LANDGERICHT TRAUNSTEIN

Kinderpornografie als „Selbstversuch“? Bergener (61) „unter Zweifeln“ freigesprochen

Hunderte kinderpornografische Daten fanden die Ermittler auf einem USB-Stick und weitere Datenträgern des Angeklagten.
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Hunderte kinderpornografische Daten fanden die Ermittler auf einem USB-Stick und weitere Datenträgern des Angeklagten.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Weil er Hunderte Dateien mit kinderpornografischem Inhalt besaß, musste sich jetzt ein 61-jähriger Mann vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Vor Gericht gab der Mann an, sich damit einem Selbstversuch unterzogen zu haben, was den Richter letztlich zu einem Freispruch bewegte.

Traunstein/Bergen – Ein 61-jähriger Mann, der früher in Bergen wohnte, saß wegen Besitzes von kinderpornografischen Schriften auf drei Datenträgern jetzt vor dem Amtsgericht Traunstein. Richter Wolfgang Ott sprach den Mann „unter Zweifeln“ frei. Beim Freispruch wird es aber möglicherweise nicht bleiben. Davon ging der Verteidiger nach der Urteilsverkündung mit Blick auf die Staatsanwältin aus, die eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 100 Euro, somit 18 000 Euro, beantragt hatte. Ob die Staatsanwaltschaft Berufung einlegt, steht aber noch nicht fest.

Wohnung durchsucht

Bei einer Durchsuchung der Wohnung durch das Hauptzollamt Augsburg in anderer Sache hatten die Fahnder Mitte 2018 mehrere Datenträger sichergestellt, darunter einen roten USB-Stick. Bei der Prüfung der Daten durch Spezialisten tauchten kinderpornografische Darstellungen auf.

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Daraufhin erfolgten Anfang 2019 nochmalige Durchsuchungen – in der Wohnung wie auch am Arbeitsplatz des 61-Jährigen. Die Ermittler sicherten weitere Datenträger. Ein IT-Spezialist entdeckte sogenannte „Tumbnails“, also verkleinerte Vorschaubilder für gelöschte Dateien, darauf fünf kinderpornografische Bilder von Mädchen zwischen etwa fünf und zwölf Jahren.

Verteidiger Philip Müller aus München erklärte, sein Mandant bestreite, von der Noch-Existenz der Bilder gewusst zu haben. Im Jahr 2008 sei er in Norddeutschland im kirchlichen Bereich mit einer „Missbrauchskampagne“ und einem Urteil wegen „unsittlicher Berührung von Kindern“ konfrontiert gewesen. Deshalb habe er sich damals „mit dem Thema intensiver beschäftigt“: „2008/2009 unternahm der Angeklagte einen Selbstversuch. Er hat Bilder von Kindern abgespeichert, um zu prüfen, ob er entsprechende Neigungen empfindet.“ Das habe sich nicht bestätigt. Deshalb habe er die Daten gelöscht.

„Hohes Interesse an Fotos aller Art“

Der Anwalt fuhr fort, der 61-Jährige habe „hohes Interesse an Fotos aller Art“ und etwa 1,4 Millionen Bilder auf verschiedenen Datenträgern gehabt. Wenn beim Sichten zwischendurch ein Kinderporno-Bild aufgetaucht sei, habe er es gelöscht. „Das scheint nicht geklappt zu haben“, meinte Müller. Der Angeklagte habe nicht gewusst, dass gelöschte Dateien auf dem Rechner verbleiben und nach der Datenübertragung auf andere Träger noch Reste von Kinderpornografie vorhanden waren.

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Die „Thumbnails“ waren nicht strittig. Werner Poppitz, Sachverständiger für IT-Forensik, betonte, die Vorschaubilder seien im Juni, Juli beziehungsweise November 2018 erzeugt worden: „Das bedeutet, die Dateien wurden nacheinander betrachtet. Die ungelöschten Originaldateien müssen zu der Zeit noch da gewesen sein.“

700 FKK-Bilder von Jugendlichen

Von welchen Datenträgern sie ursprünglich stammten, könne er nicht sagen, so der Gutachter. Aufgefallen seien ihm beim Sichten der Dateien auch rund 700 FKK-Bilder von Jugendlichen – „die als nicht strafbar eingestuft wurden“.

Staatsanwältin Karin Hahn sprach von „Indizien, die gegen den Angeklagten sprechen“. Dennoch sei die Einlassung seines Mandanten nicht zu widerlegen, entgegnete der Verteidiger. Der 61-Jährige bekräftigte: „Ich war 2008 sehr verunsichert und habe mir Bilder beschafft – um zu prüfen, ob mich das anmacht. Das war nicht so. Deshalb habe ich sie in Gruppen oder auch einzeln gelöscht.“

IT-Forensiker als Experte im Gericht

Auf die Frage, wie lange die inkriminierten Kinderpornobilder schon im Internet kursierten, erwiderte der IT-Forensiker: „Schon sehr lange. Viele Fotos stammen aus etwa im Jahr 2000 abgescannten Magazinen.“ Aus seiner 17-jährigen Tätigkeit kenne er das eine oder andere Bild.

„Für mich steht der Sachverhalt fest“, eröffnete Staatsanwältin Karin Hahn ihr Plädoyer. Entscheidend sei der zeitliche Abstand, in dem sich der Angeklagte die Bilder angesehen habe: „Das Auseinanderfallen von Thumbnails und Lesezugriff lässt auf Betrachten der Bilder schließen. Damit hat sich der 61-Jährige des Besitzes kinderpornografischer Schriften schuldig gemacht.“ Verteidiger Philip Müller beantragte Freispruch. Wie die Thumbnails entstanden seien, sei nicht aufzuklären. Vielleicht habe sich sein Mandant die Bilder vor dem Löschen nochmal angeschaut. Das sei aber nicht strafbar. Der Anwalt wörtlich: „Es gibt keine Beweise, nur Indizien.“

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Im Urteil führte Richter Wolfgang Ott aus, Thumbnails bedeuteten nicht zwingend strafbaren Besitz. Die Einlassung des Angeklagten sei nicht zu widerlegen. Den „Selbstversuch“ bezeichnete der Richter als „Schmarren“: „Wozu brauche ich dann über 300 Bilder?“

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