75 Minuten im Gletscher gefangen

In diese Gletscherspalte war die 15-Jährige gestürzt. Österreichische Bergretter konnten sie aus ihrer gefährlichen Lage befreien. Foto BERGRETTUNG HALLSTATT
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In diese Gletscherspalte war die 15-Jährige gestürzt. Österreichische Bergretter konnten sie aus ihrer gefährlichen Lage befreien. Foto BERGRETTUNG HALLSTATT

"Auf einmal war da nur noch ein Loch im Schnee. " Auch zwei Tage nach dem Unglück auf dem Hallstätter Gletscher ist dem Vater einer 15-jährigen Kolbermoorerin der Schock nach anzumerken.

Seine Tochter war bei einem Ausflug eingebrochen und acht Meter tief in eine Gletscherspalte gefallen. Retter konnten das Mädchen aus seiner gefährlichen Lage befreien. Sie erlitt nur leichte Verletzungen.

Hallstatt/Kolbermoor - Der Kolbermoorer und seine Tochter waren Teilnehmer einer neunköpfigen Gruppe des Skiclubs Aising-Pang, die zu einer "Kindertour" ins Dachsteingebirge aufgebrochen war. Im Vereinsprogramm ist der Ausflug mit den Stichworten "Lifthilfe, leichte Klettersteige und Gletscher" charakterisiert. Am Freitag hatte die Gruppe zunächst problemlos einen Klettersteig absolviert. Um zur Unterkunft, der Seethalerhütte auf 2741 Metern Höhe zu gelangen, mussten die vier Erwachsenen und fünf Kinder unter der Führung eines erfahrenen Übungsleiters am späten Nachmittag den Weg über den Hallstätter Gletscher nehmen. Auf dem Gletscher ist eine sichere Route markiert. "Wir haben den Kinder eingeschärft, auf dem gekennzeichneten Weg zu bleiben", so der Vater. Die vier Erwachsenen gingen voraus. Plötzlich waren Rufe zu hören. Als der Kolbermoorer sich umdrehte, war seine Tochter verschwunden. Offenbar hatte sie den Weg zur Hütte abkürzen wollen und den gekennzeichneten Pfad verlassen. Sie war nur wenige Meter weit gekommen, bevor nur 200 Meter von der Hütte entfernt die Schneedecke unter ihr nachgab. Dort, wo sie gestanden hatte, klaffte nur noch ein kleines Loch im Schnee.

Das Mädchen war in eine schmale Gletscherspalte gestürzt. Die nach unten schmäler werdende Öffnung bremste den Sturz ab, zwängte die 15-Jährige aber acht Meter unter der Oberfläche im Eis ein.

Der Vater alarmierte die Einsatzkräfte. Die Gruppe warf dem Mädchen ein Seil zu, an dem sie sich zunächst festhalten konnte.

Zwei Bergretter aus Hallstatt, Michael Gruber und Dieter Eder, die privat eine Tour in der Dachsteinsüdwand geklettert waren, eilten gemeinsam mit dem Wirt der Seethalerhütte zum Unfallort. Ein Glück für die junge Kolbermoorerin: Sie trug einen Rucksack. Er verhinderte, dass sie noch tiefer in die Spalte rutschte. "Außerdem hatte er eine isolierende Wirkung: Durch die Wärme des Körpers schmilzt das Eis um einen herum immer weiter - und man rutscht tiefer und tiefer. Der Rucksack hat den Einschmelzprozess am Rücken verhindert", erklärt Gruber, der auch Polizeibergführer ist.

Was nun folgte, war auch für einen erfahrenen Bergretter wie Gruber kein Routineeinsatz: Am Seil ließ er sich zu der 15-Jährigen hinab, die bereits etwa eine Stunde in dem dunklen kalten Spalt klemmte. "Sie war vom Schmelzwasser komplett durchnässt. Hat am ganzen Leib gezittert vor Kälte", berichtet Gruber. Dazu kam die Panik. Eingeklemmt in einer Gletscherspalte fällt das Atmen schwer, durch die Angst fehlt einem weitere Luft. "Das kann man nicht lange aushalten. Irgendwann droht man zu ersticken", so der Retter. Er sicherte unter großer Mühe die 15-Jährige, befreite sie von ihrem Rucksack und ließ sie von den anderen Helfern mit Hilfe eines herbeigeschafften Dreibeins, eines speziellen Gletscherspaltenrettungsgeräts, an die Oberfläche ziehen.

75 Minuten

im Eis gefangen

Rund 75 Minuten war die jungen Kolbermoorerin im Eis gefangen, wie die Landespolizeidirektion Oberösterreich mitteilte. Sie wurde mit Abschürfungen und Prellungen am ganzen Körper sowie einer Unterkühlung mit dem Rettungshubschrauber in die Kinderklinik Salzburg geflogen. Dass die Sache so glimpflich ausging, ist für Gruber keine Selbstverständlichkeit: "Es ist meist so, dass sehr viele unglückliche Umstände aufeinander treffen und in eine Katastrophe führen. Hier war es genau andersherum. Das Mädchen hat Riesenglück gehabt."

Auch wenn die Jugendliche ohne größere Verletzungen davongekommen ist, der Schock sitzt tief - bei ihr und ihrem Vater. "Wir müssen erst mal schauen, wie wir das alles verarbeiten", so der Vater gegenüber den OVB-Heimatzeitungen: "Es war eine traumatische Erfahrung."

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