Kreditvergaben in Feldkirchen-Westerham manipuliert? Millionenschaden für Rosenheimer Sparkasse

Bewusst nicht genau hingeschaut haben sollen vier Mitarbeiter der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling bei der üblichen Bonitätsprüfung, die einer Kreditvergabe vorausgehen muss.
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Bewusst nicht genau hingeschaut haben sollen vier Mitarbeiter der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling bei der üblichen Bonitätsprüfung, die einer Kreditvergabe vorausgehen muss.
  • Norbert Kotter
    vonNorbert Kotter
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  • Theo Auer
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Einige Dutzend Fälle von mutmaßlicher Manipulation bei Kreditvergaben erschüttern die Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling. Vier Mitarbeiter müssen sich vor Gericht verantworten. Dem Geldinstitut entstand laut Anklage ein Schaden in Höhe von knapp 1,4 Millionen Euro.

Feldkirchen-Westerham – Über drei Filialen verfügt die Sparkasse im Bereich der Gemeinde Feldkirchen-Westerham. Hier wurden die Geldgeschäfte angebahnt, die jetzt die Justiz beschäftigen. Gegen eine 64-jährige Bankkauffrau und einen 55-jährigen Mitarbeiter, die laut Anklageschrift als Serviceberater für Privatkunden fungierten, wird derzeit vor dem Schöffengericht Rosenheim wegen „Untreue in sechs tatmehrheitlichen Fällen“ verhandelt. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schadenssumme in Höhe von 205 734,50 Euro zu Lasten der Sparkasse aus.

Zwei Mitarbeiter wurden gekündigt

Die beiden Angeklagten befinden sich im Gegensatz zu zwei weiteren Beschuldigten, die sich voraussichtlich im Herbst vor dem Landgericht Traunstein verantworten müssen, noch im Dienst der Bank. Einer 31-jährigen Teamleiterin werden 32 „tatmehrheitliche Fälle von Untreue“ vorgeworfen, einer 33-jährigen Angestellten 34 gleichgelagerte Delikte. Beiden Frauen wurde Ende April 2017 gekündigt. Durch ihr Handeln ist der Sparkasse nach Ansicht der Ankläger ein Schaden in Höhe von 1 164  412,67 Euro entstanden.

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Zwei Kreditvermittler mit türkischen Wurzeln sind zentrale Figuren bei der Abwicklung der Bankgeschäfte und ebenfalls bereits ins Visier der Justiz geraten. Sie brachten im Zeitraum von Anfang Mai 2016 bis Anfang Februar 2017 regelmäßig Kunden zur Sparkasse, deren Kreditwürdigkeit nach den Recherchen der Staatsanwaltschaft nicht gegeben war. Die beiden Männer knüpften nicht nur die Kontakte zum Geldinstitut, sie standen ihren Klienten – überwiegend mit ausländischen Wurzeln – bei der Einfädelung des Kredits und der Abwicklung der Formalitäten „beratend“ zur Seite und sollen bei Bedarf auch als Dolmetscher fungiert haben.

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Angeblich sollen die Vermittler beim Zustandekommen eines Kreditvertrages als Honorar für ihr Wirken von den Darlehensnehmern zehn Prozent der von der Bank zur Verfügung gestellten Summe verlangt haben. Die Rechtmäßigkeit der mutmaßlichen Provisionszahlungen und die Frage, ob die Männer bei der Manipulation von Angaben mitgewirkt haben, die die Kreditnehmer im Rahmen der Prüfung ihrer Anträge machen mussten, stehen im Mittelpunkt der Ermittlungen gegen die beiden Türken.

Hoffnung auf höhere Provisionen als Motiv?

Was die Motivlage der beschuldigten Sparkassen-Mitarbeiter betrifft, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher: Alle vier erhofften sich neben einem gesteigerten beruflichen Ansehen einen Vermögensvorteil in Form höherer Provisionszahlungen. Ihre Gehälter setzten sich aus zwei Komponenten zusammen: einem Festgehalt und einem variablen Anteil in Form von Boni, die sich aus der Höhe der vermittelten Gesamtkreditsumme eines Jahres errechneten. Im Raum stehen zusätzliche Vergütungen zwischen rund 9912 und 21357 Euro, die das Quartett allein für das Jahr 2016 eingestrichen hätte. Da die Sparkasse Verdacht schöpfte, kam es jedoch zu keiner Auszahlung der Provisionen.

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Um an das erhoffte Geld zu kommen, sollen die vier Angeklagten zu pflichtwidrigem Verhalten bereit gewesen sein. So sollen sie unter anderem die wirtschaftlichen Verhältnisse von Kreditnehmern vor der Bewilligung von Darlehen nicht ordnungsgemäß geprüft haben.

Auch Manipulationen durch die Eingabe unzutreffender Angaben in das bankinterne Scoringprogramm, das routinemäßig bei der Prüfung der Kreditwürdigkeit vor der Darlehensvergabe angewandt wird, sollen erfolgt sein. So soll in einem Fall beispielsweise unberücksichtigt geblieben sein, dass ein Kunde bereits eine monatliche Darlehensrate von 693 Euro bei einer anderen Bank begleichen musste.

Monatliche Kosten fürs Auto nicht berücksichtigt?

In einigen anderen Fällen wiederum soll bei der Prüfung der Kreditwürdigkeit die anzusetzende Monatspauschale von 200 Euro für die Kosten eines Autos nicht berücksichtigt worden sein, auch bei der Bewertung von Mietkosten wurde vermutlich getrickst. Außerdem sollen vielfach nicht alle erforderlichen Nachweise für das Monatseinkommen angefordert worden sein. Den Sparkassenmitarbeitern wird vorgeworfen, das „erhebliche „Ausfallrisiko“ von Anfang an erkannt zu haben, aufgrund des erhofften persönlichen Vorteils dennoch pflichtwidrig gehandelt zu haben.

Nur eine knappe Stellungnahme

Zu einem langen Fragenkatalog der OVB-Heimatzeitungen hinsichtlich der Vorgänge äußerte sich die Sparkasse nur knapp. Man gebe zu laufenden Verfahren grundsätzlich keine Stellungnahme ab. Das Geldinstitut bestätigt allerdings, am 17. März 2017 Anzeige wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug gegen Unbekannt gestellt zu haben, nachdem die zweifelhaften Kreditvergaben hausintern bekannt geworden waren. Zur Schadenssumme äußert sich die Bank nicht. Nur so viel: Man verfüge „über weitreichenden Versicherungsschutz, der auch Konsumkredite und strafbare Handlungen umfasst“. Damit bleibt offen, ob Informationen zutreffend sind, denenzufolge der Gesamtschaden bei vier Millionen Euro liegen soll. Die Staatsanwaltschaft nenne nur deshalb eine niedrigere Summe, weil etliche Fälle im Zuge der Anklage „wegbeschränkt“ worden seien.

Unbeantwortete Frage zu Mitarbeiter aus der Führungsriege

Unbeantwortet bleibt vorerst auch die Frage, ob ein Mitarbeiter aus der oberen Führungsriege bereits im Oktober 2016 Kenntnis von den Vergabepraktiken hatte, die jetzt die Justiz beschäftigen. Da in nur einer der genannten Filialen in Feldkirchen-Westerham die Zahl der Kreditgeschäfte rasant nach oben schnellte, soll er damals empfohlen haben, Vertragsabschlüsse mit Hilfe der beiden türkischen Kreditvermittler auch in einer anderen Filiale im Gemeindebereich abzuwickeln.

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