Auf dem Weg in die Massenproduktion: Der „Nachhälter“ aus Wasserburg macht Karriere

Kurz vor der Entscheidung der Jury in der Pro-Sieben-Sendung „Das Ding des Jahres“, moderiert von Schauspielerin Janin Ullmann (links), ist Christoph Kleber und Ehefrau Edna Kleber-Belizário aus Wasserburg die Anspannung deutlich anzusehen. Pro Sieben/Willi Wber
+
Kurz vor der Entscheidung der Jury in der Pro-Sieben-Sendung „Das Ding des Jahres“, moderiert von Schauspielerin Janin Ullmann (links), ist Christoph Kleber und Ehefrau Edna Kleber-Belizário aus Wasserburg die Anspannung deutlich anzusehen. Pro Sieben/Willi Wber
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
    schließen

Tausende Mails, Anfragen von Unternehmen aus aller Welt, Einladungen zu Talkshows: Seit feststeht, dass der „Nachhälter“ aus Wasserburg in der Pro-Sieben-Erfindershow zum „Ding des Jahres“ gewählt wurde, steht die Welt von Christoph Kleber (35) und Ehefrau Edna Kleber-Belizário (32) aus Wasserburg Kopf.

Wasserburg – Die nachhaltige Verpackung der Klebers, eine Tüte aus Zellulose, ist über Nacht berühmt geworden – ebenso wie der Laden des Erfinderehepaars am Wasserburger Marienplatz und ihre Marke „Grünkunft“.

„Wir sind überwältigt von der Resonanz“, sagt Christoph Kleber, der trotz des großen Medienechos, das seit der Sendung über die Wasserburger eingebrochen ist, den OVB-Heimatzeitungen das erste Interview am Tag nach dem erfolgreichen Finale gab.

Innen bio, außen bio: die Tüte, die aus Holzresten entsteht

Die Pro-Sieben-Sendung, produziert von Stefan Raab, hat der Erfindung der Klebers einen gewaltigen Schub nach vorne gegeben. Am Montag freute sich das junge Unternehmerpaar über die 101. Vertriebsstätte, die ihre Produkte unter dem Dach der Eigenmarke Grünkunft anbietet. Das Besondere ist nicht nur der Inhalt – Bioprodukte aller Art aus fairem Handel –, sondern auch die Verpackung: der „Nachhälter“, ein Beutel aus gepressten Holzresten, der durchsichtig ist wie eine Plastiktüte, knistert wie eine Plastiktüte, sich anfühlt wie eine Plastiktüte, aber biologisch abbaubar ist – etwa auf dem Komposthaufen.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Im „Nachhälter“ können trockene Lebensmittel oder Stoffe wie Kosmetika verpackt werden – dank einer weiteren Erfindung der Klebers: der Naht. Für den Verschluss mit einem Biobaumwollfaden gibt es einen Designschutz, auch markenrechtlich haben die Klebers ihre Erfindung abgesichert.

Lesen Sie auch: Der Nachhälter aus Wasserburg gewinnt bei ProSieben-Show „Das Ding des Jahres!

Denn sie gilt als revolutionär – als eine Entwicklung, die die Welt ein Stück weit vor der Vermüllung mit Plastik retten kann. Davon ist auch die Jury der Pro-Sieben-Sendung überzeugt, die der Erfindung aus Wasserburg die Höchstpunktzahl gab. Juror Hans-Jürgen Moog, Chefeinkäufer bei REWE, zeigte sich beeindruckt. „Herr Moog ist wirklich bemüht, etwas zu verändern“, so der Eindruck der Klebers, die den Experten als engagiert und authentisch erlebten. Das gilt auch für Juror Joko Winterscheidt, der sich auf und hinter der Bühne freundlich sowie sehr interessiert an der Erfindung aus Wasserburg zeigte. Der „Nachhälter“ muss in die Massenproduktion, hatte Joko Winterscheidt schon beim Vorentscheid in der ersten Sendung gefordert.

Das könnte jetzt klappen – dank des Preisgeldes von 100 000 Euro und der Bekanntheit in ganz Deutschland. Die Klebers haben viele Anfragen aus der Wirtschaft erhalten: Produzenten von Nahrungsmitteln, Kosmetik und Textilien sowie Großhändler interessieren sich für die nachhaltige Verpackung. In Rott werden derzeit bis zu 100 000 Beutel im Monat mit Produkten gefüllt und verschlossen. Die Klebers suchen bereits nach einem weiteren Verpackungsstandort in der Region Wasserburg, um der rasant steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Den Produktionsstandort des „Nachhälters“ halten sie geheim, nur so viel verraten sie: Die Tüte ist made in Germany.

Das könnte Sie auch interessieren: „Das Ding des Jahres“ – Die Wasserburger Erfinder sagen: „Pionier zu sein ist schwierig“

Fest steht bereits: Die Drogerie Müller und der Lebensmittelhändler REWE werden die Eigenprodukte von Grünkunft– im „Nachhälter“ verschlossene Trockenprodukte wie Müsli, Nüsse oder Nudeln – bundesweit in ihre Regale aufnehmen. Die Klebers stehen außerdem in Verhandlungen mit Firmen, die bei der Verpackung ihrer Produkte auf die Folie aus Wasserburg umsteigen wollen. In fünf Jahren, so der Wunsch von Christoph Kleber, könnte die Hälfte aller Plastikverpackungen für trockene Lebensmittel und Waren durch den „Nachhälter“ ersetzt worden sein. Noch ist die Tüte aus gepressten Holzresten etwas teurer als die normale Plastikverpackung. „Jetzt kommt es auch auf den Verbraucher an, ob er bereit ist, für im Nachhälter verpackte Produkte etwas mehr zu zahlen“, sagt Kleber.

Der Hype, den „Das Ding des Jahres“ ausgelöst hat, freut das Ehepaar („eine tolle kostenlose Werbung“) – auch angesichts der Tatsache, dass hinter ihm schwierige Jahre liegen. „Pionier zu sein, ist nicht einfach. Du brauchst einen extrem langen Atem“, sagt Edna Kleber-Belizário. Von der Idee bis zum Produkt dauerte es drei Jahre – voller Hochs und Tiefs. „Aufgeben war nie eine Option“, sagt Christoph Kleber, doch auch er berichtet vom anstrengenden Experimentieren und Testen – meist daheim am Küchentisch.

Anfangs war es nach Angaben der Klebers außerdem schwierig, Handel und Produzenten für die plastikfreie Verpackung zu überzeugen. Aufgrund der zögerlichen Resonanz entschlossen sich die Wasserburger, ihren Nachhälter im eigenen Laden bekannt zu machen. Das Grünkunft-Geschäft am Marienplatz entstand. Es ist die Geburtsstätte der plastikfreien Verpackung made in Wasserburg. Hier gab es die ersten Müslis, Nudeln und Trockenfrüchte, die in der biologisch abbaubaren Tüte mit der speziellen Baumwollnaht über die Ladentheke gingen.

In Wasserburg könnte deshalb die Wiege einer neuen, plastikfreien Verpackungszeit stehen.

Kommentare