"Nur zwei Stunden später wäre es vermutlich zu spät gewesen" - eine Mutter schildert ihre Erfahrungen mit Meningokokken

Birgit Augé: Ihre Tochter Leonie erkrankte im Alter von vier Monaten an Meningokokken-Sepsis
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Birgit Augé: Ihre Tochter Leonie erkrankte im Alter von vier Monaten an Meningokokken-Sepsis
  • Klaus Kuhn
    vonKlaus Kuhn
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Die Häufung an Meningokokken-Fällen im Kreis Ebersberg hat das Rosenheimer Gesundheitsamt auf den Plan gerufen. Die Behörde sieht zwar noch keinen Grund dafür, eine Impfaktion ins Leben zu rufen, rät aber Personen, die im Nachbarlandkreis arbeiten, über die präventive Maßnahmen nachzudenken.

Ebersberg/Rosenheim – Eine lebensbedrohliche Variante der Meningokokken tritt heuer verstärkt in Oberbayern auf. Sechs Fälle wurden bislang gezählt. Der Schwerpunkt liegt im Rosenheimer Nachbarlandkreis Ebersberg. Dort gab es in den vergangenen Wochen vier Fälle von Meningokokken C, drei davon mit schweren Krankheisverläufen.

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Krankheit wird mit Tröpfchen-Infektion übertragen

Die Krankheitserreger, die per Tröpfcheninfektion übertragen werden, können zu einer Hirnhautentzündung oder Blutvergiftung führen. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) rät deshalb bayernweit, den Impfschutz von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu überprüfen und gegebenenfalls nachzuholen.

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Impfung gegen Typ C ist möglich

Das Staatliche Gesundheitsamt Ebersberg bietet im Süden des Landkreises, wo die Infektionen bislang aufgetreten sind, eine unentgeltliche Impfaktion für alle 15- bis 24-Jährigen an. Zielgruppe sind alle Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren, die in Aßling, Baiern, Bruck, Ebersberg, Egmating, Emmering, Frauenneuharting, Glonn, Grafing, Kirchseeon, Moosach, Oberpframmern, Steinhöring und Hohenlinden gemeldet sind.

Die Impfung gegen Meningokokken C gehört seit 2006 zu den von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen für alle Kinder im zweiten Lebensjahr. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen hierfür sowie für Nachholimpfungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr die Kosten. Bei Personen über 18 Jahren hängt die Erstattung vom Grund der Impfung ab. Eine Liste zur Kostenerstattung beim Impfungen gibt es beim Centrum für Reisemedizin.

„Erfahrungsgemäß gibt es zwei Krankheitsgipfel“, sagt dazu Dr. Hierl. Die meisten Erkrankungen träten in der Altersgruppe der Ein- bis Zweijährigen auf sowie im Alter zwischen 15 und 19 Jahren.

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Region Rosenheim bislang nicht betroffen

Auch das Staatliche Gesundheitsamt Rosenheim verfolgt die Entwicklung aufmerksam. „Wir unterstützen die Kollegen in Ebersberg und führen gemeinsam Impfungen durch“, wie Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Rosenheimer Gesundheitsamtes, erklärt. Krankheitsfälle gab es bislang weder in Stadt noch Landkreis Rosenheim. Darum gebe es bislang keine Notwendigkeit für eine solche Impfaktion auch im Landkreis Rosenheim, so Hierl. „Wer allerdings regelmäßig im südlichen Landkreis Ebersberg zu tun hat, weil er dort vielleicht arbeitet, dem wäre zu raten, sich impfen zu lassen“, so der Leiter des Gesundsheitsamtes.

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Das sind die Symptome einer Meningokokken-Erkrankung

Meningokokken-Erkrankungen können dem LGL zufolge innerhalb von Stunden lebensbedrohlich werden. Experten zufolge zählt dann tatsächlich jede Minute. Gefährdet sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) vor allem Kleinkinder und Jugendliche. Typisch für eine Meningokokken-Infektion ist ein sehr schneller Krankheitsbeginn mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen, Nackensteife, Übelkeit und Erbrechen. Bei etwa jedem zweiten Betroffenen treten punktförmige Blutungen unter der Haut auf. Auch eine Meningokokken-Meningitis beginnt meist ohne Vorankündigung mit plötzlichem hohem Fieber, Schüttelfrost, Gelenk- und Muskelschmerzen, Erbrechen, Nackensteife und Bewusstseinsstörungen. Es wird sogar empfohlen, dass Personen, die mit Erkranken engen Kontakt hatten, mit Antibiotoka vorbeugend behandelt werden. 

Birgit Augé schildert ihre Erfahrungen mit Meningokokken

Dem schnellen Beginn der Therapie hat es Birgit Augé (46) aus München zu verdanken, dass ihre vier Monate alte Tochter eine schwere Meningokokken-Sepsis überlebte. Mittlerweile geht es der heute 15-Jährigen gut. Sie hatte Glück im Unglück und trug keine Folgeschäden davon. Trotzdem ist es ihrer Mutter ein Anliegen, über die Erkrankung und die Schutzmöglichkeiten zu sprechen, damit kein Elternteil erleben muss, was sie durchgemacht hat.

Frau Augé, welche Symptome hatte Ihre Tochter?

Nach einem ganz normalen Tag wurde Leonie in der Nacht plötzlich unruhig, zog ihre Beine an, krampfte und spuckte. Im Krankenhaus sorgte sich die Ärztin, weil es meinem Baby allgemein nicht gut ging, sie gräuliche Lippen hatte und ihre Haut wie marmoriert wirkte. Sowohl das erste als auch das zweite Blutbild ergaben jedoch keinerlei Hinweise. Erst als die Ärztin mich nach roten Pünktchen fragte, gab es eine konkrete Vermutung. Ich hatte sie für einen sommerlichen Hitzeausschlag gehalten, weil sie im Bereich der Windel lagen. Es waren jedoch bereits Einblutungen unter der Haut.

Wie wurde Leonie behandelt?

Leonie bekam sofort ein Antibiotikum - nur zwei Stunden später wäre es vermutlich zu spät gewesen. Im weiteren Verlauf hatte meine Tochter Hauteinblutungen von Kopf bis Fuß und sie erlitt einen septischen Schock mit Herz-Kreislauf-Versagen. Ihre Organe waren auch schon angegriffen. Die Ärzte mussten 24 Stunden um ihr Leben kämpfen. Die eigentliche Diagnose einer Meningokokken-Erkrankung folgte erst später. Wir waren insgesamt 14 Tage im Krankenhaus. Es dauerte mehrere Wochen, bis Leonie sich von der Meningokokken-Sepsis, der Blutvergiftung, erholte. Danach brauchte es noch Jahre, bis ihr Immunsystem wieder so stark war wie das von anderen Kindern.

Wussten Sie, dass es Schutzimpfungen gibt? War Ihre Tochter geimpft?

Ich hatte bis dahin keine Ahnung, dass es Meningokokken gibt und dass sie insbesondere für Babys gefährlich sein können. Als Leonie 2004 mit vier Monaten erkrankte, gab es erst eine Schutzimpfung, die jedoch noch nicht standardmäßig für alle Kinder empfohlen wurde. Sie kam erst zwei Jahre später in den offiziellen Impfkalender. Aber auch die hätte Leonie nicht schützen können, da es mehrere Erregergruppen gibt und die bis heute empfohlene Impfung nur gegen eine davon schützen kann. Meine Tochter erkrankte jedoch an einer anderen Meningokokken-Gruppe.

Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Leonie hatte überlebt, darüber waren wir heilfroh. Als wir erfuhren, dass nach Meningokokken-Erkrankungen Hörverlust, Schädigungen des Gehirns, Lernschwächen oder Hautvernarbungen zurückbleiben können oder in manchen Fällen Gliedmaßen amputiert werden, mussten wir dennoch schwer schlucken. Als sich später herausstellte, dass Leonie keine Folgeschäden davongetragen hat, waren wir zusätzlich erleichtert. Heute ist meine Tochter 15 Jahre alt und kerngesund. Ich hätte nicht gedacht, dass sie diese schwere Erkrankung so gut überlebt hat, geschweige denn so gesund. Ich bin dankbarer geworden, für vieles.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass alle Eltern sich bei ihrem Kinder- und Jugendarzt informieren. Heutzutage gibt es Impfungen gegen die fünf häufigsten Meningokokken-Gruppen in Deutschland. Ich bitte wirklich jeden, sein Kind bestmöglich schützen zu lassen. Weil diese Erkrankung, so selten sie auch sein mag, so schwere Folgen bis hin zum Tod haben kann.

Weitere Informationen zur Schutzimpfungen gegen Meningokokken gibt es unter www.meningitis-bewegt.de.

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