Landratskandidaten beziehen in Neubeuern Position: Viel Zulauf für Diskussion um Nordzulauf

Dicht gedrängt verfolgten die Besucher in der Beurer Halle die Podiumsdiskussion. Reisner
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Dicht gedrängt verfolgten die Besucher in der Beurer Halle die Podiumsdiskussion. Reisner
  • Norbert Kotter
    vonNorbert Kotter
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Sachlich, hin und wieder aber auch emotional – so haben sich die fünf Landratskandidaten bei der Podiumsdiskussion in Neubeuern zum Brenner-Nordzulauf geäußert. Buhrufe aus dem Publikum gab‘s vor allem für die Kandidatin der Grünen.

Neubeuern– „Des brauchts ned.“ Das ist die Quintessenz des Textes der offiziellen Brennernordzulauf-Hymne, die die „Neurosenheimer“ kürzlich geschrieben haben. Bei der Podiumsdiskussion mit Landratskandidaten, zu der das Bürgerforum Inntal eingeladen hatte, sangen mehrere hundert Zuhörer in der vollbesetzten Beurer Halle den Refrain so inbrünstig mit, dass die Grundstimmung im Publikum für die fünf Bewerber auf dem Podium gleich zu Beginn der Veranstaltung unschwer erkennbar war.

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Kaum hatte die Gruppe ihre Instrumente weggepackt, tauschten Otto Lederer (CSU), Dr. Ulla Zeitlmann (Bündnis 90/Die Grünen), Sepp Hofer (Freie Wähler) Alexandra Burgmaier (SPD) und Rainer Auer (Parteiunabhängige) rund zwei Stunden lang ihre Argumente aus – souverän moderiert von Florian Schrei. Letztlich wurden an diesem Abend viele Zahlen in den Raum gestellt und ebenso viele angezweifelt, altbekannte Positionen wiederholt und mehr als eine Gemeinsamkeit bei allen Kandidaten erkennbar. Sie wollen sich im Falle ihrer Wahl mit aller Kraft gegen eine sinnlose Zerstörung der Heimat stemmen.

Lederer kontert Attacke von Auer

„Diskrepanz“. Ein Wort, das an diesem Abend öfter fiel. Nicht nur mit Blick auf die aktuelle Auslastung der bestehenden Bahnstrecke durch das Inntal. Eigene Erhebungen der Bürgerinitiative gehen von derzeit 150 Zügen pro Tag aus, die auf dieser Strecke verkehren, die Bundesregierung spricht von 200. „Das weckt Misstrauen“, konstatierte nicht nur Alexandra Burgmaier. Dass belastbares Datenmaterial die Grundlage jeder politischen Entscheidung in Sachen Brenner-Nordzulauf sein muss, war auf dem Podium ebenfalls unstrittig. Als der Stephanskirchner Bürgermeister Rainer Auer sich darüber ärgerte, dass dieselben Personen, die ein drittes und viertes Gleis durch das Inntal fordern, zu wenig für die Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene tun, und eine Neubautrasse strikt ablehnte, war dies eine Steilvorlage für einen Konter von Otto Lederer.

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Der rieb ihm die jüngsten Aussagen des Planungsbüros Vieregg-Rössler unter die Nase. Das Büro hat eine Studie erstellt, die Auer immer wieder heranzieht, wenn er seine Positionen zum Nordzulauf erläutert. Der CSU-Bewerber erinnerte ihn daran, dass die von dem Büro geforderte sechste Variante knapp 29 Kilometer Neubaustrecke im Landkreis vorsehe und vor allem für die Gemeinde Großkarolinnenfeld und die Stadt Rosenheim verheerende Auswirkungen hätte (siehe auch Berichterstattung an anderer Stelle des Lokalteils). Wenig begeistert von derlei Überlegungen zeigte sich auch Alexandra Burgmaier. „Die Planung für den Westen ist der falsche Weg. Wir dürfen das nicht tun. Das ist ein Dammbruch.“

Gegen Errichtung von Verladestationen

Auf diese Detaildiskussionen wollte sich Sepp Hofer erst gar nicht einlassen. Er setzt auf den gemeinsamen Widerstand der Bürgerinitiativen gegen eine neue Trasse und zeigte sich optimistisch. „Wir dürfen nicht zulassen, dass der ganze Landkreis umgepflügt wird. Gemeinsam bringen wir die Kuh vom Eis.“ Dass es bei all den gegensätzlichen Auffassungen dennoch nicht nur eine Gemeinsamkeit in den Reihen der Bewerber gibt, zeigte sich rasch bei einem anderen Punkt. Die Errichtung von Verladestationen im Landkreis lehnen sie unisono ab.

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War das Thema auch trocken, die Diskussion ließ dennoch Platz für Emotionen im Saal. „Scheuer, Hofreiter und Aiwanger möchten ein drittes und viertes Gleis. Jetzt bleiben zwei übrig“, sagte beispielsweise Rainer Auer. Bei diesem Versuch von Wahlwerbung sah sich Zeitlmann zum Widerspruch genötigt. Sie führte aus, ihr Parteifreund Hofreiter trete nicht für zwei neue Gleise ein. Prompt hagelte es Pfiffe und Buhrufe für die Bewerberin der Grünen aus den Reihen des Publikums. „Die Leute wissen schon noch, was der Özdemir vor ein paar Tagen gesagt hat“, erklärte ein Neubeurer auf dem Nachhauseweg die Reaktion der Zuhörer und spielte damit auf eine Veranstaltung der Grünen am vergangenen Samstag mit dem Bundestagsabgeordneten der Ökopartei in Bad Aibling an. Dort hatte Cem Özdemir, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag, den Neubau von zwei Gleisen nicht ausgeschlossen und betont, eine andere Aussage wäre nicht seriös.

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„Die Politik redet mir viel zu viel um den heißen Brei herum“, kritisierte Sepp Hofer. Moderator Florian Schrei ließ Herumgerede an diesem Abend jedenfalls nicht zu und hakte immer wieder nach. Er wollte beispielsweise genau wissen, wie sich die Bewerberinnen und Bewerber im Falle ihrer Wahl auf landes- und bundespolitischer Ebene in dieser Frage für die Belange ihrer Heimat einsetzen wollen. Hofer setzt vor allem auch auf einen engen Austausch mit Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Auer will den Finger immer wieder in die Wunde legen, Alexandra Burgmaier gab ein sehr persönliches Rezept preis. „Ich tue das, was ich am besten kann. Ekelhaft sein und immer wieder nachfragen.“ Während sie, Lederer und Ulla Zeitlmann einem eigenen Bedarfsgutachten für eine Neubaustrecke, vom Landkreis in Auftrag gegeben, wenig abgewinnen konnten, ist Auer einem solchem Papier gegenüber nicht abgeneigt.

Ziviler Ungehorsam wird angesprochen

Wie sehr den Zuhörern das Thema unter den Nägeln brennt, zeigte sich am Schluss der Veranstaltung bei einer Frage aus den Reihen der Zuhörer, wie sich die am Podium Versammelten zu „zivilem Ungehorsam“ als letzte Maßnahme zur Verhinderung einer Neubautrasse stellen. „Ich würde dagegen nicht drakonisch vorgehen“, empfahl Zeitlmann. Rainer Auer kann sich ein solches Mittel vorstellen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass ihm die Friedfertigkeit des Protestes ein ganz wichtiges Anliegen ist. Nahezu identische Einlassungen kamen von Hofer, Lederer und Burgmaier. „Ich gehe nur einen demokratischen, aber keinen populistischen Weg mit“, so die SPD-Bewerberin.

Lederer muss viele Antworten geben

Lederer, der in der abschließenden Fragerunde des Publikums die meisten Antworten geben musste, setzt vor allem weiter auf den Einfluss auf die Entscheidungsträger. Ein weiterer Punkt, bei dem es an diesem Abend keinen Dissens auf dem Podium gab. Und keinen Widerspruch, als er sich mit Blick auf die Haltung der Bundespolitik zum Nordzulauf eine Spitze nicht verkneifen konnte. „Die SPD war bei der Fortschreibung des Bundesverkehrwegeplans immer dabei. Die Grünen haben im Bundesrat darauf gedrängt.“

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