Der Ort, den das Hochwasser besonders hart traf: Kirchdorf bei Raubling am Tag danach

  • vonBarbara Forster
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Haufenweise Sandsäcke säumen die Straßenränder des Enzianwegs in Kirchdorf bei Raubling. Daneben: der Ammerbach. Am Dienstag hatte der Bach noch Angst und Schrecken im Dorf verbreitet. Der massive Regen hatte ihn und den Litzldorfer Bach zum Überlaufen gebracht und zahlreiche Keller geflutet.

Raubling/Kirchdorf – Entgegen ersten Behördenangaben waren dort zwar nicht alle Untergeschosse vollgelaufen. Doch die Einsatzkräfte gehen von 30 bis 35 Kellern – wenn nicht sogar mehr – aus. Rund 35 Keller mussten die Feuerwehren bis gestern Nachmittag auspumpen. Um die Wassermengen zu dämmen waren etwa 2000 bis 3000 Sandsäcke nötig, berichtet Martin Gruber, Kreisbrandmeister vom Bereich Inntal.

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Heizöl hat sich ins Wasser gemischt

Seit 8 Uhr seien die Feuerwehren damit beschäftigt, die Sandsäcke nach und nach einzusammeln, schildert Gruber. Eine körperlich anstrengende Arbeit, wie der Kreisbrandmeister erklärt. Ein leichter Ölgeruch hängt in der Luft. Das liege daran, dass aus einem der Keller ein Öltank ausgelaufen sei, berichtet Gruber. Dass sich das Öl in den Wassermengen verteile, sei nicht zu verhindern gewesen.

Martin und Dorothee Berchtold stehen in ihrem Keller. Durch den Kellerschacht floss das Wasser in Strömen hinein.

Gruber konnte sich nicht daran erinnern, in Kirchdorf und Umgebung ein Hochwasser wie dieses miterlebt zu haben. 2013 hatte Kirchdorf auch mit Hochwasser zu kämpfen. Aber da habe sich das Wasser auf zwei bis drei Tagen angesammelt. „Dieses Mal sammelte es sich gefühlt in einer Nacht“, so Gruber.

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Eine Pumpe und ein Schlauch liegen vor der Einfahrt

Ein paar Meter weiter am Enzianweg wohnt Familie Gorbach. Eine Pumpe und ein Schlauch liegen vor der Einfahrt. Jochen Gorbach steht im Garten, vor ihm viel Gerümpel. Er bittet ins Haus. Seine Frau Anja entschuldigt sich für die Unordnung. Zurzeit herrsche Ausnahmezustand, sagt sie, während sie in die Küche bittet und einige Dinge vom Tisch räumt.

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Viele, viele Sandsäcke wurden von den Feuerwehren Reischenhart und Pfraundorf eingesammelt.

Am Dienstag sind Jochen und Anja Gorbach aus ihrem Italien-Urlaub heimgekehrt. Jedoch nicht freiwillig. Der Grund für die verfrühte Rückkehr ist der vollgelaufene Keller gewesen. „Unsere Tochter hat uns angerufen und mitgeteilt, dass der Keller unter Wasser stehe“, so Jochen Gorbach.

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Also sind er und seine Frau ins Auto gesprungen und so schnell wie möglich nach Hause gefahren. Gegen späten Nachmittag trafen sie in Kirchdorf ein. Das Auto ließen sie gleich am Pfarrheim stehen. Mit Flipflops an den Füßen seien sie durch das Wasser bis zu ihrem Haus gewatet, schildert Anja Gorbach. Der komplette Enzianweg sei unter Wasser gestanden.

Nachbarn kommen zur Hilfe geeilt

Einige Nachbarn seien ihrer Tochter während ihrer Abwesenheit zur Hilfe geeilt und haben im Keller eine Pumpe angeschlossen. Bis vier Uhr morgens habe Anja Gorbach dann den Keller gewischt. Immer noch seien sie mit Aufräumarbeiten beschäftigt, erklärt Jochen Gorbach. Aber im Vergleich zu ihren Nachbarn seien sie noch glimpflich davongekommen, findet der Familienvater.

Ein Haus weiter wohnen Martin und Dorothee Berchtold. Die 68-Jährige steht vor der Garage und macht einen erschöpften Eindruck. „Heute ist ein besonderer Tag“, sagt sie, während gerade eine alte Hunde-Dame aus dem Haus tapst und ihr die Füße leckt. Den Haustieren gehe es gut. Aber der Keller? Ein einziges Desaster, erklärt das Ehepaar.

Die Pumpe schafft das vorhandene Wasser nicht mehr

Fünf Pumpen seien nötig gewesen, um den etwa 120 Quadratmeter großen Keller auszupumpen, schildert Martin Berchtold. Bereits am Vormittag fing das Drama an: Der viele Regen beunruhigte die 68-Jährige. Und als sie im Keller nachgesehen hätte, bemerkte sie, dass das Wasser bereits über den Kellerschacht hineinlief.

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Martin Berchtold hatte sogleich versucht, eine Taucherpumpe zu aktivieren. „Aber die hat das vorhandene Wasser nicht mehr transportieren können“. Am Vormittag kam es dann noch zu einem Stromausfall. „Und dann waren wir machtlos. Wir mussten zusehen, wie alles hineinlief“, erzählt Dorothee Berchtold. Bis 19.30 Uhr waren sie damit beschäftigt, dass Wasser abzusaugen. Das sei nur mithilfe der Nachbarn und der Feuerwehr Litzldorf möglich gewesen.

Die Gemeinde Raubling hatte das Hochwasser besonders erwischt. Doch während wie hier beispielsweise der Ortsteil Großholzhausen größtenteils mit überschwemmten Straßen davonkam, mussten die Kirchdorfer zumindest in den Kellern ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen.

Auch 2013 seien die Berchtolds vom Hochwasser betroffen gewesen. Das sei allerdings nicht so schlimm gewesen, wie dieses Mal, sind sie sich einig. Aber das wird wieder, ist Dorothee Berchtold überzeugt. Andere hätte es schlimmer erwischt, sagt sie zum Abschied.

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Ein Rundgang an der Kufsteiner Straße zeigt, wie fleißig die Kirchdorfer schon ihre Aufräumarbeiten bewältigt haben. In den Gärten der Anwohner türmen sich Gegenstände. Ein Schlitten, ein Kühlschrank, Wäschehaufen. Eine Anwohnerin berichtet, wie überraschend die Fluten hereinbrachen. Auch bei ihnen wäre das Wasser in den Keller gedrungen. Mit vereinten Kräften konnte sie verhindern, dass das Wasser in das Wohnzimmer lief. Einzelheiten könne sie gar nicht mehr wiedergeben. Zu sehr stand sie unter Adrenalin.

Dank des Bürgermeisters

Unheil habe es aber nicht nur in Kirchdorf gegeben, sondern auch in Großholzhausen, teilte Bürgermeister Olaf Kalsperger gegenüber den OVB-Heimatzeitungen mit. Eine Bilanz könne der Rathauschef noch nicht ziehen: „Das wäre zu früh.“ In den kommenden Tagen werde sich die Gemeinde zusammen mit einem Vertreter der Feuerwehr zusammensetzen und sich beratschlagen, was man innerhalb des Alarmplans ändern müsse. Zudem möchte sich Kalsperger bei allen Helfenden bedanken.

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