Jäger im Landkreis Rosenheim schlagen wegen Wilderern Alarm - Mehrere Rehe qualvoll verendet

Die Lage ist Ernst:Dr. Wolfgang Bachleitner, Thomas Greiner und Franz Sommer, Vorsitzender der Jägervereinigung Rosenheim, (von links) besprechen die jüngsten Funde von vermeintlichen Wildererjagden. Berger
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Die Lage ist Ernst:Dr. Wolfgang Bachleitner, Thomas Greiner und Franz Sommer, Vorsitzender der Jägervereinigung Rosenheim, (von links) besprechen die jüngsten Funde von vermeintlichen Wildererjagden. Berger
  • Silvia Mischi
    vonSilvia Mischi
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Jennerwein ist der bekannteste Wilderer Bayerns. Vielfach besungen und verfilmt. Dabei hat Wilderei nichts mit Romantik zu tun, ist kein Kavaliersdelikt und steht für Tierleid. „Wilderer sind in unseren Revieren unterwegs“, klagen die Jäger von Bad Endorf über Rimsting bis nach Prien und Bernau an.

Rimsting/Bernau/Prien/Bad Endorf – „Niederträchtig“ nennen die Jäger Dr. Wolfgang Bachleitner, Thomas Greiner und Franz Sommer, Vorsitzender der Jägervereinigung Rosenheim, die illegale Jagd. Kreisrunde Löcher in Gelenken von Rehen schockieren sie aktuell.. Von Greimharting über Rimsting bis nach Bad Endorf, Osternach und Bernau reichen die Vorfälle. Die Polizei ist informiert, Anzeigen sind erstattet.

Geißen und Rehkitze schutzlos ausgeliefert

Aktuell sind die ersten Rehkitze auf die Welt gekommen. Die Mütter äßen auf den Wiesen, nahe ihres Nachwuchses. „Überhaupt sind Rehe sehr standorttreu“, so Sommer. Das wird ihnen bei der Wilderei zum Verhängnis. Und damit auch ihrem Nachwuchs. „Wer jetzt ohne Fachwissen eine Geiß erlegt, nimmt dasit billigend in Kauf, dass ihr Kitz qualvoll verendet“, so Dr. Bachleitner. Denn der Nachwuchs sei auf die Muttermilch angewiesen, fresse noch kein Gras und verhungere ohne Muttertier. „Selbst, später im Jahr, wenn es schon allein überleben könnte, fehlt ihm dann die Anleitung der Mutter, um durch den Winter zu kommen und es stirbt dann elend“, ergänzt Sommer.

Schüsse werden aus dem Auto abgegeben

Die Wilderer gehen ihren Angaben zufolge perfide vor: „Sie leuchten mit Aufblendlicht in die Wiesen und an die Waldränder. Das Wild schreckt auf, bleibt stehen und dann Peng“, beschreibt Greiner Szenen, die er schon mehrere Male verfolgen konnte. Bis die Jäger eingreifen können, haben sich die Wilderer aber aus dem Staub gemacht. Das Wild, oft nur angeschossen, rennt in den Wald und verendet. Reifenspuren weit in die Felder und Wiesen hinein zeugen von dem verbotenen Jagdverhalten. Anhand von ausgekochten Knochen aus gefundenen Kadavern können die Jäger nachvollziehen, dass wohl aus Kleinkaliberbüchsen mit 22er-Geschossen auf das Wild geschossen würde.

Nachdem es massive Vorfälle in 2019 gegeben hatte, hätten anscheinend die Wilderer nun die Saison 2020 eingeläutet. „Mir kommt die Galle hoch, wenn ich daran denke, wie unverantwortlich und respektlos die mit der Natur und dem Tier umgehen“, so Bachleitner. Die Jäger werden künftig Patrouillen gehen. Auch sei die Bevölkerung aufgerufen, etwaige Wilderer oder verdächtige Beobachten nach Schüssen direkt bei der Polizei zu melden.

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Wilderer seien auch eine Gefahr für Spaziergänger und Radfahrer. An Kuppen oder im Dämmerlicht seien diese schwer auszumachen und würden die Wilderer – wie nachweislich bei Greimharting der Fall – nicht auf einen sogenannten Kugelfang achten. Sollte das Wild verfehlt werden, rausche deshalb die Kugel ungehindert weiter. „Beispielsweise direkt auf ein Bauernhaus hin“, weiß Greiner. Denn Nachbarn hatten Schüsse gehört und sich gewundert, da in diese Richtung von den Jägern – aus Sicherheitsgründen – normalerweise nicht geschossen werde. Die Motive von Wilderen sind unterschiedlich: „Manche wollen die Trophäe, andere wildern, um billig an Wildfleisch zu kommen. Es gibt aber auch Wilderer, die einfach nur Tiere töten wollen“, wissen die drei Jäger. Ein Reh bringe – illegal geschossen – im Durchschnitt 100 Euro ein. Hier stünden auch die Wirte in der Pflicht, kein Wildbret von unbekannten Jägern anzunehmen.

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Wie massiv die nächtlichen Störungen in den umliegenden Wäldern seien, beweise Folgendes: „Die Rehe kommen nicht mehr wie sonst auf die Lichtungen raus“, so Bachleitner. Zudem auffallend: Die Fluchtdistanz der Tiere sei aktuell viel weiter als üblich. An der Ratzinger Höhe werde seit Wochen kein Wild mehr von Anwohnern gesichtet. Auch gab es schon Verfolgungsjagden auf den Waldwegen bis nach Huben, doch im Dunkel gestaltet sich das Stellen der mutmaßlichen Täter schwierig. Landwirte haben auch schon mehrfach zwei bis drei Schüsse in verschiedenen Revieren, zuletzt vermehrt in Greimharting – hintereinander vernommen. Jäger waren zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Jagd. Blutspuren, die von weggezogene Rehen stammen, haben sie schon oft gesehen. „Selbst wenn ein Wildunfall gemeldet wird, und uns die Polizei informiert, kommen wir vor Ort an und das Reh ist weg. Nicht weggelaufen, sondern anhand der Spuren eindeutig von Dieben eingesammelt“, betonen die Drei.

Wild meidet Lichtungen

In Osternach (Gemeinde Prien) gab es bis vor Kurzem eine Gruppe von sechs Rehen, die immer auf „ihre“ Lichtung kamen. „Gegen 23 Uhr hörte dort vor einigen Wochen ein Landwirt zwei Schüsse, wunderte sich und sprach mit den Jägern. Von diesen war keiner dort gewesen. Tage später tauchen bis jetzt nur noch vier Rehe auf. „Das ist auffällig“, betont Sommer.

In Zacking hat ein Landwirt einen humpelnden Rehbock gemeldet, der sich immer wieder hinlege. „Wir sind hingefahren und mussten das angeschossene Tier erlösen“, so Bachleitner. Die Liste der an Schussverletzungen verendet aufgefundenen Tieren seit Mai 2019 ist lang. Es können sogar zeitliche Zusammenhänge zu Schussmeldungen und Tage später dem Auffinden der Tiere hergestellt werden.

Kontrollen und Hilfe der Bürger gefragt

2016 habe es schon einmal in der Region ein massives Wilderer-Problem gegeben. Patrouillen hätten dann aber geholfen.

Die Polizei setzt auf die Bürger: Sie sollen verdächtige Beobachtungen melden, Kennzeichen notieren und durchgeben, aber „sich selbst nicht in gefahr bringen“. Über die 110 ist nach Angaben von Polizeihauptkommissar und Jagdsachbearbeiter von Roland Kempf die Polizei zu verständigen. Je genauer die Ortsbeschreibung sei, umso besser. „Gerade wenn ein Feld abgeleuchtet wird, ist dies verdächtig. Das macht kein Jäger“, so der Beamte.

Wissenswert: Trophäen und Autounfall

Was viele Menschen laut Polizei nicht wissen: Man darf auch Geweihe, die man im Wald findet, nicht als Trophäen mitnehmen. Wild, das nach Kollision mit Fahrzeugen tot am Straßenrand liegt, darf man ebenfalls nicht einfach in den Kofferraum seines Wagens laden. Wenn frei laufende Hunde Wild aufscheuchen und die Tiere hetzen, kann dies – je nach Fall und eingehender Prüfung – auch als Wilderei des Hundehalters gelten. Für die Aufklärung von Wilderei-Delikten sind die örtlichen Polizeibehörden zuständig. Wer verdächtige Personen bemerkt – ob als seriöser Jäger oder als Spaziergänger – sollte sich mit Beobachtungen sofort an die Polizei wenden.

Das besagt das Strafgesetzbuch

„Wer unter Verletzung desJagdrechts (…) dem Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet (…), wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“. In besonders schweren Fällen reicht die Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Dies besagt das Strafgesetzbuch, Paragraph 292. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn die Tat gewerbs- oder gewohnheitsmäßig, zur Nachtzeit, in der Schonzeit, unter Anwendung von Schlingen oder in anderer nicht weidmännischer Weise oder von mehreren mit Schusswaffen ausgerüsteten Beteiligten gemeinschaftlich begangen wird.

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