Lebensabend im Ausnahmezustand: Wie Seniorenheime auf die Corona-Krise reagieren

Mit Nasen-Mundschutz und Handschuhen unterwegs: Helmut Schnur vom BRK-Altenheim Küpferling.
  • Michael Weiser
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Ein Mangel an Schutzbekleidung, Panik bei Demenzkranken und Angst vor einer Ausbreitung des Virus: Bewohner und Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Adelheid Lappy aus Rosenheim bringt es auf den Punkt: „Was Pfleger gerade bringen, ist psychische Hochleistung.“

Rosenheim - Am Telefon wird der Reporter der OVB-Heimatzeitungen Zeuge eines freudigen Ereignisses. Gregor Kumberger unterbricht das Gespräch und meldet sich kurz darauf erleichtert zurück. „Jetzt ist grad neues Desinfektionsmittel angekommen – 15 Liter.“

Der Leiter von Haus Lohholz in Kolbermomor feiert mit der Lieferung so etwas wie einen kleinen Sieg gegen den Mangel. Noch halten die Alten- und Pflegeheimen in der Region das Wichtigste vorrätig – für den Moment. Doch was ist, wenn sich Bad Feilenbach wiederholt? Was, wenn Corona in den Mauern der Einrichtung festgestellt wird?

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„Wir haben noch eine Reserve“, sagt Kumberger, „aber wir müssen sparsam damit umgehen.“ Und für den Fall der Fälle hoffe man auf den Katastrophenschutz. Und natürlich müsse man die diversen Internetanbieter im Blick haben. Sein Desinfektionsmittel hat er von einem Anbieter, der sonst Hotels beliefert.

Ein Mangel an Masken

Vor allem einen Mangel an Masken mit zertifizierten Schutzklassen stellt Ralf Schwärz vom Seniorenwohnheim Küpferling in Rosenheim fest. Bestellen ist dieser Tage Glücksspiel. Schwärz erzählt von jemandem, der in China bestellt hat. „Es hieß, die Lieferfrist betrage eine Woche. Der wartet jetzt schon vier Wochen darauf.“ Bezahlt hatte er natürlich schon. Franz Bachleitner vom Altenheim St. Konrad in Wasserburg hat eine Maske, die sonst 39 Cent koste, für 10,49 Euro angeboten gesehen. „Die Sorgen und die Ängste treiben die Preise“, sagt der Heimleiter.

Senioren trifft der Ausnahmezustand wegen Corona hart

Der Ausnahmezustand: Nirgendwo ist er spürbarer als in den Pflegeheimen. Dort leben die Menschen aus den besonders gefährdeten Altersklassen, viele mit Vorerkrankungen, und sie sitzen dort gedrängt. In normalen Zeiten zumindest.

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So etwas wie Turnen, Gedächtnistraining und Singen finde nur noch „in ganz kleinen Gruppen“ statt, sagt Karin Thanner, Pflegedienstleiterin in Haus Lohholz. „Die Bewohner sitzen weit auseinander.“ Obschon das Angebot noch weiterläuft, reagierten manche Bewohner bereits ungeduldig. „Weil die Angehörigen nicht kommen dürfen, weil sie nicht rausdürfen, auch nicht zum Einkaufen.“ Um den Bewohnern wenigstens den Anblick ihrer Lieben zu ermöglichen, lässt das Haus im Moment ein Tablet von einem Computertechniker einrichten, das Telefonate mit Bewegtbild ermöglicht.

In Wasserburg will Sibylle Schuhmacher, Inhaberin vom Innkaufhaus, den Bewohnern helfen. Sie, ihr Mann und Mitarbeiter schicken den Menschen im Altenheim St. Konrad und im Betreuungszentrum Maria Stern Briefe und Karten. Heimleiter Franz Bachleitner findet die Aktion super. Für manche Senioren sei die Verbindung zu den nächsten Angehörigen wie abgezwickt, „die letzte Lebensader versiegt“.

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Auch für die Angehörigen ist die Besuchssperre hart. In der ersten Woche habe es schon immer wieder mal Versuche gegeben, etwa vom Park aus durch die Hintertür hineinzukommen, sagt Ralf Schwärz. „Wir haben das den Menschen dann genau erklärt.“ Für die Senioren werde gesorgt, auch Geschenke könnten abgegeben werden, sie werden in Containern im Eingangsbereich gesammelt und desinifiziert. Seine Gäste lebten in einem „goldenen Käfig“.

Demenzkranke leiden besonders

Was vielen, aber nicht allen zu schaffen mache, hat Adelheid Lappy, Seniorenpastoral der Rosenheimer Stadtteilkirche am Zug, festgestellt. „Es gibt alte Menschen, für die ändert sich gar nichts. Sie leben alleine, sie sind gewohnt, alleine zu leben, sie wollen das auch, und sie vermissen nichts. Besonders schlimm sei die Situation dagegen für Menschen mit  Demenz. „Die verstehen gar nicht, was geschieht, wenn ein Pfleger mit Mundschutz auftaucht. Das verwirrt sie, das macht ihnen Angst.“

Unter besonders schweren Bedingungen arbeiten die Mitarbeiter in Seniorenheimen und im Pflegedienst. „Wir haben Mundschutz und  Handschuhe an“, sagt Ralf Schwärz, „Mitarbeiter in der Pflege tragen Kittel.“ Für die Mitarbeiter gelte: In Geschäfte nur mit Mundschutz und Handschuhen, überhaupt nur das Nötigste einkaufen. Er selbst kaufe einmal in der Woche ein, und dann auch gleich für seine 85-jährige Mutter. All das im Dienste der Senioren. „Wir sind eigentlich die Gefahr“, sagt Schwärz, „wir kommen von außen rein.“

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Gefahr und Fürsorge – gerade in der Krise müssen die Pfleger für die Senioren da sein, weiß Adelheid Lappy, mit dem, was sie „Ewigkeitsgefühl“ nennt: das Gefühl, alle Zeit der Welt für ihre Schützlinge übrig zu haben. „Was Pfleger gerade bringen, ist psychische Hochleistung.“ Schön, einfach als Geste der Anerkennung, empfindet daher Franz Bachleitner die Entscheidung der Staatsregierung, Pflegern einen Verpflegungszuschuss zu zahlen. „Wir probieren jetzt mal die Wasserburger Caterer und Gastronomen durch“, sagt Bachleitner.

Anerkennung und Aufmerksamkeit

Wenn die Krise dem Pflegeberuf mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit bescherte, dann sei das absolut zu begrüßen. Meint auch Tanja Jilge. Ihr Vater ist im Pflegeheim Novalis in Bad Aibling untergebracht. Er ist dement. Am 13. März wollten die Angehörigen ihn besuchen – an seinem Geburtstag. Doch da wurden sie schon nicht mehr reingelassen.“Man merkt, dass sich seine Situation verschlechtert hat seitdem“, sagt sie. „Ich glaube, manche würden eher Corona auf sich nehmen, als auf den Kontakt zu ihren Angehörigen zu verzichten.“ Das aber, das weiß sie, wird auch in den kommenden Wochen nicht zu vermeiden sein.

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