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Der Münchener Kunstprofessor Max Kleiber

Unermüdlicher Einsatz für den Berg: Wie die Kirche auf den Wendelstein kam

Kein Photoshop, keine Bearbeitung: Dieses Bild, das Hans Vogt, der ehemalige stellvertretende Betriebsleiter der Wendelsteinbahn, vom Wendelsteinkirchlein gemacht hat, ist Natur pur.
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Kein Photoshop, keine Bearbeitung: Dieses Bild, das Hans Vogt, der ehemalige stellvertretende Betriebsleiter der Wendelsteinbahn, vom Wendelsteinkirchlein gemacht hat, ist Natur pur.
  • VonJohannes Thomae
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Die kleine Kirche auf dem Wendelstein fällt jedem auf, der zu Fuß oder per Bahn auf den markanten Aussichtsberg kommt. Aber wie kam sie da hin? Die Geschichte ist eng verknüpft mit dem Namen Max Kleiber – ein „gefürchteter“ Spendensammler.

Wendelstein – Max Kleiber war beim Münchner Bildungsbürgertum in den Jahrzehnten um die vergangene Jahrhundertwende ein gefürchteter Mann. Nicht weil er ein unangenehmer Mensch gewesen wäre, im Gegenteil, er war eine honorige Persönlichkeit, Professor an der Münchner Kunstgewerbeschule und Dozent an der Akademie der Künste. Was eine Begegnung mit ihm aber gefährlich machte, war sein Spendensammeln. Einer seiner Freunde dichtete damals: „…und es gibt noch viele Jäger, nach dem Glück und Mädchenjäger. Doch an einen Jägersmann denken viel mit Schrecken dran: Der rückt Menschen auf die Leiber, des is der Professor Kleiber.“

Erste ganzjährig geöffnete Gaststätte

Wofür Max Kleiber unermüdlich sammelte, waren Bauten auf dem Wendelstein. Da war zunächst das Wendelsteinhaus, die erste ganzjährig geöffnete Berggaststätte. Dann sammelte Kleiber vor allem für die kleine Kirche auf dem Wendelstein.

Um die Hintergründe zu verstehen, muss man sich ein bisschen in den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts einfühlen. Waren die Berge jahrhundertelang als abweisend und gefährlich angesehen worden, fingen sie jetzt an, verklärt zu werden. Als urtümliche Landschaft, ihre Wildheit wurde zunehmend als schön empfunden. Der Ausbau der Bahnverbindungen machte die Berge südlich von Rosenheim auch für Münchner erreichbar, seit 1858 hatte Brannenburg einen Bahnanschluss, seit 1869 Schliersee. Ein Run auf die Berge setzte ein, das Wendelsteinhaus, 1883 erbaut, hatte 1885 schon 6000 Besucher, im Jahr 1887 musste es bereits erweitert werden.

Kleiber war in den Wendelstein verliebt

Den Anstoß zum Bau der Kirche wiederum gab, so berichtete Max Kleiber selber, das erste Pächterehepaar Johann und Rosa Krimbacher. Kleiber hatte Rosa Krimbacher bei einem seiner zahllosen Wendelsteinbesuche gefragt, wie es denn so ginge mit ihrem Berggasthaus. Es passe eigentlich alles, hatte Rosa Krimbacher gemeint, nur dass sie während der Zeit auf dem Berg in keine Messe mehr komme, das mache ihr zu schaffen. Der Besuch der sonntäglichen Messe war damals eine Christenpflicht, die ernst genommen wurde. Für Kleiber war der Fall damit klar: es musste ein Kirchlein auf den Wendelstein, wo sonntäglich Messen gelesen wurden, nicht nur für die Wirtsleute, sondern auch, um allen Touristen beides zu ermöglichen. In die Berge zu gehen und dennoch ihrer Sonntagspflicht Genüge zu tun.

Professor Max Kleiber hat das vergoldete Turmkreuz selbst auf den Berg getragen und half auch bei seiner Anbringung. Auf dem Bild steht er ganz links außen.

Kleiber war nicht nur bergbegeistert und, wie er selbst sagte, in den Wendelstein verliebt, sondern muss vor allem ein Mann von ungeheurer Tatkraft gewesen sein. Ein Charakterzug, der ihn übrigens auch mit Otto Steinbeis verband, der einige Jahre später die Zahnradbahn auf den Wendelstein baute. Denn was an einem Spätsommerabend 1888 mit einer harmlosen Unterhaltung auf dem Wendelstein begann, war nur ein Jahr später Wirklichkeit geworden.

Im Herbst 1889 stand die kleine Kirche bereits als allseits geschlossener und gedeckter Bau da. Hätten die damaligen Arbeiter das nicht geschafft – sie nicht bis zum Winter „unter Dach“ gebracht – hätte man wohl im darauffolgenden Frühjahr von Neuem beginnen können, denn Eis, Schnee und Frost auf dem Wendelstein sind unerbittlich.

Die ersten Sprengarbeiten bei 20 Zentimeter Schnee

Der Bau in dieser Schnelligkeit ist eine Leistung, vor der man heute nur den Hut ziehen kann. Der Sommer des Jahres 89 war einer der verregnetsten seit Jahren gewesen und – das darf nicht vergessen werden – das gesamte Baumaterial musste auf den Berg getragen werden.

Diese Arbeit übernahmen Arbeiter aus Italien, vor allem aus dem Pustertal. Die erste Mannschaft aus Wolfratshausen hatte schnell das Handtuch geworfen, zu hart die Arbeit, zu scheußlich das Wetter. Denn vor dessen Launen wurde erst kapituliert, wenn es gar nicht mehr anders ging. Noch im Oktober 1888 hatte man bei 20 Zentimeter Schnee mit den ersten Sprengarbeiten begonnen. Die Kirche sollte nach Kleibers Wunsch dorthin, wo bislang nur ein Berggrat war. Selbst für Kleibers Baumeister Otto Schoch beim ersten Ortstermin eine verrückte, eine unmögliche Idee, zumal Kleiber auf dessen Frage: „Wie viel Geld hast denn schon beinander?“ bekennen musste „Bislang noch nichts“.

Malerisch zu jeder Jahreszeit ist das Wendelsteinkirchlein, im Winter aber ganz besonders.

Das aber hat sich offenbar bald geändert, denn Kleiber muss ein rastloser Sammler gewesen sein, die Beziehungen, die er als Kunstprofessor in die besseren Kreise hatte, mit Charme und Geschick ausnützend. Hilfreich auch die schon erwähnte voll aufblühende Bergbegeisterung. Konzerte und Veranstaltungen zugunsten des Baus waren in München bestens besucht, die Presse berichtete wohlwollend darüber.

Kirche am 17. August 1890 geweiht

Dennoch: Wie Kleiber es geschafft hat, in diesem Baujahr nicht nur unermüdlich für Geldnachschub zu sorgen, sondern gleichzeitig in seinen Semesterferien, von Juli bis Oktober, fast ständig als Bauleiter oben auf dem Wendelstein zu sein, bleibt ein Rätsel. Wir wissen aber, dass er als Bauleiter auch selbst ordentlich mit hingelangt hat. Das vergoldete Turmkreuz etwa, 1,40 Meter hoch, einen guten Zentner schwer, hat er auf seinem eigenen Rücken von Bayrischzell auf den Wendelstein geschleppt, dabei jede Hilfe abgelehnt. Und natürlich war er, der Kunstprofessor, auch selbst mit auf dem steilen Kirchendach, um beim Anbringen zu helfen.

Am 17. August 1890 schließlich erfolgte die feierliche Weihe der Kirche. Die Liste derer, die durch ihre Spenden zur Ausgestaltung des Innenraumes beigetragen hatten, liest sich wie ein „Who`s who“ der damaligen Zeit. Doch für Max Kleiber war die Aufgabe, Spenden aufzutreiben, damit noch lange nicht zu Ende. 

Auf der Suche nach weiteren Spenden

Die Kirche musste ja unterhalten werden. Der Verein, der zu diesem Zweck gegründet worden war, löste sich 1903 auf. Von Bayrischzell aus sollte eine Zahnradbahn auf den Wendelstein gebaut werden, die Kirche deshalb in die Verwaltung der dortigen Kirchengemeinde übergehen. Aus der Bahn aber wurde nichts, es musste erst Otto Steinbeis kommen, der nicht lange überlegte und redete, sondern baute und den Gipfel neun Jahre später mit seiner Wendelsteinbahn von Brannenburg aus erschloss.

Dennoch sollte es noch bis 1918 dauern, bis die Kirche an die Pfarrei Großholzhausen-Brannenburg überging. Kleiber, der seit 1903 die gesamte Verantwortung für die Kirche und ihren Unterhalt geschultert hatte, beschrieb diese 15 Jahre des Wartens mit dem Zitat eines Gedichtes von Friedrich Wilhelm Weber: „Zwischen Mögen und Vollbringen liegt bei uns des Zauderns Öde. Und ein Sumpf, ein Tatenmörder, ist der Sumpf der deutschen Rede“.

Immerhin hat Kleiber, der 1930 mit 82 Jahren verstarb, noch miterleben können, wie die Kirche zusammen mit der Zahnradbahn zum eigentlichen Wahrzeichen des Wendelsteins wurde. Bis heute wird die Kirche in den Sommermonaten jeden Sonntag für einen Gottesdienst genutzt.