Märchenbücher und Lügenmärchen

OVB
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In mittelalterlichen Meisterwerken blättern, wie hier Sean Connery im Film "Der Name der Rose" - für Liebhaber ein Hochgenuss. Wer im Kauf von teuren Büchern aber nur auf Profit aus ist, sollte lieber die Finger davon lassen.

Abzocke mit E-Mails und Rückruf-Tricks, nutzlosen Registereinträgen, leeren Gewinnversprechen oder Bergen von Werbe-Zündholzschachteln: Daran hat man sich im Raum Rosenheim fast schon gewöhnt. Neu ist hingegen die Masche, auf die zahlreiche Käufer von teuren Chroniken, Märchenbüchern oder Bibeln hereingefallen sind. Bei den Werken handele es sich um Wertanlagen mit traumhaften Renditen, wurde ihnen erzählt. Aber das war gelogen.

Rosenheim/Landkreis - Auch im digitalen Zeitalter lässt sich mit dem gedruckten Wort oder Bild viel Geld verdienen. Die Umsatzzahlen des deutschen Einzelhandels zeigen, dass das Buch keineswegs vom Aussterben bedroht ist. Für besonders seltene und kostbare Exemplare geben Liebhaber tausende Euro aus, bei Auktionen werden sogar Rekordpreise in Millionenhöhe erzielt.

Generell gilt jedoch: Bücher sind keine Spekulationsobjekte. Sie sind bestenfalls eine ideelle Wertanlage und pure Liebhaberei. In den Verkaufsgesprächen mit ihren Kunden zeichnete eine Vertreterin aus dem Chiemgau allerdings jahrelang ein anderes Bild: Mit abenteuerlichen Lügenmärchen bewegte sie ihre Opfer erst zur Unterschrift der Kaufverträge und hielt sie dann bei Laune.

Drei exemplarische Fälle: Einer Kiefersfeldenerin drehte Frau H. einen Märchenband im Wert von 6000 Euro an. Innerhalb von zwei Jahren werde das Buch mindestens das Vierfache wert sein, so die Prognose. Ein Ehepaar aus Kolbermoor blätterte nicht nur 6000 Euro für einen vergleichbaren "Bücherschatz" hin, sondern auch noch 2200 Euro für zehn Faksimile-Bilder aus der russischen Nationalbibliothek - ebenfalls in der Hoffnung, die Werke schon bald wieder gewinnbringend verkaufen zu können. Bei einer Rimstingerin waren es sogar über 15.000 Euro für zwei Meisterwerke.

Nach der Vertragsunterzeichnung schaute die sehr seriös wirkende, gebildete und sprachgewandte "Buchanlageberaterin" immer wieder mal bei ihren Käufern vorbei und zog einen Zettel mit den aktuellen Notierungen der "Kapitalanlagen" aus der Mappe. "Das Buch, das Sie für 6000 Euro gekauft haben, steht derzeit bei 13.000 Euro", hieß es dann.

Den Weiterverkauf könne sie rasch einfädeln, sie habe Interessenten an der Angel, die extra aus Osteuropa nach Kiefersfelden, Kolbermoor oder Rimsting kommen und das Geld bar auf den Tisch legen würden. Doch zu den Treffen kam es nie.

Immer wieder platzten die Übergaben, meist in letzter Minute: Weil "Frau Marek", die Verbindungsfrau in Prag, nicht greifbar war. Weil es Probleme wegen der Bargeldeinfuhr nach Deutschland gab. Weil die Tochter von H. im Koma lag. Weil H. mit einer Gallenkolik in eine Schweizer Spezialklinik gebracht wurde. Oder weil sie dringend zur Kunstmesse nach München musste. "Sie hat gelogen, wenn sie den Mund aufmachte", sind sich die Käufer heute sicher.

Immerhin: Als der Geduldsfaden der auf ihren teuren Büchern sitzenden Leute riss und unsere Zeitung zu recherchieren begann, brach das Lügengebäude zusammen. Der Verlag, für den H. arbeitete, hatte lange nichts von den dubiosen Verkaufspraktiken mitbekommen. Als die Geschäftsleitung vor kurzem Wind davon bekam, wurde der Vertrag fristlos gekündigt. Ob die Geschichte ein straf- oder zivilrechtliches Nachspiel hat, ist noch offen. Für die "Investoren", die nun viel Geld im Bücherregal stehen haben, steht allerdings fest: "Wir wurden nicht nur belogen, sondern auch betrogen."

von Ludwig Simeth

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