Als der Krieg für Rosenheim zu Ende ging: „Waren zu Tod froh, dass der Spuk vorbei war“

Der Tod über einer Bilderbuchlandschaft: US-amerikanische Bomber im Luftraum über Rosenheim. Insgesamt 14 Mal wurde Rosenheim bombardiert. Fotos: Stadtarchiv Rosenheim

In Feuer und Elend ging das „Dritte Reich“ 1945 zu Grunde, vor 75 Jahren zerschlugen die Alliierten Hitler-Deutschland. Trotz ihres rasanten Vorstoßes hatten die USA Sorgen: Sie fürchteten die „Alpenfestung“. Und preschten mit Vehemenz auf Rosenheim und den Inn zu. Mutige Bürger retteten die Stadt.

Rosenheim - War das Bedürfnis nach dem Trost der Kirche in diesem Frühjahr 1945 besonders groß? Man darf es vermuten. Ludwig Weinberger jedenfalls erinnerte sich Jahrzehnte später, wie er als Bub tagtäglich zur Morgenandacht in Christkönig ging. Auch am 2. Mai 1945, dem Morgen, als der Krieg nach Rosenheim kam.

Die Nacht hatten die meisten Rosenheimer in gespannter Erwartung verbracht. „Ungefähr jede Stunde ein Artillerieschuss“, das hörte Ludwig Weinberger von 1. auf 2. Mai, dann Gewehrschüsse, „aber nix Beängstigendes“, man habe sich also angezogen, um zur Morgenandacht zu gehen. Und zwar in die Unterkirche, der reguläre Kirchenraum war ja durch Bomben beschädigt worden.

US-Soldaten durchsuchen Christkönig

Die Predigt hatte gerade begonnen, als vom Kirchenraum über den Häuptern der verängstigten Gemeinde ein Getöse ertönte. Es stellte sich heraus, dass US-amerikanische Soldaten oben die Kirchentür eingedrückt und dabei ein Harmonium umgeworfen hatten. Sie hatten sich kurz umgeschaut und waren dann wieder gegangen, um versprengte Nazi-Soldaten und Parteifunktionäre zu jagen. „Wir alle, die ganze Familie, waren zu Tod froh, dass die Amerikaner da waren und dass der nationalsozialistische Spuk vorbei war“, erzählt Weinberger in einer Aufzeichnung, die das Stadtarchiv Rosenheim aufbewahrt.

Wettlauf um die Alpenfestung

Es war ein überraschend glimpfliches Ende für einen Krieg, der die halbe Erde verwüstet und insgesamt auch gut 850 Rosenheimer das Leben gekostet hatte, entweder als Soldaten in Hitlers Krieg, oder als Opfer von über einem Dutzend Bombenangriffen auf die Stadt.

Man braucht schon das Ortsschild, um zu wissen, wo man sich hier befindet: Das zerstörte Bahnhofsgelände.

Die Erleichterung war so riesig wie zuvor die Ungewissheit. Würden deutsche Streitkräfte am Innübergang Widerstand leisten und damit die geballte Zerstörungskraft der US-Armee auf Rosenheim lenken?

Die Amerikaner waren spätestens seit der Befreiung des KZ Dachau nicht mehr zur Nachsicht geneigt. Und sie hatten es eilig. Sie wollten den Wettlauf um die  „Alpenfestung“ gewinnen. Das Ziel: Die Zugänge zu den Gebirgen Oberbayerns und Tirols zu besetzen, bevor sich fanatische Gefolgsleute des NS-Regimes hinter den Gipfeln verschanzen konnten. Himmler, als Reichsführer SS, hatte schon im Frühling 1944 Vorbereitungen angeordnet.

Legende der „Alpenfestung“

Die Alliierten wussten, dass die Nazis Fabriken und Kommandostellen in den gebirgigen Südosten des Reichs verlagert hatten. So hatten KZ-Häftlinge in Mühdorf am Inn unter entsetzlichen Bedingungen eine Produktionsanlage für Messerschmitt-Jagdflugzeuge gebaut.  In Gabersee befand sich am Ende des Krieges das Oberkommando der Luftwaffe. Die Anwesen Hitlers und weiterer NS-Bonzen am Obersalzbergwaren kein Geheimnis geblieben, überhaupt betrachteten die Alliierten Oberbayern und Tirol als den eigentlichen Heimatboden der NS-Bewegung. Dort fanden sich ohnehin zahlreiche militärische Einrichungen wie die Karfreitkaserne in Brannenburg, wo zeitweise 2500 Soldaten untergebracht waren. Dass die Wehrmacht unter bestimmten Bedingungen offenbar noch immer schmerzhaft zuschlagen konnte, hatten die Amerikaner in der Ardennen-Offensive Ende 1944 erfahren müssen.

Narben des Krieges: Der zerstörte Bahnhof von Rosenheim. Noch heute werden in seiner Umgebung Blindgänger alliierter Luftangriffe gefunden.

Die Amerikaner hatten die Alpen also als letzte Zuflucht der Nazis auf der Rechnung. Und tatsächlich machten sich Geschlagene, Verzweifelte und Fanatiker auf den Weg in den Südosten des Reichs. Man müsse doch langsam überlegen, zumindest Frau und Kinder sicherheitshalber nach Tirol zu schicken, notierte Hitlers Sekretär Martin Bormann angesichts immer hoffnungsloserer Nachrichten. Andere prominente Nazis setzten sich selbst ab, etwa der glühende Antisemit Julius Streicher, der schließlich in der Nähe von Kufstein gefasst wurde.

Bloß nicht die Stadt verteidigen

Mit welchem Wahnwitz das Regime in seinem Todeskampf wütete, hatten am 29. April die Massaker in München und Penzberg nach dem misslückten Aufstand der „Freiheitsaktion Bayern“ gezeigt. Gerüchte von fanatischer Nazi-Guerilla waren schon länger umgegangen. In Penzberg hatten diese Freischärler Zivilisten ermordet.

Man konnte sich daher ausmalen, wie rücksichtslos die US-Soldaten jeden Widerstand brechen würden. Zwischen Rosenheim und Wasserburg hatte ein schwer angeschlagenes SS-Armee-Korps Stellung bezogen. Würde es kämpfen und damit die Amerikaner zum Äußersten reizen?

Angst vor sinnlosem Widerstand

In Rosenheim bangte man. Die Nachrichten waren so verworren, dass mancher fürchtete, die Russen würden am Ende eher ankommen als die westlichen Alliierten. Das Timing musste stimmen, wollte man nicht dasselbe Schicksal riskieren wie die Penzberger. Am 29. April hatte der Stadtrat beschlossen, dass die Stadt nicht verteidigt werden sollte.

Der Kampfkommandant der Stadt, Major Walter Honsalek, erhielt seine Befehle allerdings nicht vom Stadtrat, sondern aus Berlin.

Das Unheil nimmt seinen Lauf: Adolf Hitler bei einer Kundgebung 1935 in Rosenheim. Am Tag, da amerikanische Zeitungen seinen Tod vermelden, fällt Rosenheim in die Hand der US-Armee.

Es waren offenbar einige mutige Rosenheimer Bürger wie Josef Golling, Ingenieur Windisch von den Städtischen Wasserwerken, Pioniergeneral Rösinger, Brauereibesitzer Franz Steegmüller und der Fabrikant Hamberger, die mit Honsalek verhandelten - mit glücklichem Ausgang. Glücklich für sie, aber auch für die ganze Stadt: Schließlich hatten die Amerikaner bereits ein Flugzeuggeschwader vorbereitet, das im Falle von Widerstand Rosenheim, Wasserburg, Prien und weitere Orte hätte bombardieren sollen. Die Bürger konnten mit ihren Überredungskünsten sogar die Sprengung der Innbrücke verhindern, ein wichtiger Erfolg, da über die Brücke auch die Wasserversorgung der Stadt lief. Der Oberstabsarzt Theodor Drexel soll sich dabei hervorgetan haben, in dem er den mit der Sprengung betrauten Pionieroffizier von der Sinnlosigkeit des Ganzen überzeugte.

Eine Eroberung fast ohne Kämpfe

Es lief insgesamt also tatsächlich beinahe reibungslos. Am 2. Mai, gegen vier Uhr morgens, hörten die Roseneimer Motoren und das Rasseln von Panzerketten. Den ersten Tanks und Spähfahrzeugen folgte die Infanterie. Es kam nur noch zu vereinzelten Schießereien in den Straßen. Auf dem Max-Josefs-Platz, vor dem Mittertor, geriet eine Gruppe Landser unter MG-Feuer, einige wurden verwundet; an anderer Stelle wurde ein Lastwagenfahrer tödlich verwundet.

An der Innstraße eröffnete aus einem Kellerfenster ein jnger SS-Mann aus Regensburg das Feuer auf die GIs, die sich ihm über den Hof näherten. Die Amerikaner feuerten zurück, töteten den SS-Mann schließlich, als der sich zurückziehen wollte.

Explosion in Frasdorf

So lief es oft in diesen Tagen. Organisierten Widerstand gab es kaum mehr, dennoch starben noch Menschen. Am 2. Mai etwa geriet bei Frasdorf ein Munitionstransport unter Beschuss. Die Ladung explodierte, zwölf Soldaten waren auf der Stelle tot. Gefallen angeblich für Volk und Vaterland, aber ganz sicher nicht mehr für den „Führer“: Adolf Hitler hatte sich am 30. April erschossen und der Verantwortung für seine Verbrechen entzogen. An dem Tag, da die US-Truppen Rosenheim einnahmen, vermeldete die Armeezeitschrift „The Stars and Stripes“ den Tod des „Fuehrers“.

In seinem Testament hatte Hitler den Deutschen den Kampf bis zum Letzten aufgetragen. Doch die Truppen waren erschöpft, schlecht ausgerüstet, zerschlagen. Sie hatten sich in Ansammlungen  bewaffneter Männer aufgelöst. Die Alpenfestung erwies sich so als Popanz. Allerdings als einer von Bedeutung. Weil sich die Amerikaner auf den Südosten Bayern hatten lenken lassen, erobern die Sowjets Berlin.

Gefangen in Mitraching

Den Deutschen, die nun in Gefangenschaft gerieten, war das einerlei. Ihr Horizont beschränkte sich für die nächsten Wochen auf Stacheldraht. Genauer: Auf die Einzäunung des ehemaligen Fliegerhorsts in Mietraching, bald eines der größten Kriegsgefangenenlager. „Politische Themen waren kein Gesprächsstoff im Lager.“ Das schreibt einer jener Tausenden Gefangenen in seinen Erinnerungen. Die deutschen Soldaten waren geschlagen. Aber dem „Heldentod“ waren sie glücklich entkommen. Wie sie in Mietraching überlebten -  das ist eine andere Geschichte.

Für Fotos, Literatur und Tipps danken wir dem Stadtarchiv Rosenheim und seinem Chef Karl Mair. Auf der hervoragenden Seite www.stadtarchiv.de finden Sie  unter anderem Audiomitschnitte von Zeitzeugenberichten wie dem von Ludwig Weinberger. 

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