Interaktive Grafik 2002 - 2020

Kommunalwahl: Eine neue Generation Bürgermeister im Kreis Rosenheim

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Bei der Kommunalwahl 2020 im Landkreis Rosenheim haben in 28 Rathäusern die Bürgermeister gewechselt.
  • Ludwig Simeth
    vonLudwig Simeth
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30 neue Gesichter in den Chefsesseln in Stadt und Landkreis Rosenheim: Das hat es bei einer Kommunalwahl noch nie gegeben.

Landkreis Rosenheim – Ein neuer Landrat (Otto Lederer), ein neuer OB in Rosenheim (Andreas März) und 28 neue Bürgermeister haben ab Mai das Sagen.

Von den 48 Amtsinhabern hörten 25 auf und machten freiwillig Platz für die nächste Generation. Von den verbliebenen 23 wurden fünf abgewählt. So gab es nur in 18 Kommunen keinen Amtswechsel, während die Verwaltungen im Landratsamt und in 29 Rathäusern einen neuen Chef bekommen beziehungsweise – in Bernau und Halfing – eine neue Chefin. Zum Vergleich: 2014 hatten lediglich elf Amtsinhaber aufgehört, 36 traten wieder an, zwei wurden abgewählt und so gab es nur zwölf „Neulinge“ – 18 weniger als im Corona- März 2020.

Die neuen Bürgermeister sind bemerkenswert jung

Die neue Bürgermeister-Generation in der Region ist bemerkenswert jung. Dem Beispiel des parteifreien Christoph Schneider (28 Jahre), der es im November bei der vorgezogenen Wahl in Neubeuern vorgemacht hatte, folgten unter anderem die parteifreien Simon Hausstetter (30) in Rohrdorf und Andreas Friedrich (32) in Prien sowie die CSU-Kräfte Johannes Thusbaß (31) in Prutting, Stephan Schlier (31) in Bad Aibling und Irene Biebl-Daiber (34) in Bernau.

Noch lange nicht zum alten Eisen gehören auch folgende frisch gewählten Anfangs- und Mittvierziger: die parteifreien Simon Frank (40) in Aschau, Christoph Vodermaier (43) in Riedering, Daniel Wendrock (43) in Rott, Thomas Weber (45) in Soyen, Armin Krämmer (45) auf den Chiemsee-Inseln, Karl Mair (46) in Stephanskirchen, Manfred Reithmeier (47) in Ramerberg, die CSU-Kräfte Alois Loferer (42) in Bad Endorf, Stefan Adam (42) in Schechen und Daniel Mair (43) in Frasdorf sowie FW-Wahlgewinner Prof. Dr. Matthias Bernhardt (43) in Oberaudorf.

Deutlich jünger als sein Vorgänger ist auch der 49-jährige Landrat Otto Lederer. Wolfgang Berthaler hatte das Amt 2014 mit 58 angetreten. Rosenheims neuer OB Andreas März ist 47. Gabriele Bauer war 46, als sie 2002 zur ersten Oberbürgermeisterin der Stadt gewählt wurde.

Eine weitere Besonderheit: Erstmals sind die 46 Bürgermeister im Landkreis fünf Parteien und Gruppierungen zuzurechnen: 23 den Parteifreien, 18 der CSU, je zwei den Freien Wählern und der SPD sowie einer den Grünen. Damit haben sich die Freien Wähler um Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und den FW-Landkreisvorsitzenden Sepp Hofer, die im Landtag mitregieren und im Rosenheimer Kreistag sitzen, nach der Abspaltung von Partei freien/ÜWG nun die ersten zwei Bürgermeister-Posten geholt: Bernhardt in Oberaudorf und Paul Dirnecker in Schonstett.

Historischer Sieg im Jahr 2014

Nach dem historischen Sieg von Georg Reinthaler in Eiselfing vor sechs Jahren, der ihn zum ersten grünen Bürgermeister in der Rosenheimer Landkreis-Geschichte machte, kam es also 2020 zu einer weiteren Premiere. Übrigens ist Reinthaler, 2014 Sensationssieger mit nur 29, mit jetzt 35 Jahren der jüngste unter den 18 wiedergewählten Bürgermeistern.

„Bürgermeisterwahlen sind Persönlichkeitswahlen“, hat Sepp Ranner aus Bad Aibling einmal gesagt, der von 1990 bis 2008 für die CSU im Landtag saß. „Man braucht Persönlichkeit, Charisma und Leutseligkeit – basta.“ Dass jeder zweite Rathaus-Chef kein Parteibuch in der Tasche hat, ist also nicht verwunderlich. Doch bis 2014 war das nicht so.

Hatte das Sturmtief „Emma“ am Wahl-Wochenende 2008 nicht nur die Boote auf dem Chiemsee kentern lassen, sondern auch die kommunalpolitische Landschaft in der Region durcheinander gewirbelt, so kam es sechs Jahre später noch dicker für die CSU. Die Flotte der CSU-Bürgermeister wurde zwar nicht versenkt, doch sie schrumpfte von 27 auf 19. Mit einem Schlag waren sie nicht mehr in der Mehrheit. Stattdessen ritten die Parteifreien (von 17 auf 24 Bürgermeister) plötzlich auf der Erfolgswelle. Die Grafik macht deutlich, wie sich die Anteile am Rosenheimer Bürgermeister-Kuchen seit 2002 verändert haben.

Wenig Änderungen bei den Kräfteverhältnissen unter den Parteien

An diesen Kräfteverhältnissen hat sich 2020 wenig geändert – trotz 30 neuer Gesichter. Siege und Niederlagen hielten sich bei CSU und Parteifreien die Waage, beide büßten unterm Strich ein Mandat ein. Bei den Schwarzen waren es diesmal die Stichwahlen, die eine bis dahin durchwachsene Bilanz noch deutlich verbesserten. Fünf von sieben CSU-Kandidaten im Landkreis gewannen ihre Stichwahl – Landrats- und OB-Wahl dazugerechnet, sogar sieben von neun. Nur in Prien und Eggstätt hatten die Parteifreien die Nase vorn. Abgewählt wurde im März 2020 kein einziger CSU-Bürgermeister. Diese bittere Pille mussten diesmal ausschließlich Parteifreie schlucken.

2014 war es genau umgekehrt. Da verloren die CSU-Bewerber fünf von sechs Stichwahlen: in Bad Endorf, sozusagen die Erstauflage des 2020er-Duells, Alois Loferer gegen Doris Laban; in Bernau Christian Hügel gegen Philipp Bernhofer; in Eiselfing Peter Windmaier gegen Georg Reinthaler; in Kiefersfelden Christian König gegen Hajo Gruber; und in Vogtareuth Alexander Unrecht gegen Rudolf Leitmannstetter. Lediglich in Prutting wehrte der amtierende Hans Loy (CSU) den Angriff seines Vorgängers Quirin Meisinger (SPD) ab. Im „Emma“-Rekordjahr 2008 mit elf Stichwahlen hatte die CSU immerhin noch drei von sieben Stichwahlen für sich entschieden.

2020 sorgten aus CSU-Sicht neben den Stichwahl-Erfolgen Vize-Landrat Josef Huber in Babensham mit einem Zuspruch von 83,1 Prozent und Olaf Kalsperger in Raubling mit 80,9 für herausragende Ergebnisse – übrigens die besten Resultate aller Bewerber, die einen Gegenkandidaten hatten. Schmerzen dürfte die Christsozialen, dass sie Amerang und Rohrdorf an die Parteifreien verloren haben und so mancher Kandidat chancenlos war, zum Beispiel in Oberaudorf mit einem Stimmenanteil von 21,5 Prozent, Stephanskirchen (19,7), Kiefersfelden (12,0) oder Höslwang (38,1).

Coup in Stephanskirchen – Dauerduell in Bad Endorf

Die Parteifreien landeten ihren größten Coup in Stephanskirchen, wo Karl Mair (54,9 Prozent) die vierköpfige Konkurrenz schon im ersten Wahlgang ausstach. Besonders pikant: Mair war erst im Frühjahr 2019 von der CSU zu den Parteifreien gewechselt. Auch mit den Erfolgen der neuen parteifreien Bürgermeister gegen CSU-Bewerber in Amerang, Eggstätt, Höslwang, Prien und Rohrdorf war nicht unbedingt zu rechnen. Dass Georg Huber gegen drei Herausforderer auf dem Samerberg um eine Stichwahl herum kam, darf er ebenfalls als Erfolg verbuchen.

Vier Abwahl-Ohrfeigen in Aschau, Bad Endorf, Bernau und Ramerberg trüben die Bilanz der Parteifreien aber erheblich. Dabei galt vor allem im Fall von Doris Laban und Alois Loferer am Simssee: Manchmal trifft man sich im Leben zweimal.

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