichen Leistungen zurückgefallen. Auch sie hatte von den Taten des Angeklagten vor dem Polizeianruf nichts geahnt. Inzwischen sei die Kleine wegen des Missbrauchs in psychologischer Behandlung. Der Sachbearbeiter der Kripo Rosenheim betonte, der 29-Jährige habe nach der Festnahme umfangreiche Angaben gemacht. Ohne Geständnis wäre die Tat an der Zehnjährigen nicht bekannt geworden.

Im Laufe seines beruflichen Lebens hatte es an verschiedenen Arbeitsplätzen mehrmals Probleme wegen "Grenzüberschreitungen" des 29-Jährigen gegenüber Patientinnen gegeben, so auch in einer Krebsklinik. Vor diesem Hintergrund hatte der Mann, dessen nie erreichter Traumberuf Heilpraktiker war, die Arbeit mit behinderten Kindern angeblich nur unter Bedenken angenommen - wegen der damit verbundenen Versuchungen. Der psychiatrische Sachverständige, Landgerichtsarzt Fredi Watzlawik, sah beim Angeklagten "Hinweise auf Reifeverzögerungen", gelangte aber zu keiner psychiatrischen Diagnose von Krankheitswert.

Staatsanwalt Dr. Christian Sattelberger forderte eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Für den Angeklagten spreche zwar sein Geständnis, der 29-Jährige habe sich aber "eine eigene Normwelt" geschaffen. Und: "Er hat nicht gesunde, sondern behinderte Kinder in einer Schutzeinrichtung missbraucht." Nebenklagevertreter Jakob Gerstmeier aus Kolbermoor merkte an: "Das Geständnis war von unglaublicher Offenheit. Auf mich wirkte es, als hätte der Angeklagte keine Scham."

Der Verteidiger, Axel Kampf aus Rosenheim, versuchte, die Argumente des Staatsanwalts zu entkräften. Die Existenz des 29-Jährigen stehe vor dem Aus. Drei Jahre Freiheitsstrafe seien ausreichend. Sein Mandant erkläre sich bereit zu einer Therapie und wolle im Gefängnis einen Schulabschluss erwerben. Im "letzten Wort" zeigte sich der 29-Jährige "zutiefst bestürzt" über die Folgen seiner Taten: "Wenn ich das Ganze ändern könnte, würde ich es tun."

Im Urteil verwies der Vorsitzende Richter Ulrich Becker auf eine Steigerung der Taten an der 13-Jährigen. Weil das Mädchen über Schmerzen klagte, stoppte der Angeklagte im Oktober 2010 den Missbrauch. Bei der Gesamtwertung sei "das Geständnis schon im Vorstadium" zu berücksichtigen, das beiden Kindern Vernehmungen erspart habe. Der Angeklagte habe sein Unrecht eingesehen. Andererseits liege eine einschlägige Vorstrafe vor. Ein entscheidendes Kriterium sei gewesen: "Er hat sich einen eigenen Verhaltenskodex zurecht gebastelt. Solange die Mädchen nicht sagen, bis hierher und nicht weiter, fährt er fort", so Becker. Der 29-Jährige werde in seinem Beruf in Deutschland nicht mehr arbeiten können. Das Urteil wurde umgehend rechtskräftig.

kd/Oberbayerisches Volksblatt

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