Lachen ist Leben: Michi Mehringer ist mit 16 Jahren fast gestorben und zurückgekehrt

Dieses herzliche Lachen macht ihn aus. Michi Mehringer (Mitte) mit Vater Rupert, Mutter Agnes, Großvater Johann und Bruder Rupert junior (von links). Leder
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Sein Leben erzählt von Liebe und Leidenschaft, von Leid und Auferstehung. Michael Mehringer aus Ginsham ist 20 Jahre alt. Vor vier Jahren war er auf dem Weg zu Gott und kehrte ins Leben zurück. Zwar mit großen körperlichen Einschränkungen, aber mit der Weisheit, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Von Kathrin Gerlach

Bruckmühl – Michi ist 16, als sich sein Leben von einer Sekunde auf die andere ändert. Er ist ein stattlicher Bursche. Voller Lebenskraft. Und gesegnet mit einem Humor, für den ihn Familie und Freunde vergöttern.

Sekunden, die sein Leben verändern

Am 23. April 2016 – einem Samstag – ist er mit seiner Yamaha MT 125 unterwegs. Er fährt auf dem Krankenhausweg aus Bruckmühl in Richtung Kirchdorf, will die Staatsstraße überqueren. Stoppt. Die Straße scheint frei zu sein. Er lässt die Kupplung kommen. Es ist 10.45 Uhr.

Michi wird von einem Mercedes mit voller Wucht erfasst. Er ist halb tot, als ihn Ersthelfer im Straßengraben finden. Eine Stunde lang kämpfen die Sanitäter um sein Leben. Die Eltern – nur etwa drei Kilometer entfernt – sehen den Rettungshubschrauber aufsteigen. Vater Rupert schickt ein Gebet zum Himmel. Kurz darauf erfährt er, dass es sein Sohn ist, für den er Gott um Beistand gebeten hat.

Lebensbedrohliche Verletzungen

In der Klinik in Großhadern erfahren die Eltern, wie es um Michael steht. Unter Tränen erinnert sich Mutter Agnes daran: „Beide Oberschenkel mehrfach gebrochen. Das Becken zertrümmert. Das Rückgrat auseinandergerissen. Schwere Verletzungen des Brustkorbs. Rippenbrüche. Das Herz geprellt. Der Kopf ausgehebelt. Alle Halsmuskeln abgerissen. Schädelbasisbruch. Einblutungen. Schädelhirntrauma.“

Mit einer Mund-Luft-Steuerung bedient der 20-Jährige die Tastatur seines Computers.

Ein Team aus 50 Medizinern ringt in einer stundenlangen Notoperation um das Leben des 16-Jährigen. Dass er es schafft, glauben sie nicht.

Der Glaube gibt Kraft

Die Eltern suchen Hoffnung im Glauben, gehen ins Gebet. „Das hat mich gestärkt“, sagt Agnes. „Mir wurde bewusst, dass ich darauf vertrauen kann, dass mein Sohn in Gottes Hand ist.“ Ihr Gesicht ist nass von Tränen.

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Die Erinnerung schmerzt so sehr, dass sie kaum atmen kann. Denn als die Eltern ihren Sohn an diesem Abend sehen, erkennen sie ihn kaum wieder, so zerschunden ist sein Körper: Zahlreiche Fixateure ragen aus seinen Gliedern. Über Infusionstürme fließen mehr als 50 lebenserhaltende Medikamente in seinen Körper.

Zwei Tage später vereinigen sich Gläubige im Kloster Ursberg und in Weihenlinden im Gebet. Michi wird an diesem Abend getragen von den Fürbitten hunderter Menschen. Seine Eltern betreten als letzte die Weihenlindener Wallfahrtskirche. Sie ist so voll wie sonst nie. „Das muss gehallt und geschallt haben im Himmel“, sagt Agnes Mehringer, die ihr Lachen wiedergefunden hat.

Lebendig begraben im eigenen Körper

Acht Tage später wird Michi aus dem künstlichen Koma geholt. Mehrere Operationen liegen hinter ihm. Sein linkes Bein musste amputiert werden. Er kann sich nicht mitteilen, fühlt sich „wie lebendig begraben“ in seinem Körper.

Diesen Hilfsarm steuert Michi mit seinem Kinn. Er ermöglicht es ihm, eigenständig zu greifen.

Also malen die Eltern Buchstaben auf Papier. Michi muss einmal zwinkern für ja, zweimal für nein. Handy ist das erste Wort, dass er seinem Vater zuzwinkert. Der Code ist 17-stellig. „Als Michi uns den mit seinen Augen mitteilte, wusste ich, dass mit seinem Kopf alles in Ordnung ist“, erzählt die Mutter.

Alle sind zuversichtlich – auch Michi

Bald macht er mit dem Buchstabend-Zwinker-Code die ersten Witze. Alle sind zuversichtlich. Auch Michi: „Ich dachte, dass ich nun bald aus der Klinik rausspazieren könnte“, erinnert er sich.

Er wird aus Großhadern nach Bad Aibling verlegt. Hier erfährt er, dass er querschnittgelähmt ist. „Das war grausam“, erinnert er sich. Michi will nicht mehr leben. Doch die Eltern geben ihren Sohn nicht auf. Jeden Tag sind sie bei ihm. Voller Zuversicht. Mit all ihrer Liebe. Und mit dem festen Glauben daran, dass Gott ihren Michl nicht umsonst auf die Erde zurückgesandt hat.

Geduld wird auf harte Probe gestellt

„Nach drei Wochen konnte ich wieder die ersten positiven Gedanken fassen“, sagt der Junior. Doch auf ihn warten weitere elf Monate, in denen seine Geduld auf eine harte Probe gestellt wird. Operationen und Schmerzen. Wochen im Bett. Unbeweglich.

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Im Juli 2017 kommt Michael endlich nach Hause. Nach 14 Monaten in Kliniken und 49 Operationen. Und seitdem geht er in seinem neuen Leben jeden Tag einen Schritt vorwärts.

Michi ist körperlich behindert – na und!

Michi ist jetzt körperlich behindert. Aber er lässt sich darauf nicht reduzieren. Er hat ein Bein verloren, ab dem zehnten Brustwirbel seine Beweglichkeit und auch die Gewalt über seine Arme. „Aber ich lebe, kann selbstständig atmen, husten, denken, reden und bald auch mein erstes Augustiner allein öffnen“, sagt er stolz, denn er hat alles neu erlernen müssen.

„Ich bin derselbe Michi wie vorher, nur in einem Körper, der mir nicht mehr gehorcht“, bringt er es auf den Punkt. Seine Familie und seine Freunde wissen, dass das stimmt, denn sie erleben ihn.

Der Faschingsumzug gehört zum Leben

Michi lacht unheimlich gern, am liebsten über sich selbst. „Lachen ist Leben“, sagt er. Er lässt keinen Faschingsumzug aus. Fährt als Pirat mit Holzstumpf durchs Krankenhaus. Lässt seinen Rollstuhl zum Panzer „umrüsten“ oder sich mit Theaterschminke so herrichten, dass er fast so grausam aussieht wie nach seinem schweren Unfall.

Michi nimmt sich so an, wie er ist. Er ist fast gestorben und wieder auferstanden. Weil ihn Familie und Freunde nie im Stich ließen, ihn von der Schwelle zwischen Leben und Tod zurück in ihre Mitte holten.

Was er sich vornimmt, schafft er auch

Er ist ihnen dankbar für ihre liebevolle Fürsorge. Sie waschen und lagern ihn, helfen ihm in den Rollstuhl. Sie gehen mit ihm auf Partys, sie lachen mit ihm. Und sie bauen die Vorrichtungen, die sich Michi ausdenkt, um mit dem eingeschränkten Körper so viel wie möglich allein zu schaffen. „Er ist immer noch ein Dickschädel“, sagt Vater Rupert liebevoll. Einer, der schafft, was er sich vorgenommen hat.

Und so kann Michi heute mit seiner Kinnsteuerung seinen Rollstuhl manövrieren, seinen Help-Arm steuern und mit dem Mund die Tastatur seines Computers bedienen. Genau so hat er auch sein erstes Buch geschrieben: „Seit dem Tag danach. Hallo, ich bin immer noch d e r Michi.“ Jetzt ist das Drehbuch fertig, fehlt nur noch ein Produzent.

Eine Liebeserklärung an seine Familie

Auf die Frage, warum er sein Schicksal verfilmen möchte, sagt er: „Na ich hab echt keine Lust, meine Geschichte immer wieder erzählen zu müssen.“ Alle lachen. Am lautesten Michi selbst. Wer sein Buch liest, versteht, was ein 20-jähriger Mann nicht aussprechen, aber schreiben kann: eine Liebeserklärung. An seine Eltern, seinen Bruder, die Familie und Freunde, an die Ärzte und an all die Menschen, deren Blicke ihn „mit unsagbarer Liebe treffen“ und ihn spüren lassen, dass es sich lohnt zu leben.

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