Konzeptlos? Fieberambulanzen für Region Rosenheim/Mühldorf - Ärzte fordern klare Strategie

Das Corona-Testzentrum auf der Rosenheimer Loretowiese: Wo jetzt normalerweise Tausende Besucher beim Herbstfest feiern sollten, werden stattdessen Abstriche in Mund und Nase genommen.
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Das Corona-Testzentrum auf der Rosenheimer Loretowiese: Wo jetzt normalerweise Tausende Besucher beim Herbstfest feiern sollten, werden stattdessen Abstriche in Mund und Nase genommen.
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  • Markus Honervogt
    Markus Honervogt
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Testen, testen, testen, um einer möglichen zweiten Welle Herr zu werden – auf diese Strategie setzen auch die Hausärzte-Vertreter in der Region. Jetzt der Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Fieberambulanzen“ einzurichten. Doch wie sinnvoll ist das? Das sagen die Experten in der Region.

Rosenheim– Zentrale Fieberambulanzen? Grundsätzlich eine gute Idee, stehen die Ärzte-Vertreter aus Rosenheim und Umgebung dem Vorstoß aus Berlin offen gegenüber. Allerdings gilt es noch eine ganze Reihe Fragen zu klären. Das unterstreicht auch Dr. Nikolaus Klecker, Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband und mit Praxis in Rosenheim vertreten. „Zuständigkeit, Kostenübernahme, Verantwortlichkeit, da ist vieles noch unklar“, sagt Klecker.

Dr. Nikolaus Klecker

Als allererstes: Name ändern

Dem kann Daniel Darga, Allgemeinarzt aus Bad Feilnbach, nur zustimmen: „Als allererstes sollte aber der Name Fieberambulanz geändert werden, denn das ist mehr als irreführend.“

Daniel Darga, Hausarzt in Bad Feilnbach

Und: Er vermisst bislang eine grundsätzliche Strategie, wie im Fall weiter ansteigender Fallzahlen mit Covid-19-Patienten und Verdachtsfällen umgegangen werden soll. „Man verlässt sich wieder auf den Idealismus der Ärzte und des Pflegepersonals, dass sie die Herausforderung schon irgendwie stemmen werden.“ Für Darga ein Unding – was er an einem praktischen Beispiel verdeutlicht: „Ist Starkregen angesagt und sollte der Hochwasserschutz noch nicht stehen, sorge ich doch auch mit Sandsäcken vor und warte nicht, was passiert.“

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Corona-Container im Praxis-Garten

Eigeninitiative hat bereits Dr. Florian Bonke mit seiner Corona-Schwerpunktpraxis in Flintsbach an den Tag gelegt – und sich eigens einen Container in den Garten vor der Praxis setzen lassen, in dem er und seine Kollegen nun Verdachtsfälle behandeln.

Dr. Florian Bonke

Doch: Dabei handelt es sich um einen rein persönlichen Vorstoß, „weil wir eben die Möglichkeiten haben“. Viele Kollegen hätten dies nicht, könnten eben nicht einfach Verdachtsfälle von den übrigen Patienten trennen. Und nähme die zweite Welle Fahrt auf, wäre auch die Kapazitätsgrenze seiner Praxis schnell erreicht. „Dann brauchen wir eine oder mehrere zentrale Anlaufstellen im Landkreis“, ist er überzeugt.

Lösung: Testzentrum Loretowiese?

Die Lösung für die Region ist nach Meinung von Dr. Fritz Ihler, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes und Allgemeinarzt in Rosenheim, naheliegend: das Testzentrum auf der Loretowiese für Patienten mit Symptomen frei zu machen. „Das würde die Praxen massiv entlasten, was sich im Frühjahr schon gezeigt hat.“

Dr. Fritz Ihler

Denn für ihn liegt der Schlüssel zum Erfolg im Testen – nur so habe man in Rosenheim die zweite Welle erst einmal abfangen können. „Weil die Infektionen bei Reiserückkehrern erkannt wurden und sie schnell in Quarantäne gingen. Die Akzeptanz der Leute war sehr gut“.

Das Testzentrum Loretowiese auch für Verdachtsfälle zu nutzen – davon rät das Staatliche Gesundheitsamt Rosenheim aktuell ab, wie Sprecherin Ina Krug auf Anfrage erklärte. Zur Entlastung des Gesundheitsamtes würden zwar bereits Kontaktpersonen ersten Grades auf der Loretowiese getestet, weil Kapazitäten vorhanden, doch grundsätzlich soll diese Station symptomfreien Personen vorbehalten bleiben.

In Mühldorf vermisst man rechtliche Grundlagen für eine Fieberambulanz

Die Einrichtung einer Fieberambulanz wie von Gesundheitsminister Jens Spahn gefordert, wäre in Mühldorf von heute auf morgen möglich. Das sagt Allgemeinmediziner Peter Wapler. Er war maßgeblich am Aufbau der Notfallambulanz während der Corona-Krise im Frühjahr beteiligt. „Die Pläne und Konzepte liegen in der Schublade, wir könnten jederzeit wieder anfangen.“

Was fehlt sind nach seinen Angaben die rechtlichen Grundlagen. Im Frühjahr habe es sich um den Katastrophenfall gehandelt, da habe die Landkreisverwaltung die Einrichtung anordnen können. Damit seien die Ärzte in der Lage gewesen, ihre Leistungen über die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) abzurechnen. „Das ist derzeit aber nicht gegeben.“ Die KVB prüfe das Ansinnen Spahns derzeit.

„Die Politik hat wieder mal zu schnell geschossen“

Wapler beklagt, dass es eine Forderung des Gesundheitsministers gebe, ohne das die Grundlagen dafür geschaffen würden. „Die Politik hat wieder mal zu schnell geschossen, und wie müssen jetzt hinterher arbeiten.“ Erst wenn die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen wären, könne eine solche Praxis eröffnet werden. In einem ist sich Wapler mit Spahn einig: Wenn der Herbst kommt, sei eine solche Praxis notwendig, um niedergelassene Ärzte zu entlasten.

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